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Aus der Stadt Können Hunde auch Corona-Infizierte erkennen, die keine Symptome haben?
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Corona: Tiho testet Hunde – erkennen sie Infizierte ohne Symptome?

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09:22 22.11.2020
Auf der Suche nach Sars-CoV-2: Beagle-Hündin Djaka ist ein gelehriges Tier.
Auf der Suche nach Sars-CoV-2: Beagle-Hündin Djaka ist ein gelehriges Tier. Quelle: Katrin Kutter
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Hannover

Sieben Löcher hat der Kasten mit den Geruchsproben. Die Beagle-Hündin kennt das schon. Schnell streift sie von Loch zu Loch, manchmal steckt Djaka ihre Nase kurz tiefer in eine Öffnung. Dann verharrt sie vor einem Loch, den Blick konzentriert, fast nachdenklich darauf gerichtet. Spürt sie dem Geruch nach, wie ein Weinkenner dem Geschmack eines guten Tropfens?

„Nein, das ist ihr Zeichen, dass sie den gesuchten Geruch gefunden hat“, erklärt Paula Jendrny, Doktorandin an der Tierärztlichen Hochschule Hannover (Tiho). Die Maschine gibt zur Bestätigung einen Piepton ab, dann rieselt etwas Futter in eine Rille. Djaka wedelt zufrieden.

Die Hündin hat bereits häufiger an der Maschine trainiert, mit der Wissenschaftler das Erinnerungsvermögen von Hunden untersuchen. Jetzt kommt dem Apparat eine ganz praktische Bedeutung zu. Die Tiho untersucht, wie zuverlässig die Tiere riechen, ob ein Mensch mit dem Coronavirus Sars-CoV-2 infiziert ist.

Hunde erkennen Covid-19-Kranke am Geruch

Eine erste kurze Pilotstudie mit acht Spürhunden der Bundeswehr hat im Frühjahr bereits gute Ergebnisse erbracht. Nach nur einer Woche Training waren die Tiere in der Lage, mit einer relativ hohen Trefferquote von 94 Prozent zu erkennen, ob ein Mensch positiv oder negativ auf das neue Coronavirus getestet ist. Die Hunde schnüffelten dazu an 1012 Proben aus Speichel oder Atemwegssekreten. Zuvor hatten Mitarbeiter in den RIZ-Hochsicherheitslaboren der Tiho die Sars-CoV-2-Viren inaktiviert, die in einem Teil der Proben enthalten waren. Die im Juli gemeinsam mit Medizinischer Hochschule Hannover, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und Bundeswehr veröffentlichte Studie ist bisher die einzige auf dem Gebiet.

„Wir waren persönlich sehr erstaunt, denn wir hatten nicht erwartet, dass dieses Ergebnis so schnell und einfach zu erreichen ist“, berichtet Professor Holger Volk, Leiter der Klinik für Kleintiere. Bei der ersten Untersuchung lernten die Hunde allerdings nur, zwischen gesunden und schwer an Covid-19 erkrankten Menschen zu unterscheiden.

Spüren Hunde auch Infizierte ohne Symptome auf?

Paula Jendrny schreibt ihre Doktorarbeit über die Corona-Spürhunde. Vorher wollte sie sich eigentlich mit Gangstörungen bei Hunden beschäftigen. Quelle: Katrin Kutter

Die Forscher wollen jetzt in einer vertiefenden Studie nachweisen, dass Hunde verlässlich auch mit Sars-CoV-2 infizierte Menschen ohne Symptome aufspüren. Denn nur dann könnten sie an Flughäfen oder vor großen Veranstaltungen Virusträger herausfiltern und eine Ausbreitung der Krankheit ausbremsen. Am Ende soll auch ein Trainingskonzept für Hunde stehen. „Wir haben schon viele Anfragen von privaten Hundetrainern und Schulleitungen bekommen“, berichtet Wissenschaftlerin Friederike Twele. Volk denkt auch an Assistenzhunde in Seniorenheimen, die Besucher und Mitarbeiter überprüfen könnten.

„Der große Vorteil von Hunden: Sie reagieren in Sekunden, sind schneller als jeder Antigentest“, schwärmt Volk. Die Tiere könnten angesichts knapper Laborkapazitäten bei der Vorauswahl von möglichen Infizierten helfen. Dennoch ersetze ein Spürhund nicht den sicheren PCR-Test, betont der Tierarzt und Neurowissenschaftler.

In der Studie verwenden die Forscher deshalb jetzt auch Probenmaterial von positiv auf Sars-CoV-2 getesteten Menschen ohne Symptome oder mit nur leichten Beschwerden. Außerdem von Patienten mit Atemwegserkrankungen, die von anderen harmloseren Coronaviren hervorgerufen werden. Das Team hofft auf Freiwillige, die Proben abgeben: Sie können sich unter der E-Mail vae.kleintierklinik@tiho-hannover.de melden.

Beagles, Schäferhunde, Labradore im Test

Donnie ist Spürhund der Bundeswehr. Der Belgische Schäferhund hat bereits für die Pilotstudie an Sars-CoV-2-Proben geschnüffelt. Quelle: Roland Alpers/Bundeswehr/dpa

Zum neuen Hunde-Team im Dienste der Wissenschaft gehören zwölf Beagles der Tiho sowie 13 Spürhunde der Bundeswehr, die Deutsche und Belgische Schäferhunde sowie Labradore für den Job ausgesucht hat. „Eigentlich eignen sich alle Hunde dafür, die gerne mit Menschen arbeiten“, berichtet Friederike Twele. Eine besonders lange Schnauze ist allerdings von Vorteil.

Seit einigen Tagen lernen die Bundeswehr-Hunde zunächst die Test-Maschine kennen, mit der Beagle-Hündin Djaka schon so gut vertraut ist. „Eine Software steuert, in welchen Löchern positive oder negative Proben auftauchen. Der Hundeführer kann den Hund daher nicht unbewusst beeinflussen“, erklärt Doktorandin Paula Jendrny.

Die 26-Jährige hat die Erfahrung gemacht, dass Labradore etwas Zeit brauchen, bis sie mit der Maschine zurechtkommen. „Schäferhunde sind schneller, aber dann oft sehr aufgeregt.“ Diese Hibbeligkeit kann zu Fehlern führen. Für die Tiere sei die Suche wie ein Spiel, betont Volk. Sie machten das sehr gerne. Während Beagle Djaka sich über den Hundekuchen als Belohnung freut, fällt für andere Tiere ein Ball aus dem Apparat. Mit der Hunderasse habe das nichts zu tun, erzählt Volk. „Das hängt vom individuellen Charakter des Hundes ab. Manche lassen sich damit besser motivieren.“

Zur Belohnung nimmt Beagle Djaka gerne Futter entgegen. Andere Hunde freuen sich mehr über einen Ball. Quelle: Katrin Kutter

Die Bundeswehr will ihre Spürhunde nach den Tests tatsächlich in der Corona-Detektion einsetzen. In Helsinki erledigen Hunde diesen Job bereits am Flughafen. An Menschen schnüffeln dürfen sie dabei nicht. Denkbar ist, dass Passagiere sich mit einem Tuch selbst Schweiß abnehmen und es in einem sicheren Gefäß verschließen. Allerdings dürfen dabei keine anderen Stoffe ans Tuch gelangen – das könnte die Hunde irritieren. Eine andere Möglichkeit: Medizinisches Personal im Schutzanzug nimmt die Proben.

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Viren selbst sind geruchsneutral

In der neuen Studie arbeiten die Forscher mit aktiven Viren wie es in einer realen Situation vor Ort der Fall wäre. Die Speichelproben auf Baumwolle werden zur Sicherheit im Labor in Spezialgläsern verschlossen. Eine Membran im Deckel ist so durchlässig, dass zwar die feinen Geruchspartikel, aber keine Viren entweichen können.

Dabei sind die Viren selbst sowieso geruchsneutral. „Wir wissen gar nicht, was die Hunde erschnüffeln“, berichtet Volk. Bekannt ist nur, dass Viren den menschlichen Stoffwechsel verändern, wahrscheinlich wenn das Immunsystem auf die Eindringlinge reagiert.

Hündin Djaka beäugt das Spielzeug-Virus, mit dem Professor Holger Volk sie lockt. Doktorandin Paula Jendrny und Wissenschaftlerin Friederike Twele sehen zu (von links). Quelle: Katrin Kutter

Der feinen Nase von Hunden entgeht das offenbar nicht. „Der Geruchssinn der Tiere ist phänomenal. Es ist für uns schwer vorstellbar, wie sie die Welt wahrnehmen“, sagt Volk. Während Menschen 10.000 Gerüche unterscheiden, registrieren Hunde mehr als eine Million Duftnoten. Selbst die Art, wie diese Tiere Düfte erfassen, unterscheidet sie vom Menschen. „Sie benutzen unterschiedliche Nasenlöcher für bekannte und unbekannte Gerüche“, erzählt Jendrny.

Angesichts dieser aus menschlicher Sicht Superkräfte könnten Hunde wahrscheinlich noch wesentlich häufiger in den medizinischen Einsatz gehen. Bekannt ist, dass die Tiere die drohende Unterzuckerung von Diabetikern erkennen, Malaria sowie verschiedene Krebsarten. Wissenschaftlerin Twele wünscht sich mehr Offenheit. „Menschen vertrauen darauf, wenn Spürhunde ein Flugzeug nach Sprengstoff absuchen. Aber wenn es darum geht, Erkrankte frühzeitig zu erkennen, gibt es noch große Zurückhaltung.“

Von Bärbel Hilbig