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Aus der Stadt Onay oder Scholz? Wie die Einwohner in Hannover kurz vor der OB-Stichwahl diskutieren
Hannover Aus der Stadt

Das Hannover-Stichwahlorakel: Wie entscheidet Döhren?

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20:34 01.11.2019
„Ich weiß noch nicht, was ich wähle“: Auf dem Fiedelerplatz kommen Ulrike Gorzelany (v. l.), Uwe Meyer und Sophia Zwanzig ins Gespräch. Quelle: Samantha Franson
Hannover

Hätten wir das amerikanische Wahlsystem, dann wäre Döhren so etwas wie ein Swing-State. Bei der Oberbürgermeisterwahl am vergangenen Sonntag lagen die Kandidaten von Grün und Schwarz, Belit Onay und Eckhard Scholz, fast gleichauf bei gut 30 Prozent. Der SPD-Kandidat Marc Hansmann holte rund 25 Prozent – jede vierte Wählerstimme in Döhren ist damit ein echtes Potenzial für die beiden verbliebenen Stichwahlkandidaten. Kein Stadtteil in Hannover bildet das Ergebnis der Gesamtstadt so gut ab. Umgekehrt heißt das: Wer vorausahnt, wie Döhren entscheidet, weiß vielleicht das Ergebnis der Stichwahl am 10. November.

Schwarz oder grün? Erstmals in Hannover kein SPD-OB

Fiedelerplatz, der zentrale Stadtteilplatz, Sonnenschein und Kinderlachen. Und natürlich ist die Wahl auch ein Thema bei den Eltern. Dass es bei einer hannoverschen OB-Wahl kein SPD-Kandidat in die Endrunde schafft, hat es schließlich noch nie gegeben in den vergangenen 70 Jahren. Das einzige, was man im Moment sicher weiß: Der nächste Oberbürgermeister wird entweder von den Grünen oder der CDU sein. „Ich hätte nie gedacht, dass es mit der SPD so runtergeht“, sagt Uwe Meyer (43). Er ist echter SPD-Stammwähler, kein Parteimitglied zwar, aber eigentlich immer zufrieden damit, wie Hannover seit Jahrzehnten regiert wird. Und jetzt? „Ich weiß noch nicht, was ich wähle“, antwortet er ganz ehrlich.

Wohnungsmangel ist wichtigstes Thema

Die Themen, die die Menschen in Döhren umtreiben, sind ähnlich wie in der Gesamtstadt. Wohnen, Verkehr, Sicherheit, das Miteinander. Ulrike Gorzelany (36) musste wegen des Wohnungsmangels ins nahe Bemerode umziehen. Einer ihrer Wünsche an den künftigen OB wäre daher: „Mehr bezahlbare Wohnungen in Döhren.“ Also, spielen wir das Thema doch einmal durch für eine Wahlentscheidung.

Was ist mit den Wahlversprechen?

Wohnungsbau ja, aber auf dem schönsten Platz des Stadtteils, dem Fiedelerplatz in Döhren? Diese – sehr theoretische – Frage verneint die gesamte Runde. Quelle: Google-Maps

CDU-Mann Scholz und Grünen-Mann Onay versprechen beide, den Wohnungsbau zu intensivieren. „Aber hier ist ja kein Platz für mehr Wohnungen“, sagt Gorzelany und schaut sich um. Man könnte natürlich – ganz theoretisch – auf den Fiedelerplatz noch ein paar Mehrfamilienhäuser bauen, Fachleute nennen das Nachverdichtung. Das aber kommt für keinen in der Runde infrage: „Dann wäre dieser Fleck ja tot“, sagt Meyer.

Das könnte ein kleiner Punkt für Scholz sein, denn die Bebauung der Stadtplätze in der Innenstadt hat Rot-Grün ziemlich viel Ärger beschert. Aber soll man stattdessen Grünflächen bebauen wie etwa die nahe Bernwardswiese? „Nein, gerade die Nähe zum Grün macht Döhren ja so attraktiv“, sagt Gorzelany. Das könnte jetzt ein kleiner Punkt für Onay sein, der ausschließt, Naturflächen wie die Stöckener Schwarze Heide dem Wohnungsbau zu opfern. „Aber irgendwo muss es ja sein, wenn man bauen will“, sagt Meyer ganz realistisch. Es ist irgendwie schwierig mit den Wahlversprechen, wenn es konkret wird.

Autofreie Innenstadt – kein Wählerschreck

Die autofreie Innenstadt, Wahlversprechen von Onay bis 2030, schockt niemanden der Eltern hier. „Wir haben zwar ein Auto, sind aber am liebsten mit dem Fahrrad unterwegs – das ist Balsam für die Seele“, sagt Sophia Zwanzig (28). Autobesitzer, Fahrradfahrer – ist das jetzt eher ein Punkt für den langjährigen Automanager und ehemaligen VWN-Chef Scholz oder für den Verkehrswende-Fan Onay? Man weiß es nicht. Zwanzig aber hat sich schon entschieden: „Ich werde grün wählen“, sagt sie: „Seit ich Mutter bin, werden die Umweltthemen für mich immer wichtiger.“

Wie wählen Familien? Wie die Senioren?

Wählt so wie ihre ganze Familie: Ingrid Tasch und Hund Almy in Döhren. Quelle: Samantha Franson

„Ja, die jungen Familien wählen wohl vor allem grün“, sagt Ingrid Tasch (82), die mit ihrem Hund Almy am Spielplatz vorbeischlendert. „Mein Kandidat ist schwarz, und so wählt auch meine ganze Familie.“ Warum? „Hannover hat dringend mal etwas anderes verdient“, sagt die Döhrenerin und fügt hinzu: „Obwohl ich weiß, dass Herr Scholz es nicht leicht haben wird, nachdem die Stadt so lange SPD-regiert wurde und die Mehrheit im Rat gegen ihn ist.“

„Glücklich mit Onays Abschneiden“

Stephan Hansen (44) würde in einem Punkt mit Ingrid Tasch übereinstimmen. „Alles, was die verkrusteten Strukturen in Hannover aufbricht, kann nicht schlecht sein“, sagt der Justiziar. Aber er zieht den umgekehrten Schluss daraus. „Ich bin mit dem Abschneiden von Herrn Onay glücklich.“ Um 49 Stimmen hatte der die Nase vorn beim ersten Wahlgang. Hansen glaubt, dass einige potenzielle Scholz-Sympathisanten in der Wahlkabine überrascht waren: „Auf seinen Plakaten betont er seine Unabhängigkeit und zeigt nirgends ein Parteilogo, und auf dem Stimmzettel steht er auf einmal als CDU-Mann – das wird viele abschrecken.“

OB-Wahl 2013 war völlig anders

In Döhren allerdings hat der CDU-Mann fast genau das Wahlergebnis der vorigen OB-Wahl von 2013 gehalten – 32,6 Prozent waren es damals (aktuell: 31,6). Der Grünen-Kandidat hat sein Ergebnis im Stadtteil von 10,8 auf 30,3 Prozent fast verdreifacht, der SPD-Kandidat ist von 50,5 auf 25,9 Prozent abgestürzt. Es muss also viele bisherige SPD-Wähler geben, die sich umentschieden haben. Wie Sabine Balzer.

„Für mich zählt mein Bauchgefühl“

Am Ende sei es für viele ein Bauchgefühl, wie sie sich entscheiden, gibt sie ehrlich zu, während sie beim Bäcker einen Kaffee in der Sonne trinkt. „Ich habe mein Leben lang SPD gewählt und jetzt erstmals grün“, verrät sie. Und sie werde es wieder tun bei der Stichwahl. Ihr gefalle, dass Onay nach dem ersten Wahlgang ein„Danke“ auf seine Plakate geklebt hat. Echte Argumente aber für ihre Entscheidung könne sie nicht nennen: „Da wird so viel gesagt und geschrieben – für mich zählt jetzt mein Bauchgefühl.“

Briefwahl schon erledigt

„Mein Kandidat ist in der Stichwahl“: Weil Jörg Schmidt am 10. November keine Zeit hat, gibt er seine Stimme per Briefwahl ab. Quelle: Samantha Franson

Auch der Döhrener Jörg Schmidt (48) hat sich bereits entschieden. Mit seinem rosafarbenen Briefwahl-Umschlag geht der Geograph zum Postkasten am Fiedelerplatz. „Am 10. November habe ich keine Zeit für die Stichwahl“, sagt er und verrät nur so viel: „Mein Kandidat ist in der Stichwahl.“ Welcher es ist? Das bleibt sein Wahlgeheimnis. Aber seine Stimme ist im Kasten – und wer weiß, vielleicht wird das Döhrener Ergebnis wieder ein Orakel für das Gesamtstadt-Wahlergebnis.

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