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Aus der Stadt Geplant, aber nie gebaut: Diese Üstra-Strecken lassen auf sich warten
Hannover Aus der Stadt

Das sind die ungebauten Stadtbahnstrecken der Üstra in Hannover

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17:33 27.08.2019
Prestige- und Infrastruktursymbol Stadtbahn: Viele Kommunen wollen einen Anschluss für ihre Neubaugebiete. Quelle: Torsten Lippelt
Hannover

Pech gehabt. Jahrelang hatte sich die Kleinstadt Pattensen Hoffnung auf einen Stadtbahnanschluss gemacht. Fast zehn Jahre lang wurde darüber diskutiert – zwischen 1996 und 2005. Jetzt schien die Chance zur Realisierung in greifbare Nähe gerückt: Die Stadtbahntrasse 7 wird aktuell von Hannover ins benachbarte Hemmingen verlängert, nach Pattensen wären es über den Hemminger Ortsteil Arnum dann nur noch 5,5 Kilometer.

Jetzt steht ein Wohngebiet im Weg

Doch eine Anfrage bei der zuständigen Regionstochter Infra brachte Ernüchterung: Das in den vergangenen Jahren gewachsene Pattenser Neubaugebiet Mitte-Nord steht nun im Weg, die Trasse ist schlicht schon zugebaut.

„Völlig abwegig“ sei heute eine Stadtbahnlinie nach Pattensen, sagt Infra-Geschäftsführer Christian Weske: „So ein Projekt wird auch langfristig wirtschaftlich nicht darstellbar sein.“

„Völlig abwegig“: Infra-Geschäftsführer Christian Weske über eine Stadtbahnlinie nach Pattensen –hier 2018 beim Umbau am Steintor. Quelle: Tim Schaarschmidt

Wirtschaftlichkeit – das ist immer wieder das schlagende Argument bei Diskussionen über Stadtbahnverlängerungen. Nicht nur die Räte der Nachbarkommunen Hannovers wünschen sich solche Infrastrukturprojekte, sondern auch für Neubaugebiete in der Stadt sind Stadtbahnanschlüsse begehrt, weil sie Urbanität versprechen und schnelle Verbindungen garantieren.

Aber sie kosten eben auch viel Geld: 10 bis 20 Millionen pro Kilometer. Sobald es politische Mehrheiten für einen neuen Stadtbahnanschluss gibt, werden Gutachter in Marsch gesetzt, die die Kosten in ein Verhältnis setzen zum angenommenen Nutzen. Meist geht es negativ aus, wie zum Beispiel jüngst beim erhofften Anschluss des Neubaugebiets Wasserstadt Limmer im Westen Hannovers.

Das sind einige gescheiterte Trassenpläne:

1800 Wohnungen entstehen in den kommenden Jahren auf der alten Conti-Industriebrache in Limmer. Die Ratspolitik wünscht einen komfortablen Stadtbahnanschluss. Zuständig für Trassenplanung aber ist die Region. Von ihr beauftragte Gutachter haben sämtliche Varianten für einen Anschluss des Neubaugebiets für unwirtschaftlicherklärt. Hannovers Ratspolitik reagierte wütend, Stadtbaurat Uwe Bodemann kündigte an, die Stadtspitze prüfe, den Anschluss selbst zu finanzieren.

Bekommt wohl keinen Stadtbahnanschluss: Das Areal, auf dem die Wasserstadt gebaut wird. Quelle: Moritz Frankenberg

In der Debatte um die Anbindung der Wasserstadt Limmer schlugen Hannovers Grüne und die Rats-FDP vor, einen neuen Stadtbahnast für die Linie 10 über die Wasserstadt und Seelze-Velber bis nach Seelze-Süd zu bauen. Weil damit mehr Menschen einen schnellen Anschluss in Hannovers Zentrum bekämen, steige die rechnerische Wirtschaftlichkeit. Die Idee wurde in Seelze begeistert aufgenommen, aber nicht weiter verfolgt.

Nur mit dem Bus zu erreichen bisher: Das Baugebiet Seelze-Süd westlich von Hannover. Quelle: Heike Baake

Hemmingen-Arnum:

Derzeit wird an der Stadtbahn nach Hemmingen-Westerfeld gebaut, 2023 soll sie rollen. Die Diskussion dazu läuft seit den Neunzigerjahren. Eine Option ist seitdem im Gespräch: die Verlängerung in den größten Hemminger Ortsteil Arnum. Terminiert ist sie nicht, aber die Trasse wird (im Gegensatz zur Pattenser Panne) freigehalten.

D-Tunnel in der City:

Das Konzept der hannoverschen Stadtbahn ist eindeutig: Im Umland fährt sie oberirdisch, in der dicht bebauten Innenstadt unterirdisch.

Bei der D-Linie ist dieses Konzept in den Siebzigerjahren nicht fertiggebaut worden und wird nun wohl nie vollendet: Die Linien 10 und 17 fahren in der Innenstadt oberirdisch. Das hat viel Streit gegeben, die Fronten sind noch heute verhärtet. Unter der Station Hauptbahnhof liegt eine im Rohbau fertiggestellte Geisterstation für die D-Linie, am Steintor und an der Marienstraße sind Vorbereitungen für Tunnelstationen geschaffen – und auch im Fundament der 2006 neu gebauten Ernst-August-Galerie sind Vorrichtungen eingeplant, um eine Tunnelstation anschließen zu können.

Mit dem gerade fertiggestellten Neubau der oberirdischen Trasse bis zum ZOB aber sind Fakten geschaffen: Der D-Tunnel dürfte auf absehbare Zeit nicht mehr kommen.

Geisterstation unter dem Hauptbahnhof: Gebaut, aber nie in Betrieb. Quelle: haz.de/Screenshot

Als eine der letzten oberirdischen Strecken in Hannover muss die Linie 10 durch die Limmerstraße barrierefrei ausgebaut werden – darum gibt es seit Jahren Streit. Kaufleute und andere Anlieger fürchten, dass es in der Fußgängerzone zu eng wird, sie fordern daher einen Tunnel. Die Region hält das für absurd.

Limmerstraße in Linden: In der Nähe soll ein Hochbahnsteig gebaut werden. Quelle: Tim Schaarschmidt

Das sind aufgegebene Strecken:

Erst vor zwei Jahren wurde der Streckenast zwischen Hauptbahnhof und Aegidientor aufgegeben: Die Straßenbahn rollt jetzt auf kurzem Weg zum ZOB unterm alten Fernsehturm. Die Strecke war kurz zuvor für 2,5 Millionen Euro saniert worden, das hatte Ärger ausgelöst. Was mit der stillgelegten Trasse passiert, ist noch unklar.

Was passiert mit der Trasse am Aegi? Inzwischen fährt dort keine einzige Stadtbahn mehr – aber die Gleise liegen noch. Quelle: Rainer Droese

Hildesheim, Gehrden, Burgwedel:Der prominenteste aufgegebene Streckenteil ist der nach Hildesheim. Alte Hannoveraner berichten häufig, wie sie mit der Überlandbahn Üstra in die große, südliche Nachbarstadt zuckeln konnten. Auch gab es Strecken in andere Umlandstädte, etwa zum Berggasthof Gehrden und weiter nach Barsinghausen sowie nach Burgwedel. Die Strecken wurden mit der zunehmenden Verbreitung des Autos in den Sechzigerjahren aufgegeben. Stattdessen führen dort heute S-Bahnverbindungen sowie (Sprinter-)Buslinien in die Nachbarstädte.

Das sind die jüngsten Streckenerweiterungen:

Kronsberg: Die größte jüngere Netzerweiterung war die Verlängerung der Stadtbahn zum Neubaugebiet Kronsberg anlässlich der Weltausstellung Expo 2000 (D-Süd). Ab Clausewitzstraße biegt die neue Linie 6 zum Messe-Osteingang ab und erschließt auf acht Kilometern Neubaustrecke die Stadtteile Bult, Bemerode, Kirchrode und das Wohngebiet Kronsberg.

Anderten, Misburg:2002 wurde Anderten wieder an das Stadtbahnnetz angeschlossen, 2014 folgte die Strecke nach Misburg – die einst selbstständige Stadt hatte 59 Jahre keinen Anschluss.

Isernhagen:Mit der Erweiterung der Trasse nach Altwarmbüchen (2006) fährt die Stadtbahn für etwa 200 Meter wieder auf dem Gebiet der Nachbargemeinde Isernhagen.

Über diese Verlängerungen wird aktuell diskutiert:

Garbsen:Die größte Stadt im Umland hat zwar ebenso wie Laatzen und Langenhagen schon seit Jahrzehnten wieder einen Stadtbahnanschluss. In Garbsen aber könnte jetzt die Verlängerung bis zur Shopping-Plaza aktuell werden – Bürgermeister Christian Grahl drängt auf einen Baubeginn 2024. Auch eine Verlängerung etwa zum neuen Uni-Campus ist immer wieder im Gespräch.

Langenhagen: Vielleicht aber ist Langenhagen schneller. Dort will die Stadtspitze eine Verlängerung der Stadtbahntrasse bis an die Pferderennbahn, wo jetzt auch das neue Schwimmbad steht und bis 2022 ein Gymnasium gebaut wird. Die Trassenplanung steht bereits im Nahverkehrsplan der Region – aber noch ohne Realisierungsdatum.

Die Wasserwelt in Langenhagen: Wird die Stadtbahn bis dahin verlängert? Quelle: Clemens Heidrich

Davenstedt: Denkbar ist auch eine Zweigstrecke der Stadtbahn in Hannover nach Davenstedt. Bisher zweigt die Straßenbahn am Lindener Hafen ab und führt nach Badenstedt. Von einer Parallelstrecke nach Davenstedt könnten Tausende Haushalte profitieren. Diese Variante steht noch immer im offiziellen Nahverkehrsplan der Region. Sie gilt aber eigentlich als verworfen, weil laut Gutachtern bei Investitionskosten in Höhe von 14 bis 20 Millionen Euro nur bis zu 2400 Fahrgäste pro Tag erwartet werden – damit gilt das Projekt als rechnerisch unwirtschaftlich.

Expo-Park/Laatzen:Immer wieder wird über eine Verlängerung der Linie 6/Messe-Ost in Richtung Ikea und vielleicht sogar bis an das Einkaufscenter in Laatzen diskutiert. Das würde auch dem Neubaugebiet Kronsberg-Süd zugute kommen. Bisher aber scheitern solche Debatten stets am Wirtschaftlichkeitskriterium.

Wasserstadt: Die Region hält die Stadtbahnerweiterung zum Neubaugebiet Wasserstadt Limmer zwar für unwirtschaftlich. Die Diskussion dazu aber ebbt nicht ab.

Sallstraße: Der OB-Kandidat der SPD, Marc Hansmann, hat eine zweite Stadtbahntrasse durch die Südstadt wieder ins Gespräch gebracht. Es wäre die Verlängerung der Linie 10 vom Hauptbahnhof (endet jetzt am ZOB) über die Berliner Allee, die Sall- und Jordanstraße zum Bismarckbahnhof. Das Problem: Die Sallstraße ist gerade mit hohem Aufwand erneuert worden. Aber bisher ist es auch nur ein Vorschlag eines Kandidaten im Wahlkampf.

Ist Wirtschaftlichkeit das richtige Kriterium?

Regionspolitiker von den Grünen sowie aus der Fraktion „Die Region“ stellten 2018 infrage, ob Wirtschaftlichkeit das zentrale Kriterium für einen Stadtbahnanschluss sein dürfe. Angesichts der Debatte um den Klimawandel müssten andere Kriterien gelten, sagte etwa Regionspolitiker Adam Wolf in der Debatte um den Stadtbahnanschluss für die Wasserstadt: „Guter ÖPNV ist niemals wirtschaftlich.“

Info: So lang ist Hannovers Stadtbahnnetz

Das Gleisnetz der Infra, auf der die Üstra-Stadtbahnen rollen, hat eine Streckenlänge von 123 Kilometern. Die Gleislänge (fast überall gibt es zwei Gleise pro Strecke) beträgt 245,5 Kilometer, wovon 37,2 Kilometer im Tunnel (15,2 Prozent) und die restlichen 208,3 Kilometer oberirdisch verlaufen (84,8 Prozent).

Jeden Tag befördert die Üstra Zehntausende Hannoveraner zur Arbeit, zur Universität oder in die Schule. Das sollten Sie über das Unternehmen wissen.

Von Conrad von Meding

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