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Aus der Stadt Wenn das Herz nicht mehr fröhlich ist
Hannover Aus der Stadt Wenn das Herz nicht mehr fröhlich ist
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06:00 08.01.2019
„Irgendwann war mein Herz einfach nicht mehr fröhlich“: Merle Meier ist nach einem Selbstmordversuch querschnittsgelähmt. Mittlerweile beschreibt sie sich als „vollkommen glücklich“. Sie ist verheiratet, beruflich ausgelastet und vielseitig engagiert. Quelle: Samantha Franson
Hannover

Über Jahre in ihrer Teenagerzeit hat Merle Meier einfach nur funktioniert. Sie war eine angepasste Jugendliche, die nicht weiter auffiel. „Ab einem bestimmten Zeitpunkt wollte ich diese Rolle nicht mehr, ich wollte Rebellion und habe einiges gemacht, was meiner Umgebung nicht gefallen hat“, sagt die junge Frau. Sie ging eine Beziehung ein, die ihr nicht gut tat, verlor den Anschluss an Freunde und Familie. Wurde leer und unglücklich. Langsam und schleichend ist Merle in die Depression gerutscht. „Irgendwann war mein Herz einfach nicht mehr fröhlich.“

So wie Merle Meier geht es Jugendlichen immer häufiger. Sie kommen mit ihrem Leben nicht mehr zurecht, haben Konflikte in Familie und Schule oder mit traumatischen Erfahrungen zu kämpfen. Eine aktuelle Studie des Robert-Koch-Instituts zeichnet ein düstereres Bild: Demnach sind knapp 17 Prozent der Schüler psychisch auffällig. Das entspricht mehr als zwei Millionen Jugendlichen. Allerdings suchen auch immer mehr junge Männer und Frauen professionelle Hilfe in einer Beratungsstelle. „Wir verzeichnen einen Zuwachs an Jugendlichen, die zu uns kommen“, sagt Melanie Kieback, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin in der evangelischen Beratunsgsstelle Oskar-Winter-Straße in der List. Mittlerweile werden auch Präventionskurse in Schulen angeboten. „Mit Klassen des neunten Jahrgangs besprechen wir dann Gefühle und Erlebnisse, die die jungen Menschen aus der Bahn werfen, verunsichern oder in eine Depression führen können“, so Kieback. Ausgrenzung, Stresssituationen und Versagensängste etwa seien da ein großes Thema,

„Alles war finster“

Merle Meier hat sich auch Hilfe gesucht, war sogar in der Psychiatrie. Den Wunsch, ihrem Leben ein Ende zu setzen, hat das nicht beeinflusst. „Ich habe morgens schon den Gedanken nicht ausgehalten, dass der Tag beginnt. Alles war finster“, sagt die Mittdreißigerin heute. Das Gefühl, dass kein Gefühl mehr da war, sei unerträglich gewesen. Eine Zeit lang wurde sie in einer Tagesklinik betreut, „aber auch da habe ich in den Mittagspausen nur daran gedacht, wie ich an genügend Tabletten kommen kann.“ Mit den Tabletten ging das schief, Merle Meier erbrach die Medikamente. Als sie den endgültigen Entschluss gefasst hatte, ihr Leben auf eine andere Weise zu beenden, hatte sie einen guten Tag. „Die positive Energie ist durch das Fassen des Entschlusses entstanden“, so die zierliche Frau. Alles sei tot in ihr gewesen, es musste etwas passieren. Merle Meier hat sich zum Joggen angezogen und ist los gelaufen. Sie ist auf einen Strommast geklettert und hat entschlossen an die Leitungen gegriffen. Die Folge – ein Sturz aus zehn Metern Höhe. Merle hat überlebt, sie ist seitdem querschnittsgelähmt und sitzt im Rollstuhl.

„Lügen geht ganz wunderbar“

„Wenn die Jugendlichen, die wegen Depressionen in Therapie sind, zu gut gelaunt sind, kann das sowohl ein Zeichen für Besserung als aber auch ein Alarmsignal bedeuten“, betont Christa Rempe-Zurheiden von der Beratungsstelle Osterstraße. Merle hatte den Betreuern in der Tagesklinik das Versprechen gegeben sich nichts anzutun über das Wochenende. „Lügen geht ganz wunderbar, wenn der Tod als einzige Lösung erscheint“, meint Merle Meier. „Suizid ist eine Entscheidung der Betroffenen, auch die größte Aufmerksamkeit kann da nicht immer helfen. Man kann in die andere Seele einfach nicht hineinschauen, Handwerkszeug kennt Grenzen“, sagt Melanie Kieback. Allerdings gebe es in der Therapie klare Punkte „wo ich weiß, ich kann die Jugendlichen nicht alleine lassen.“

Im Nachhinein hätte Merle sich gewünscht, dass sie frühzeitig in eine stationäre Klinik eingewiesen und auch zu Medikamenten verdonnert worden wäre. Als sie damals nach dem Sturz vom Strommast nach vier Wochen in der Klinik wieder aus dem Koma erwacht, denkt sie nur eins: „Es ist die Hölle, ich lebe ja immer noch. Und kann jetzt nicht einmal mehr die Beine bewegen.“ Nach so einem Trauma sei es besonders wichtig, den Patienten Wege aufzuzeigen, wie sie wieder glücklich sein können“, sagt Christa Rempe-Zurheiden. Es gelte Alternativen aufzutun, die sich anders anfühlen und das Schöne des Lebens in den Fokus rücken.

Vor allem die Zeit der Pubertät im Teenageralter als auch der Übergang zum Erwachsenleben um die 20 Jahre sind die gefährlichen Zeiten für das Enwickeln einer Depression“, sagt Psychotherapeutin Kieback. In diesen Phasen erlebten die jungen Menschen die meisten Brüche. Ihre Kollegin Rempe-Zurheiden sieht die Entwicklung, dass sich Jugendliche bei Problemen schneller Hilfe holen, durchweg sehr positiv. „In einer Krisensituation nicht weiter zu versinken sondern mit Experten zu sprechen, auch inwieweit überhaupt Depressionen vorliegen, ist ungemein hilfreich.“ Bei vielen kleineren Krisen könnte Jugendlichen dabei kurzfristig geholfen werden, „bei großen Problemen aber sollte das Thema Suizidgedanken unbedingt angesprochen werden.“

Autorin und Sozialpädagogin

Merle Meier hat sich buchstäblich aus ihrem Trauma herausgearbeitet. Sie hat –Jahre nach den tragischen Ereignissen – es geschafft, ein Buch zu schreiben, im Selbstverlag, zu beziehen nur über Amazon. „Mein Selbstmord ist mein Anfang“ hat es die junge Frau genannt, die mit einer halben Stelle als Sozialpädagogin für die Region Hannover arbeitet und in der anderen Zeit mit Kursen, Therapien und Achtsamkeitstraining Menschen begleitet und berät, die in einer schwierigen Lebensphase stecken. „Ich bin mit den Betroffenen auf Augenhöhe, das schafft eine besondere Nähe.“ Es sei ganz wichtig, die eigenen Kraftquellen zu entdecken, betont auch Kieback. „In den Therapiegesprächen suchen wir nach Lösungen, den Kreislauf von Wut, Enttäuschung und Verzweiflung zu durchbrechen.“

Je nach Intensität der depressiven Symptome, der Fähigkeit, alterstypische Aufgaben weiterhin wahrzunehmen und der Aktualität von Selbsttötungstendenzen variiert eine Therapie von ambulant - teilstationär - stationär, offen - stationär oder geschlossen, erläutert Jugendpsychiaterin Katrin Große-Wortmann. Einzelgespräche legen den Fokus auf Anwesenheit und Abwesenheit depressiven Verhaltens - in welchen Kontexten sind sie besonders ausgeprägt? Es werde nach Auslöser aber auch Sinnhaftigkeit depressiven Verhaltens gesucht. „Zudem sind Ressourcenaktivierung aber auch Familien- oder Schulgespräche sowie Psychopharmakatherapie ein zentrales Thema in der Therapie“, so Große-Wortmann.

Merle Meier hat das hinter sich gelassen, heute therapiert sie selbst. „Ich bin mittlerweile vollkommen glücklich. Verheiratet, beruflich ausgelastet und engagiert.“ Ihr Arzt habe ihr unlängst von neuen Methoden erzählt, mit denen sie vielleicht wieder laufen könne. „Aber ich will sitzen bleiben, das symbolisiert meinen Weg ins Leben.“ Innerlich steht sie ja täglich auf, das zählt.

Hilfe bei Lebenskrisen junger Menschen

Hilfe und Therapie in Krisensituationen und Suizidprävention für junge Menschen gibt in unter anderen in folgenden Einrichtungen:

– Beratungsstelle Osterstraße, Telefon 363658, info@beratungsstelleosterstrasse.de, offene Jugendsprechstunde donnerstags 16 bis 17 Uhr

–Beratungszentrum Oskar-Winter-Straße, Telefon 625028, ev.beratungszentrum.hannover@dw-h.de

– Familienberatungsstelle der Stadt Hannover, Telefon 16844403, 51.3@hannover-stadt.de

– Winnicott Institut, Telefon 80049711, brylla@winnicott-institut.de

– Sozialpsychiatrische Beratungsstelle der region, Telefon 61626535

– Niedersäschsische Landesschulbehörde, Schulpsychologie, Telefon 106-7176

–Kinder –und Jugendkrankenhaus auf der Bult, Jugendpsychiatrie, Telefon 81155541, butzmann@hka.de

Wer mit Merle Meier Kontakt aufnehmen möchte, kann dies unter info@therapie-merle-meier.de tun. sub

Von Susanna Bauch

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