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Aus der Stadt Erstes Minihaus für Obdachlose entsteht in Hannover
Hannover Aus der Stadt Erstes Minihaus für Obdachlose entsteht in Hannover
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00:21 22.12.2018
Letzte Handarbeit am Drei-Quadratmeter-Haus. Quelle: Heidrich
Hannover

Um Obdachlosen eine Unterkunft zu zimmern, brauchen Sven Lüdecke, 41, und seine Helfer: grobe Spanplatten, PVC-Fußboden, Styropor, zwei Kippfenster und eine Tür. Die fertige Box steht auf Schwerlastrollen, innen ist sie mit Campingtoilette, Feuerlöscher, Erste-Hilfe-Kasten und Rauchmelder ausgestattet. Beim Baumarkt kostet alles Material zusammen 1050 Euro. Ein Mensch kann gut stehen in diesem Obdach oder sich am Boden ausstrecken. Viel Grundfläche gibt es nicht, es sind knapp über drei Quadratmeter. Am Mittwoch schraubten und sägten der Kölner Lüdecke und freiwillige Helfer seines Vereins „Little Home“ das erste Häuschen in Hannover zusammen. Im Januar soll ein weiteres folgen, 25 sind auf lange Sicht geplant. Bundesweit hat der Verein bislang 67 Unterkünfte in mehreren Großstädten an Obdachlose verschenkt.

Verein „Little Home“ baut für Obdachlose

„Unsere Unterkünfte lösen nicht das Problem der Obdachlosigkeit, aber wir sehen sie als Chance, die Straße zu verlassen“, sagte Sven Lüdecke auf dem Parkplatz eines Baumarkts in Linden am Rande einer kleinen Flatterband-Baustelle. Am Donnerstag wird es offiziell verschenkt. Besitzer sollen sich verantwortlich fühlen, während der Verein nicht mehr in der Verantwortung steht, wenn sein Geschenk beschädigt wird. Eine Bewohnerin ist bereits ausgewählt, nach Gesprächen mit „30 bis 40“ Bewerbern fiel die Wahl des Vereins, es gibt auch einen hannoverschen Ableger, auf eine Frau. Erika, 62 Jahre alt, seit Februar 2016 nach langer Leidensgeschichte obdachlos und mit viel schlechter Erfahrung in Heimen. Ihr Häuschen wird bald auf einem Kirchengrundstück stehen. Lüdecke sagte, der Verein habe sie ausgewählt, weil sie im Laufe der Zeit eine Abwehrhaltung entwickelt habe und oft anecke. „Wir wollten ihr zeigen, dass sie trotzdem etwas bekommen kann.“ Gefällt ihr der Standort nicht, kann sie ihn an eine andere Stelle schieben. Dies ist ein weiterer Vorzug der Rollen unterm Haus: Besitzer brauchen für ihre Unterkunft samt Stellplatz keine Baugenehmigung.

Bei der Diakonie Hannover ist man wenig begeistert von der Initiative. „Das ist ein ganz schlechtes Projekt. Wir können mit Sozialarbeit aufhören, wenn wir ’Hundehütten’ hinstellen“, sagte Norbert Herschel von der Zentralen Beratungsstelle Wohnungslosenhilfe. Der Verein baue höchstens einen „Unterschlupf“, der fachlich anerkannte Standards für eine Notunterbringung weit unterschreite. Eine Nutzung als vorübergehender Ersatz für Wohnraum entspreche in seiner Art und Größe nicht der Menschenwürde. Herschel ergänzte, dass Kommunen Notunterkünfte bereitstellen. „Wir hätten dort gerne bessere Zustände, aber es gibt dort immerhin Mauern, Fenster und ein Bett.“ Sven Lüdecke und Mitstreitern billigt er hohe Motivation zu, „aber die ziehen weiter, und wir haben die Paletten hier“.

Die Diakonie hatte die Bitte des Vereins um Unterstützung zuvor abgelehnt. Dass es Kritik am Verein und seinen Boxen gibt, hat Reinhold Fahlbusch bereits geahnt. Er ist eine Art Berater der Initiative und als Vorstandsvorsitzender der Johann Jobst Wagenersche Stiftung mit sozialen Fragen vertraut. In Berlin sah er sich einige der Häuschen an. Kritikern, die drei überdachte Quadratmeter für zu geringen Schutz halten, stellt er eine Gegenfrage: „Ist es etwa menschenwürdiger, draußen auf der Straße zu schlafen?“ Obdachlosen ein Dach über dem Kopf zu schenken könne der erste Schritt in ein neues Leben sein.

Ein ehemaliger Bewohner, Patrick, 38, half am Mittwoch in Linden mit. Er ist einer von den nach Vereinsangaben 24 früheren Besitzern, die inzwischen eine Wohnung gefunden haben. Patrick hat sogar einen 450-Euro-Job, „Hausmeister und so“. Das Häuschen half ihm sehr, sagt er: „Da kannst du am Tag dein Getrödel lassen, kannst bleiben, wenn es regnet und man wird ja auch mal krank.“

Von Gunnar Me

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