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Aus der Stadt Die Ära Schostok: Das große Missverständnis
Hannover Aus der Stadt Die Ära Schostok: Das große Missverständnis
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13:15 30.04.2019
Seit anderthalb Jahren kommt das Rathaus nicht zur Ruhe. Nach Stefan Schostoks Abgang bekommt es einen neuen Chef. Quelle: Rainer-Droese
Hannover

Es kann sein, dass Oberbürgermeister Stefan Schostok am vergangenen Donnerstag vor den Ratspolitikern seinen Rücktritt ankündigen wollte. Es kann auch sein, dass er das nicht plante und seine Partei ihm den Rücktritt hinterher gleichsam übergeholfen hat. Er hatte sich halt mal wieder nicht so klar ausgedrückt. Das Problem ist nicht neu.

Wenige Tage später ist dann klar: Die Zeit von Stefan Schostok als Stadtoberhaupt geht demnächst nach gut fünfeinhalb Jahren zu Ende. Fünfeinhalb Jahre, in denen der SPD-Politiker stets mit dem Frage leben musste, ob der Job des Oberbürgermeisters für ihn nicht eine Nummer zu groß sei. Heute lässt sich ohne Häme sagen: ja.

Der Oberbürgermeister war überall

Obwohl: Wenn Stefan Schostok seinen Posten räumt, hinterlässt er in der Stadtgesellschaft eine deutlich sichtbare Lücke. Gefühlt hat der Oberbürgermeister in den vergangenen fünfeinhalb Jahren auf keiner Veranstaltung in Hannover gefehlt. Das Amt bringt es mit sich, dass seinem Inhaber vieles angetragen wird – bis hin zur Schirmherrschaft für das Schokoladen Gourmet Festival, die Schostok selbstredend innehat. Es ist jener Teil des Oberbürgermeisterjobs, den manch anderer sich nicht antun mag, weil man, wenn man ihn ernst nimmt, sich und sein Privatleben ganz wesentlich seiner Stadt ausliefert.

Schostok hat das getan – übrigens auch dann noch, als die Rathausaffäre ihn schon auf Schritt und Tritt begleitete. Er absolviert seine Auftritte fast immer gut gelaunt, er ist ein auf entwaffnende Weise uneitler Mensch, für viele ein echter Sympathieträger. Der demnächst 55-Jährige sitzt nicht nur qua Oberbürgermeisteramt im Vorstand der Marktkirche, sondern er stellt sich, wenn sich die Gelegenheit bietet, nach dem Gottesdienst auch mit einem Klingelbeutel an deren Pforte. Termine bei Karnevalsehrungen sitzt er nicht pflichtschuldig ab, sondern scheut sich auch nicht, für Fotos mit saisonalen Kopfbedeckungen jeder Art zu posieren. Auch in den sozialen Medien macht er auf sich aufmerksam, oft auf etwas betuliche Art. Auf Instagram zum Beispiel öffnet er vor Weihnachten gern jeden Tag ein Türchen in seinem Adventskalender, und wer ihm folgt, kann sich das ansehen.

Er ist, wie man so sagt, ein Oberbürgermeister zum Anfassen. Das muss man können – und mögen.

Er tut sich schwer

Doch da ist auch noch der andere Teil des Jobs, der des Verwaltungschefs. Und mit dem tut Stefan Schostok sich deutlich schwerer. Besonders zu Beginn seiner Amtszeit geht er seinen Mitarbeitern oft dadurch auf die Nerven, dass von ihm kaum einmal eine klare Aussage zu bekommen ist. „Eine falsche Entscheidung ist besser als keine Entscheidung“, heißt es bei Unternehmern. Aber der Chef Hannovers denkt gern lange nach, und wenn er zu etwas seine Meinung sagt, bleibt die oft in etwa so unklar wie seine Rücktrittsankündigung vom Donnerstag. Andererseits: Nach einer Weile hat, wer seine Vorschläge gut durchdenkt und detailliert vorlegt, durchaus gute Karten, dass der Chef sie durchwinkt. Das haben die leitenden Mitarbeiter irgendwann herausgefunden. Oft geht das sogar besser als bei Schostoks Vorgänger Stephan Weil. Der nämlich schaute genau auf die Außenwirkung. Schostok ist da mutiger. Oder unbedarfter, je nach Interpretation.

Manchmal aber, berichten Weggefährten, ist es schlicht und einfach schwer, an ihn heranzukommen. Zum einen, weil er sich im Rathaus zunehmend abkapselt. Zum anderen, weil Termine mit ihm nicht immer einfach sind. Gesprächspartnern stößt häufiger auf, dass der OB abgelenkt, ja fahrig wirkt und ständig auf sein Handy blickt. Manchmal ist es auch so, dass er in wichtigen Gesprächen einfach so gut wie gar nichts sagt – und, zum Beispiel, seinen Büroleiter Frank Herbert die Diskussion führen lässt. Das wäre kein Problem, wenn am Ende eines solchen Gespräches Herbert nicht auch die Entscheidung treffen würde, ohne seinen Chef groß zu fragen. Für die Autorität des OB ist das nicht gut – nach innen wie nach außen. Stefan Schostok, so wirkt das auf manchen, ist überall, aber oft nicht richtig da.

Wie aber ist aus einem Menschen mit diesem Naturell ein Oberbürgermeister geworden? Oder war das einfach ein großes Missverständnis?

Stefan Schostok tritt 1983 mit 19 Jahren in die SPD ein, und was den Weg durch die Partei betrifft, ist er ziemlich zielstrebig. Er wird 1991 Juso-Vorsitzender des Bezirks Hannover, Vorstandsmitglied des Bezirks und 2008, mit 43 Jahren, Landtagsabgeordneter. Er ist nicht der beste Redner, nicht das größte Talent. Aber er ist zuverlässig, fleißig, er ist eben immer da. 2009 übernimmt er von Wolfgang Jüttner den Chefposten des mächtigen SPD-Bezirks Hannover, ein Jahr später den Fraktionsvorsitz im Landtag. Und von da an schielt er sogar auf die Kandidatur als Ministerpräsident im Jahr 2013. Dass das so flutscht, sagt einiges über die SPD in Niedersachsen aus.

Der Traum vom Amt des Ministerpräsidenten

Aus dem Traum von der Staatskanzlei jedoch wird nichts. 2010 verliert Schostok den Kampf um den Parteivorsitz in einer Urwahl gegen den heutigen Umweltminister Olaf Lies, der seinerseits ein Jahr später Stephan Weil den Vortritt um die Kandidatur zum Landesvater lassen muss.

Das ist die Gemengelage, als Weil im Jahr 2013 Ministerpräsident wird. Schostok ist immer noch Fraktionsvorsitzender und Parteichef im Bezirk Hannover, am ganz großen Wurf ist er aber gescheitert. Und Landeschef Weil braucht schnell einen respektablen Nachfolger im hannoverschen Rathaus. Es ist nicht so, dass nicht mancher Bedenken hätte in der SPD, schließlich kennen sie ihren Stefan (mit f) lange genug. Aber es müsste doch mit dem Teufel zugehen, wenn das nicht hinhauen würde mit ein bisschen Hilfe. Zum Beispiel von Weils früherem Mitarbeiter im Rathaus: Frank Herbert. Oder dem starken Personalchef und früheren Personalrat Harald Härke. Selbstbewusste Leute, sicher. Aber gut. Wenn man sie im Griff hat.

Wäre das alles unter Weil passiert?

Hätte Frank Herbert unter Weil derart unverfroren mehr Geld gefordert, als ihm zustand? Hätte Harald Härke, den Schostok selbst erst zum Dezernenten macht, versucht, seiner Lebensgefährtin einen Job zuzuschanzen? Die Frage ist müßig. Geschehen tut all das unter Stefan Schostok. Nach einer Weile haben beide Spitzenbeamte ihre Leichen im Keller, und außerdem haben sie sich gegenseitig in den Haaren. Und damit beginnt die „Rathausaffäre“.

Wie all das genau gekommen ist, das wird sich möglicherweise bald das Landgericht anhören. Schostok argumentiert juristisch im Wesentlichen so, dass er gewisse Dinge nicht gewusst oder verstanden habe. Im Gerichtsverfahren müsste sich also entscheiden, ob er bewusst kriminell gehandelt oder nur die Kontrolle verloren hat. Beides wäre für einen Oberbürgermeister nicht zu fassen.

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Von Felix Harbart

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