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Aus der Stadt Drohende Frühgeburt: Ärzte retten Drillingen das Leben
Hannover Aus der Stadt Drohende Frühgeburt: Ärzte retten Drillingen das Leben
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12:47 18.09.2018
Dreifaches Glück: Sven und Michaela Zorn freuen sich mit ihrem sechsjährigen Sohn Kilian über die gesunden Drillinge Conner, Calea und Cara. Quelle: Carina Bahl
Hannover/Meinersen

Wickeln, Füttern, Kuscheln, Wickeln, Füttern, Kuscheln, Wickeln, Füttern, Kuscheln: „Eigentlich machen wir nichts anderes mehr“, sagt Michaela Zorn, während sie der kleinen Cara liebevoll über das Köpfchen streichelt. Das zwei Monate alte Baby genießt die Streicheleinheit sichtlich – aber viel Zeit bleibt nicht: Ihre Geschwister Conner und Calea strecken sich auch schon im Laufstall im Wohnzimmer. Das war es mit der Ruhe. Papa Sven flitzt in die Küche, sorgt für Milch-Nachschub. Der große Bruder Kilian hält derweil Händchen bei den Babys – jeder hat etwas zu tun. So ist das mit Drillingen.

Dass die drei Babys inzwischen weit mehr als drei Kilo wiegen und ihre Eltern fleißig auf Trab halten, daran war vor wenigen Monaten noch nicht zu denken. In der 21. Schwangerschaftswoche drohten sie viel zu früh auf die Welt zu kommen. Den Gynäkologen im Henriettenstift und den Neonatalogen des Kinderkrankenhauses Auf der Bult ist es zu verdanken, dass sie noch bis zur 34. Woche im Bauch ihrer Mutter wachsen durften.

„Wir brauchen einen Bus“

„Wir brauchen einen Bus“: So lautete die spontane Reaktion von Sven Zorn, als er von seiner Frau erfuhr, dass sie Drillinge bekommen. Nach einer künstlichen Befruchtung im November und ersten Komplikationen zu Weihnachten hatte ein Herzchen zu schlagen angefangen. „Wir waren so glücklich und erleichtert“, sagt die 39-Jährige. Zu Silvester nach einer weiteren Komplikation die zweite frohe Botschaft: Zwei Herzen schlugen inzwischen in ihrem Bauch. Im Januar beim ersten regulären Kontrolltermin beim Gynäkologen dann die große Überraschung: Auch die dritte Eizelle hatte sich erfolgreich entwickelt. „Da wurde uns erstmals klar: Oh weia, bald sitzen wir hier echt zu sechst auf dem Sofa“, sagt Michaela Zorn.

„Am Anfang der Schwangerschaft habe ich immer noch vorsichtig abgewartet, aber die drei sind gewachsen und gewachsen“, erinnert sich die 39-Jährige. In der 21. Schwangerschaftswoche dann der Schock: Der Muntermund hatte sich plötzlich sechs Zentimeter geöffnet. Eine Frühgeburt stand kurz bevor. „Ich habe meinem Frauenarzt sofort angesehen, dass etwas nicht stimmt.“ Sofort ging es von Meinersen ins Perinatalzentrum nach Hannover.

„Die Situation war akut“, schildert Professor Ralf Schild, Chefarzt im Perinatalzentrum, das Ergebnis der ersten Untersuchung. Die Lebenserwartung von Drillingen in der 21. Woche sei minimal. „Eigentlich spricht man frühestens ab der 24. Schwangerschaftswoche von lebensfähig.“ In enger Abstimmung mit Professor Florian Guthmann, Chefarzt der Neonatologie des Kinderkrankenhauses Auf der Bult mit Sitz im Henriettenstift, wurde in den folgenden Wochen alles getan, um den Kindern eine möglichst lange Zeit im Bauch ihrer Mutter zu ermöglichen: Medikamente, die die Lungenreife der Babys förderten, wehenhemmende Mittel und der Einsatz eines sogenannten Pessar Rings. Die Faustregel dabei: Jeder Tag zählt. „Es braucht viel Geduld auf allen Seiten“, betont Guthmann – auch für die Ärzte sei eine Drillingsschwangerschaft eine Herausforderung. „Zumal man immer zwischen dem Wohl der Mutter und dem der Kinder abwägen muss.“

Michaela Zorn tat das ihrige, um ihre Babys zu retten: „Ich habe keine Angst zugelassen, ich war entspannt und habe auf mein Bauchgefühl gehört“, sagt sie heute. Bei den Ärzte habe sie sich gut aufgehoben gefühlt – und ihr Mann habe mit Bravour die Männerwirtschaft mit Sohn Kilian daheim gemeistert. „Ich glaube, ich hatte immer viel mehr Angst als sie“, gesteht der 42-Jährige.

Sie heißen Conner, Calea und Cara –und sind das ganze Glück von Familie Zorn aus Meinersen. Dank der Ärzte im Perinatalzentrum im Henriettenstift und der Versorgung durch die Neonatalogie des Kinderkrankenhauses Auf der Bult sind die Drillinge wohlauf.

Bis zur 33. Woche ging es für Michaela Zorn immer wieder wochenlang ins Krankenhaus – dann passierte das, was die Ärzte den Idealfall nennen: ein geplanter Kaiserschnitt. „Besser geht das kaum in so einer Situation“, betont Guthmann. Drillinge würden immer per Kaiserschnitt geholt, weil es nicht möglich sei, alle drei unter einer normalen Geburt ausreichend zu überwachen. Im Gegensatz zu einem Notkaiserschnitt, bei dem schnelles Handeln gefragt sei, konnte so für jedes der drei Babys ein Kinderarzt und eine Pflegekraft bei der Geburt vorgehalten werden.

„Für uns Geburtshelfer ist es ein wenig wie Weihnachten, da kommt ein Baby, und noch ein Baby, und noch ein Baby“, beschreibt es Schild. Am 2. Juli hießen die drei Geschenke um 13.13, 13.14 und 13.15 Uhr dann Conner-Neo (2000 Gramm), Calea-May (1875 Gramm) und Cara-Lia (1490). „Eigentlich mussten wir kaum etwas machen mit ihnen“, sagt der Neonatologe Guthmann –ein Wärmebettchen, etwas Sauerstoff und ein wenig Sondennahrung. „Der Kinderarzt war hochmotiviert, gleich nach der Geburt ein Foto mit mir und allen drei Babys zu machen“, sagt Michaela Zorn und muss lachen beim Gedanken an den größten Glücksmoment ihres Lebens. Bitte lächeln – eine Erinnerung, die bleiben wird. Schon am 27. Juli ging es als nun sechsköpfige Familie nach Hause.

Nur 21 Drillinge in ganze Niedersachsen 2017

Wie besonders diese Geburt war, das verrät nicht nur der Blick auf die Wohnzimmercouch in Meinersen, wo drei Babys sich gerade lautstark die Aufmerksamkeit ihrer nonstop lächelnden Eltern sichern. Das verrät auch die Statistik: Gerade einmal 21 Drillings-Geburten gab es laut Ärztekammer in Niedersachsen 2017. Kein Wunder, dass am Ende 27 Fachkräfte im OP-Saal mit dabei waren – viele aus reinem Interesse.

„Wir haben auch ganz viel gelernt“, sagt Sven Zorn heute mit einem Augenzwinkern –und meint damit aber ganz pragmatische Dinge. Drillings-Kinderwagen? Nein, die stehen in keinem Geschäft in der Ausstellung. „Komplettpaket“ lautete das Erfolgsrezept – im Internet gibt es diese für Drillinge zuhauf. Nun gut, der Dreier-Kinderwagen passt nicht durch die Haustür, und dem kleinen Conner kann auch nicht bei jeder Mahlzeit Hellblau als Flaschenfarbe angeboten werden – aber mit viel Liebe und der notwendigen Gelassenheit geht es. „Nachts kümmern wir uns im Schichtdienst“, verrät der Software-Entwickler, der auf die Unterstützung seines Chefs setzen kann. Fünf Stunden Schlaf für jedes Elternteil: So lautet die Überlebensstrategie der Zorns. Noch wird zu dritt im Laufstall im Wohnzimmer gekuschelt. Das Sofa gehört dann Mama oder Papa im Wechsel.

Denn eine Erkenntnis steht nach den ersten Wochen mit Drillingen fest: Ein Baby schreit immer. Und noch eine weitere ist unumstößlich: Michaela und Sven Zorn würden mit niemandem tauschen wollen. „Sie sind unser ganzes Glück“, sagt der stolze Papa. „Und der Spaß geht jetzt erst richtig los.“ Dem würde wohl niemand widersprechen.

„Henrike“: Kliniken rücken noch enger zusammen

Die Kooperation der Geburtshilfe der Diakovere-Krankenhäuser Henrietten- und Friederikenstift und des Kinderkrankenhauses Auf der Bult wird in den nächsten Jahren noch enger werden: Die Diakovere plant einen Neubau im Eingangsbereich des Kinderkrankenhauses. Dort soll ein Mutter-Kind-Zentrum entstehen – unter dem neuen Namen „Henrike“. Die Klinikstandorte in Kirchrode und der Calenberger Neustadt werden dafür aufgegeben. Das 4000 Quadratmeter große Mutter-Kind-Zentrum bekommt neun Kreißsäle und 41 Patientenzimmer mit 79 Betten. Hinzu kommen zwei Operationssäle, in denen Neugeborene bei Komplikationen versorgt werden. Auch eine Elternschule, in der die werdenden Mütter und Väter auf die Geburt vorbereitet werden, findet in dem Neubau Platz. Ausgelegt ist die Klinik auf bis zu 4500 Geburten jährlich –500 Babys mehr, als bisher in den Diakovere-Geburtskliniken zur Welt kommen. Baustart ist für das Jahr 2020 geplant, die Eröffnung soll 2022 erfolgen. car

Von Carina Bahl

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