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Aus der Stadt Eine Woche Fasten: So fühlt es sich an
Hannover Aus der Stadt Eine Woche Fasten: So fühlt es sich an
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13:51 11.03.2019
Unsere Autorin entscheidet sichfür die Buchinger-Methode, bei der ausschließlich getrunken wird, Gemüsebrühe, Säfte, Tees und ganz viel Wasser für den optimalen Fettabbau. Quelle: imago stock&people
Hannover

Das kann ich doch auch. Es muss so ein kindlicher Impuls gewesen sein, der meine Neugier weckte. Der Kollege, Typ Naschkatze wie ich, der an keinem Gummibärchen vorbeigehen konnte, fastete. Was das genau bedeutete? Was er dabei tat? Verzichten, klar. Aber sonst? Er war so fröhlich, sah gut aus und fühlte sich gut. Jedenfalls behauptete er das. Fühlte sich gut ohne Süßigkeiten, ohne Essen gar. Unvorstellbar. Damals bedeutete für mich Verzicht nur Entbehrung, Hunger, Leid. Heute, nach etwa 20 Fastenwochen in 14 Jahren, weiß ich, dass sich ein bewusster Verzicht sehr gut anfühlt. Wie ein Gewinn. Aber vor der ersten Erfahrung dominierte der Respekt, ach was: die Angst.

Vorbereitung

So spontan die Fastenidee entstanden ist, so unbekümmert will ich sie umsetzen. Keine „geistig-seelische Einkehr und Besinnung“, kein „Leben-umkrempeln-Vergangenheit-aufräumen-Zukunft-gestalten“-Gequatsche. Ich will einfach wissen, ob mein Wille fürs Fasten ausreicht, will eine Auszeit vom Alltag nehmen, ein paar liebe Gewohnheiten durchbrechen – und meinen Körper entschlacken. Ich entscheide mich für die Buchinger-Methode, bei der ausschließlich getrunken wird, Gemüsebrühe, Säfte, Tees und ganz viel Wasser für den optimalen Fettabbau. Doch ums Abnehmen geht’s hier nicht. Feste Nahrung ist ausdrücklich gestrichen, Kauen kann Hungerfühle auslösen. Ein Buch („Wie neugeboren durch Fasten“) hilft mit Tipps und Anleitungen. Die Reaktionen im Freundeskreis reichen von „Brauchst du nicht“ über „Schaffst du nicht“ bis zu „Trink doch nur Bier“ und helfen weniger. Vielleicht hätte ich es für mich behalten sollen?

Die Apothekerin kann eine Mischung aus Spott und Bewunderung nicht verhehlen, als sie die Packung Glaubersalz über den Tresen schiebt. Ich räume den Kühlschrank leer und verschenke meine Chips- und Schokoladenvorräte an Freunde. Die nächsten Tage stehen morgens Matetee (macht munter), mittags Brühe (macht warm), nachmittags Früchtetee mit Honig (macht glücklich), abends Obst- oder Gemüseschorle (macht satt) auf dem Speiseplan. Beginne ein Tagebuch: Durch mich selbst leben? Kann ich. Will ich!

Entlastungstag

Der Tag beginnt mit Nervosität. Habe ich an alles gedacht? Und hält mein Körper das wirklich aus? Esse eine Birne zum Frühstück und bereite einen großen Obstsalat fürs Büro vor. Trinke dazu etwa drei Liter stilles Wasser, aber das Hungergefühl bleibt. Bohrt. Brennt. Bis zum Abend, dann sogar mit heftigen Kopfschmerzen. Kopfschmerz und Hunger, kaum auszuhalten, gehe früh schlafen. Wie soll das bloß morgen werden?

1. Fastentag

Bin nachts dreimal aufgewacht. Als der Wecker um 8 Uhr klingelt, ist mir flau. Der Kopf fühlt sich total blockiert an, daran ändern weder ein Becher Matetee noch die ausgiebige Dusche etwas. Weil ich mich entschlossen habe, während der Arbeit zu fasten (Ablenken! Bloß nicht allein zu Hause sitzen und ans Essen denken), wandern die notwendigen Dinge in die Tasche: Glaubersalz, Pfefferminztee, Suppenschale, Früchtetee, Honig, ein Glas Instantbrühe … Das gemütliche Radeln ins Büro tut gut, am Schreibtisch bin ich fit. Und aufgeregt, denn der echte Startschuss steht bevor: ein Liter Glaubersalz zum Abführen. Eine gewöhnungsbedürftige Prozedur, aber das unverzichtbare Fastensignal für den Körper. Bitte umschalten! Ab jetzt wird von innen verbrannt, von außen kommt nichts mehr. Das Glaubersalz schmeckt scheußlich, das Trinken wird zur Qual, und der Tipp aus dem Fastenbuch, den Geschmack mit Pfefferminztee zu neutralisieren, hilft nicht. Nasezuhalten hilft, also runter damit.

In der Kantine gibt es Fisch und Nudelauflauf, der Kollege spendiert eine Runde Geburtstagseis. Noch kann ich umdrehen … Aber ich will nicht. Genieße meine Brühe. Pulver in die Schale, heißes Wasser drauf – kochen kann so einfach sein. Doch die Kopfschmerzen kommen zurück, nachmittags, immer heftiger. Der Früchtetee hilft nicht, die drei Liter Wasser helfen nicht, und der Gemüsesaft am Abend … Ich wähle Tomate und kämpfe mir einen halben Liter in den Magen, danach ist mir so schlecht, dass ich nie wieder essen möchte. Ist das das Geheimnis des Fastens? In den Abgrund der Übelkeit blicken und dem Essen für immer abschwören? Schenke umgehend alle Gemüsesäfte meiner veganen Nachbarin und ändere den Plan: Abends gibt es nur noch Fruchtsaftschorlen. Gehe früh schlafen. Mit Kopfschmerzen, Muskelschmerzen, Knochenmerzen, Hunger, Wärmflasche und tausend Zweifeln. Dem Fastenden fröstelt schnell, habe ich gelesen. Kann ich das wirklich? Bloß schnell einschlafen.

Anleitungen, Tipps und Rezepte

Wer sich in das Thema Fasten einlesen oder konkrete Tipps einholen möchte, wird in Hannovers Buchhandel fündig. Ein Buch liegt dort derzeit weit vorne: „Fröhlich fasten“ von Susanne Fröhlich. Darin gewährt die Autorin und Moderatorin auf 224 Seiten einen Blick in ihre Tagebuchaufzeichnungen und berichtet über ihre ganz eigenen Erfahrungen mit dem Fasten. Ihr Selbstversuch liefert nicht nur ungeschönt-fröhliche, sondern durchaus hilfreiche Antworten auf die Frage, wie man es zu mehr Leichtigkeit von Körper und Seele schafft. Und Interviews mit Fastenexperten gibt es auch noch.

Susanne Fröhlich: „Fröhlich fasten. Macht Verzicht tatsächlich gesünder und glücklicher? Ein Selbstversuch mit Antworten!“, Gräfe und Unzer, 17,99 Euro.

Dass auch Intervallfasten gesundheitlichen Vorteile hat und obendrein für den Alltag taugt, beschreibt Petra Bracht in ihrem Buch „Intervallfasten“. Die Ärztin liefert auf 145 Seiten viele Tipps für den Einstieg ins Intervallfasten nach der 16:8-Formel und jede Menge Rezepte, die besonders Liebhaber der veganen Ernährung erfreuen dürften.

Petra Bracht: „Intervallfasten. Für ein langes Leben – schlank und gesund“, Gräfe und Unzer, 14,99 Euro.

Zwei Klassiker der Fasten-Literatur fehlen bei keiner Empfehlung aus Hannovers Buchhandlungen: Hellmut Lützners Ratgeber „Wie neugeboren durch Fasten“ und „Richtig essen nach dem Fasten“ von Hellmut Lützner und Helmut Million. Ersteres bietet seit 30 Jahren eine exakte Anleitung, einen konkreten Ernährungs- und Bewegungsplan fürs Fasten, liefert für jedes Wehwehchen, für jedes Problemchen eine klare, verständliche Antwort – und ist somit perfekt für Einsteiger und Alleine-Faster. Der Ratgeber „Richtig essen nach dem Fasten“ zeigt, wie man die neue Leichtigkeit in der Nachfastenzeit bewahren kann. Dazu gehören ein Tag-für-Tag-Speiseplan und kalorienarme und dennoch köstliche Rezepte, die dabei helfen, den Körper wieder auf Essen umzustellen und gesunde Ernährungsgewohnheiten zu erhalten.

Hellmut Lützner: „Wie neugeboren durch Fasten“, Gräfe und Unzer, 12,99 Euro.

Hellmut Lützner, Helmut Million: „Richtig essen nach dem Fasten“, Gräfe und Unzer, 12,99 Euro.

Eine weitere Variante des Fastens, das Bastenfasten, beschreibt Susanne Wacker in ihrem Buch „Kurz und bündig“. Dabei geht es darum, auf säurebildende Nahrung zu verzichten. Auf 112 Seiten erzählt die Heilpraktikerin, wie sich Basenfasten in den Alltag integrieren lässt; sie liefert Einkaufslisten und sowie jede Menge Grundrezepte. Wer nicht lange lesen, sondern schnell einsteigen möchte, ist hier gut aufgehoben. Und wer das Konzept im Alltag vertiefen möchte, wird in Wackers Kochbuch „Basenfasten“ fündig.

Susanne Wacker, Andreas Wacker: „Basenfaste kurz&bündig: Verstehen – anwenden - wohlfühlen “, Trias Verlag, 9,99 Euro.

Susanne Wacker: „Basenfasten - Das Kochbuch: Über 170 Genießer-Rezepte“, Trias Verlag, 19,99 Euro.

2. Fastentag:

Die Nacht war unruhig, bin viermal aufgewacht, die Knochen schmerzen noch immer, fühle mich verschwitzt, übellaunig – und hungrig. Beim Matetee zum Frühstück wird mir flau, aber später im Büro läuft alles normal. Der Kollege fragt mich im Stundentakt, ob ich nicht doch Hunger habe (Nein!) und ob ich nicht Panik bekomme, wenn mir flau wird (Auch nein!). Es gehört wohl dazu, dass der Kreislauf heute seine Auszeiten nimmt. Ich vermeide unnötige Bewegung und beschließe, mir keine Sorgen zu machen, solange das Denk- und Reaktionsvermögen funktionieren. Genieße abends Apfelschorle und das Telefonat mit einer Freundin. Quatschen klappt reibungslos, aber sehe ich nicht total krank aus? So blass, mit angespannten Gesichtszügen und Augenringen. Gehe wieder früh ins Bett, mit Hunger und Wärmflasche, dafür ohne Kopfschmerzen. Immerhin. Wann hat das hier ein Ende?

3. Fastentag:

Wache nachts dreimal auf und werde am Morgen überrascht: kein Hunger, keine Kopfschmerzen, kein flaues Gefühl. Nur der Dauerregen nervt. Doch ich muss mich bewegen, unbedingt, und fahre ich mit dem Rad ins Büro. Es ist herrlich, die Eilenriede duftet, und ich kann gar nicht so langsam fahren, wie ich schnuppern möchte. Das müssen diese intensiven Sinneswahrnehmungen des Fastenden sein, von denen ich gelesen habe. Sie lassen die mitleidigen Blicke der Kollegen an mir abprallen. Ja, ich bin nassgeregnet! Und? Mir geht’s gut. Freue mich auf Brühe, Früchtetee und Wasser und gehe abends ins Fitnessstudio. Die Augen leuchten wieder, aber die Wärmflasche kommt trotzdem mit ins Bett.

4. Fastentag:

Schlafe endlich wieder durch. Mein Körper fühlt sich gut an und bereitet kaum noch Beschwerden. Das muss dieses Wohlbefinden sein. Aber war es auch die Wende? Im Büro kommt es umso heftiger: Schwindel, Herzrasen und Kopfschmerzen, kombiniert mit kollegialen Bedenken („Du fastest ohne Arzt?“), nagen an mir. Latente Unruhe begleitet die Arbeit. Ablenken, bloß ablenken, so schwer es auch fällt. Und trinken, trinken, trinken. Zur Ruhe komme ich erst am Abend im Restaurant. Die Freunde bestellen Pasta mit Gorgonzolasauce, ich wähle Apfelschorle mit Leitungswasser. Das Leben kann so herrlich einfach sein, wenn man alles in sich trägt, was man benötigt. Mitessen? Kein Interesse. Und, nein, das Essen der anderen stört überhaupt nicht. Es sieht gut aus, riecht verlockend – aber wozu brauche ich jetzt Gorgonzolasauce? Ich bin stark, ich bin glücklich, ich bin mein eigener Kühlschrank. Was für eine Erkenntnis.

5. Fastentag:

Der Dauerregen hat ein Ende, die Sonne weckt mich und sorgt für gute Laune am freien Tag. Vor allem, weil es mir besser geht als gestern. Ich fühle mich körperlich stabil und mental stabiler. Lese trotzdem noch einmal das Kapitel über die Fastenkrisen und fahre anschließend mit dem Rad ins Schwimmbad. Der Kopf ist so frei, der Körper so leicht, die Gesichtszüge so locker. Drehe ich jetzt völlig durch und merke gar nicht mehr, was um mich herum passiert? Bin ich so tiefenentspannt, weil die Gifte gerade aus mir weichen? Oder macht das Bewusstsein, aus sich selbst leben zu können, so stark? Fühle mich unglaublich fit trotz Fasten. Wegen Fasten!

6. Fastentag:

Ich brauche Farben. Ich brauche Ordnung. Ich kaufe neue Schuhe. Erhole mich Musik hörend auf dem Bett. Ohne Kopfschmerzen, mit leichtem Herzschlag, viel Wärme in mir – warum muss ich mir jemals wieder Gedanken ums Essen machen? So ist es doch viel einfacher: Tee, Brühe, Schorle, Wasser. Mittlerweile ist dieser Vierklang so vertraut, so beruhigend, dass jedes andere Gericht nur kompliziert und beschwerlich werden kann. Aber mal wieder in etwas beißen, eine Karotte, einen Apfel … keine schlechte Vorstellung. Bin abends zu einer Party eingeladen und bereite einen Gemüsestrudel vor. Freue mich beim Schneiden und Kneten für die anderen Gäste, wird bestimmt köstlich.

7. Fastentag:

Heute gibt es einen konkreten Vorsatz: Besuch im Supermarkt. Werde einen Einkaufszettel und einen genauen Essensplan schreiben. „Jeder Dumme kann fasten, aber nur ein Weiser das Fasten richtig abbrechen“, hat der Schriftsteller George Bernard Shaw geschrieben. Puh, wenn jeder Dumme kann, was mir so schwer gefallen ist – wie schaffe ich dann bloß das Fastenbrechen? Der Körper muss schließlich langsam an Nahrung gewöhnt werden, muss erst wieder Verdauungssäfte produzieren , den Schalter umlegen vom Fasten zum Essen. Dafür benötigt er während der Aufbautage mindestens so viel Zeit und Ruhe wie beim Umschalten vom Essen zum Fasten. Die Wärmflasche bleibt vorerst im Bett.Noch wichtiger ist: Was will ich eigentlich einkaufen? Gummibärchen und Grauburgunder sicher nicht. Nein, wo ich mich gerade so gesund, so stark fühle, schiebe ich die lieben Gewohnheiten ganz weit weg. Kräuter, Gewürze, Gemüse dominieren die empfohlenen Rezepte im Fastenbuch. Klingt lecker, aber auch kompliziert. Jedenfalls komplizierter, als heißes Wasser über Pulver zu kippen. Die Vorfreude auf Kauen und Geschmack wächst trotzdem. Den Supermarkt durchschreite ich königlich, die Obst- und Gemüseabteilung ist mein Reich. Beschaue alles und brauche doch nichts. Ich drehe und wende die Früchte, befühle, beschnuppere, streichele sie, ja, Essen ist ein überaus sinnliches Erlebnis. Das weiß man aber erst, wenn man für einige Zeit drauf verzichtet hat. Besondere Aufmerksamkeit widme ich den Äpfeln: Mit einem Apfel wird das Fasten morgen Vormittag beendet. Da muss ein besonderer her, der tollste Apfel der Welt.

8. Fastentag/Fastenbrechen:

Soll ich wirklich aufhören? Dieses Wohlgefühl, diese Leichtigkeit aufgeben? Mich dem neuen Verantwortungsgefühl für meinen Körper überlassen? Der Apfel liegt frisch gewaschen auf dem Teller. Glänzend, duftend. Links die Gabel, rechts das Messer, die Serviette daneben, stilles Wasser im Weinglas. Was für ein Festessen. Schon das Anschneiden, dieses knautschige Quietschen lässt das Wasser im Mund zusammenlaufen. Der Duft wird stärker, vor mir liegen acht Apfelspalten, die ich langsam und mit geschlossenen Augen zerkaue. Danach bin ich pappsatt. Mittags koche ich eine Gemüsesuppe, abends gibt es ein Glas Buttermilch, bevor mich eine wohlige Müdigkeit befällt. Es wird noch einige Zeit andauern, dieses bewusste Essen und die entspannte Müdigkeit am Abend. Meine innere Uhr kennt grad keinen Zeitdruck, mein befreiter Kopf keinen Stress. „Heilfasten zielt darauf ab, Körper, Geist und Seele zu reinigen“, schreibt die Deutsche Gesellschaft für Ernährung. Das mag sein. Mindestens aber ist Fasten der Einstieg in eine gesündere Lebensweise. Und der fällt mit ein paar Kilos weniger auch leichter.

Von Tatjana Riegler

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