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Aus der Stadt Warum müssen wir eigentlich so unendlich lange auf einen Arzttermin warten?
Hannover Aus der Stadt

Engpässe bei Facharztterminen: Patienten warten monatelang auf ihre Diagnose

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08:46 11.09.2019
Deutsche gehen besonders oft zum Arzt. Quelle: dpa
Hannover

Wer in Hannover zeitnah einen Facharzttermin ergattern möchte, braucht reichlich Geduld – zunächst einmal, um überhaupt zu einer Arztpraxis durchzudringen und dann beim monatelangen Warten auf das persönliche Arztgespräch, auf eine Diagnose, die akute Behandlung oder den Beginn einer längeren Therapie. „Durchschnittlich drei bis sechs Monate, immer öfter auch länger beträgt die Wartezeit auf einen Termin beim Experten“, betont Detlef Haffke, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN).

Ist das so? Und, wenn ja, warum? Hier beschreiben wir die Situation, wie sie sich aus Sicht des Kassenärzteverbandes darstellt. Außerdem dokumentieren wir die Erfolgsquote des nicht repräsentativen, aber trotzdem aussagekräftigen Versuchs der HAZ, die (ohne sich dabei zu erkennen zu geben) probiert hat, selbst Termine zu ergattern. Und schließlich beschreiben wir, wie sich die Versuche von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU), die Terminvergabe besser zu ordnen, bewähren.

Das HAZ-Experiment: Hätten Sie einen Termin für mich ...?

Auf der Liste der Fachärzte, bei denen kaum ein Termin zu bekommen ist, stehen Psychotherapeuten ganz oben, gefolgt von speziellen internistischen Disziplinen wie Gastroenterologie (Magen-Darm-Erkrankungen), Kardiologie (Herz) und Pneumologie (Lunge) sowie Kinderärzte und Rheumatologen. „Viele Patienten haben Probleme, zeitnah einen Termin zu bekommen, und das mittlerweile sogar auch immer häufiger beim Hausarzt“, betont Haffke. Die Frequenz dieser Arztbesuche steige zudem dramatisch an. Dabei seien Notfälle grundsätzlich ausgenommen. Indes gebe es keine klare Definition für einen Notfall. „ Grundsätzlich liegt er vor, wenn Patienten bleibende Schäden oder sogar das Ableben befürchten“, sagt der KVN-Sprecher. Allerdings sehen sich Patienten subjektiv immer häufiger in einer solch bedrohlichen Situation als Ärzte dies objektiv diagnostizieren.

Begehrter Termin: Das Vorstellen beim Augenarzt ist Glücksache. Quelle: BVA

Beim Augenarzt? Glückssache!

Ein schneller Termin beim Augenarzt ist reine Glücksache. Eine Praxis in der List hat erst nach dem Jahreswechsel einen Termin für eine Untersuchung frei, ein Augenarzt in der City kann erst für März 2020 einen Termin vergeben. In der Oststadt hat die Neupatientin mehr Glück – es ist eine Lücke in sechs Tagen frei geworden.

Beim Hautarzt? Chancenlos!

Bei Hautärzten ist der Patient auf der Suche nach einem Termin praktisch chancenlos. In der List werden keine Neupatienten aufgenommen, auch „Bestandskunden“ ohne Akuterkrankung müssen vier bis fünf Monate warten. Um das zu erfahren, muss man allerdings tagelang telefonischen Kontakt suchen. Es gibt Besetztzeichen, Warteschleifen oder schlicht ergebnisloses Dauerklingeln. In der Südstadt sind erst ab Januar wieder Termine frei, die allerdings erst ab Dezember angefragt werden können. Die Sprechstundenhilfe macht wenig Mut. „Das ist wie bei Rammstein, die neuen Termine sind innerhalb von einer Stunde weg“, sagt sie.

Eine Praxis in der Innenstadt bietet in der Regel bei der Onlinevergabe Termine zehn Wochen im Voraus an. Jetzt aber ist die Internetseite für unbestimmte Zeit dicht – und damit auch der Terminkalender für 2019. Eine andere Patientin indes hat Glück, sie hat in ihrer Stammpraxis für ihre Kinder kurzfristig ein Zeitfenster bekommen: Die 14-jährige Vanessa muss nur zwei Wochen darauf warten, dass der Arzt in Kleefeld ihren Zeh begutachtet.

Beim Neurologen? Ausgeschlossen!

Bei vielen Neurologen besteht grundsätzlich keine Chance auf ein Vorsprechen. „Wir sind leider völlig ausgebucht“, lautet die Antwort in drei Praxen in der Nordstadt, in Bothfeld und in der City. Eine Gemeinschaftspraxis im Westen der Stadt stellt immerhin einen Termin für Januar in Aussicht, es könne sich aber leider auch kurzfristig etwas ändern, sollten Notfälle dazwischenkommen.

Ein bisschen entspannter ist die Lage beim Orthopäden. In einer Praxis in der List gibt es sogar eine Terminauswahl innerhalb der nächsten zwei Wochen, in Linden beträgt die Wartezeit drei Wochen, und nur in einer Praxis im Norden gibt es eine komplette Absage – neue Patienten können bis auf Weiteres nicht mehr aufgenommen werden.

Laut KVN gibt es drei legale Möglichkeiten Patienten komplett abzuweisen. „Wenn Praxen mit Patienten zeitlich überlastet sind, ist der Annahmestopp legal“, sagt KVN-Sprecher Haffke. Und das komme immer häufiger vor. Außerdem können Ärzte Patienten wegschicken, wenn entweder das Vertrauensverhältnis gestört ist oder fachfremde Leistungen verlangt werden.

Termin beim Hautarzt? Das ist eine komplizierte Angelegenheit. Quelle: Karl-Josef Hildebrand/dpa

Offene Sprechstunde – was bringt das?

Die sogenannte offene Sprechstunde, die am 1. September auf etliche Fachrichtungen ausgedehnt wurde, soll da etwas Abhilfe bei der Misere der Facharztterminvergabe schaffen. Das entsprechende Gesetz verpflichtet Ärzte, in der Woche fünf Stunden anzubieten, in denen Patienten ohne Termin kommen können. „Das können fünf Stunden im Block sein, aber auch täglich eine“, erläutert Haffke. Waren Anfang des Jahres zunächst nur HNO-Ärzte, Kinderärzte und Allgemeinmediziner zu diesem Angebot verpflichtet, gilt die Regel seit einigen Tagen auch für Augenärzte, Chirurgen, Kinderchirurgen, Plastische Chirurgen, Hautärzte, Kinder- und Jugendpsychiater, Urologen, Neurologen, Nervenheilkundler, Psychiater, Neuropsychiater, Neurochirurgen und Orthopäden.

Gute Sache, aber ...

Grundsätzlich eine gute Sache, meint eine Augenärztin aus dem Osten der Stadt. Sie bietet bereits täglich vor der offiziellen Sprechstunde eine Stunde für Notfallpatienten an. „Wenn ich mir aber vorstelle, in dieser Zeit kommen 25 Patienten, die nicht auf einen regulären Termin warten können oder wollen, dann funktioniert das Modell auch nicht.“ Auch KVN-Sprecher Haffke bezweifelt, dass die offenen Sprechstunden alle Engpässe und auch Patientenprobleme auffangen können. „Entweder, Patienten müssen weggeschickt werden, oder sie bekommen einen Folgetermin – mit üblicher Wartezeit.“

8000 Ärzte müssen Zeiten im Internet nennen

Wie die neue Regel in der Praxis funktioniert, wird sich daher auch zeigen müssen. Auch deshalb, weil die Kassenärztliche Vereinigung ihre Mitglieder erst vor ein paar Tagen angeschrieben hat. „Die Liste der Fachärzte, die zur offenen Sprechstunde verpflichtet sind, liegt erst seit rund zehn Tagen vor, daher wird es noch etwas dauern, bis alle rund 8000 betroffenen Mediziner in Niedersachsen ihre individuellen Zeiten im Internet veröffentlichen werden.“

Die Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) vermitteln seit drei Jahren gesetzlich Versicherten telefonisch Termine bei Fachärzten. Quelle: dpa

Die Terminservicestelle der KVN – was kann sie leisten?

Eine weitere Entlastung in Sachen Terminvergabe soll das sogenannte Terminvergabegesetz bieten. Eine zentrale Stelle sorgt seit 2016 dafür, dass Patienten innerhalb eines Monats einen Termin beim einem Facharzt bekommen. „Allerdings wird nur ein Drittel aller Patienten tatsächlich an einen Mediziner vermittelt. Davon nehmen 20 Prozent der Patienten den Termin nicht wahr“, betont der KVN-Sprecher. Ein Drittel wolle sich lediglich informieren, ein weiteres Drittel nehme Abstand, da es keine freie Mediziner- oder Ortswahl bei der zentralen Vergabe gibt. Die Nachfrage bei der zentralen Terminvergabe sei in diesem Jahr zwar stark gestiegen – nämlich um 15.000 auf nun rund 75.000 pro Quartal. Das liege vor allem daran, dass die Servicestelle nun auch Haus- und Kinderarzttermine vermittelt. „Allerdings kommen die meisten Facharzttermine auf persönlichem Weg zustande“, betont Haffke.

2018 habe es insgesamt 32 Millionen Fälle (Arztbesuche) in fachärztlichen Praxen Niedersachsens gegeben, „dagegen fallen rund 300.000 vermittelte Kontakte kaum ins Gewicht“, meint KVN-Sprecher Haffke.

Gehen die Bürger zu oft zum Arzt?

Das größte Problem sei, sagt ein Dermatologe aus der City, dass die Menschen seit einigen Jahren immer öfter zum Arzt gingen. „Weder Hausmittel noch Geduld kommen da noch zum Zuge.“ Ein Trend, der sich auch statistisch belegen lässt. „Die Deutschen haben europaweit seit Jahren mit durchschnittlich 16 jährlichen Arztbesuchen die meisten Arztkontakte“, sagt Haffke. In Skandinavien etwa seien es weniger als die Hälfte.

In vier Wochen zum Facharzt

Die Terminservicestelle der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN) vermittelt Patienten mit dringlicher Überweisung (mit Ausnahme von Frauen- und Augenärzten) innerhalb von vier Wochen einen Termin beim Facharzt. Die Einrichtung der Terminservicestelle wurde im sogenannten Versorgungsstärkungsgesetz vorgeschrieben.

Aber: Die Servicestelle vermittelt keine Wunschtermine und auch keine Termine bei einem bestimmten Mediziner. Der Patient erhält vielmehr innerhalb von vier Wochen einen Termin bei einem Facharzt in der Nähe, der noch über freie Kapazitäten verfügt. Vor der Inanspruchnahme der Servicestelle sollen Patienten versuchen, selbst einen Termin beim Facharzt zu vereinbaren.

Patienten, die einen Augenarzt oder Gynäkologen aufsuchen möchten, benötigen dafür keine spezielle Überweisung – alle anderen brauchen ein Formular mit einem zwölfstelligen Code. Dieser ist sozusagen der Zugangsschlüssel für die Terminvermittlung.

Die Servicestelle ist montags bis freitags von 8 bis 18 Uhr unter der Telefonnummer (0511) 56999793 zu erreichen, allerdings kann es derzeit wegen einer aktuell erhöhten Nachfrage nach Terminen bei der telefonischen Vermittlung zu längeren Wartezeiten kommen.

Bereitschaftspraxen in der Notfallambulanz

Häufig suchen Patienten die Notfallambulanz eines Krankenhauses auf, die in der Sprechstunde einer niedergelassenen Praxis besser aufgehoben wären. Aus diesem Grund halten immer mehr Kliniken eine Bereitschaftspraxis vor, in der Ärzte und Helferinnen entscheiden, ob es sich um einen Notfall handelt oder der Patient ambulant behandelt werden kann. Als Notfall gilt in einer Klinik, wenn ein Arzt eine stationäre Aufnahme eines Patienten anordnet.

Was in Berlin neu ist, ist in Niedersachsen gewissermaßen schon Routine: Hier hält die Kassenärztliche Vereinigung (KVN) bislang 68 dieser Bereitschaftspraxen in Notfallambulanzen vor, das Angebot soll nach und nach ausgeweitet werden. In der Region Hannover werden bislang im Krankenhaus Siloah, Nordstadt, der Kinderklinik auf der Bult sowie in Gehrden entsprechende Praxen vorgehalten. Außerdem haben KVN und MHH einen Modellversuch gestartet, bei dem ganztägig ein Allgemeinmediziner in der Notaufnahme im Einsatz ist, der leichtere Fälle betreut.

„Die KVN und die Niedersächsische Krankenhausgesellschaft erörtern bereits seit Jahren die Probleme in der ambulanten medizinischen Notfallversorgung“, betont Mark Barjenbruch, Vorstandsvorsitzender der KVN. Beide Organisationen diskutierten mögliche Maßnahmen, wie die Patienten mit ihren Problemen zu den für sie geeigneten medizinischen Einrichtungen in der vertragsärztlichen oder stationären Versorgung geführt werden könnten. „Alle Beteiligten sind sich bewusst, dass die Kooperation zwischen Rettungsdienst, niedergelassenen Ärzten und Krankenhäusern bei der Versorgung von Notfallpatienten verbessert werden muss.“

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