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Aus der Stadt Ein Freund erinnert sich: „Das war Roberts letzter Auftrag: Erkläre den Leuten Depressionen!“
Hannover Aus der Stadt

Erkläre den Leuten Depressionen: Autor Ronald Reng erinnert sich an seinen Freund Robert Enke

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13:49 08.11.2019
„Ich verstand von all dem nichts, bis Robert starb“: Autor Ronald Reng (links). Quelle: Jochen Lübke/dpa/Gunnar Knechtel
Hannover

An der Leinwand im Hörsaal der Universität Jena hing noch ein Foto von Robert Enke. Ich packte meine Notizen zusammen, mein Vortrag über Robert, seine Krankheit und Depressionen im Allgemeinen war zu Ende. Ein paar Leute kamen vorsichtig nach vorne, um etwas nachzufragen oder anzumerken. Stefan Treitl wartete, bis alle anderen gegangen waren.

Er leitet die Nachwuchsakademie des Fußball-Drittligisten Carl-Zeiss Jena, er hatte den Vortrag organisiert. „Es waren ja auch ein paar unserer jüngeren Jugendspieler hier“, begann er. „15-Jährige.“

„Und? Haben sie den Vortrag verstanden, oder war er zu schwierig für ihr Alter?“

„Verstanden haben sie es schon. Aber sie wussten gar nicht, wer Robert Enke war.“ Auch das gehört logischerweise zu seinem zehnten Todestag: Es gibt nun erstmals eine Generation, die keine persönlichen Erinnerungen an Robert Enke hat.

Was sich zunächst geändert hat, ist unser Blick auf Enke

Was sich aufgrund von Roberts Suizid geändert habe, wird anlässlich des zehnten Todestages ständig reflexartig gefragt, und dabei schwingt zu oft die absurde Erwartung mit, der Tod eines geliebten Menschen könne ein ganzes Land milder, rücksichtsvoller machen. Was sich zehn Jahre danach zunächst einmal geändert hat, ist unser Blick auf Robert Enke. Der Torwart, den die Depressionen töteten. Daran ist nichts Verwerfliches. Und doch denke ich, es wäre wichtig, sich detaillierter an den Menschen Robert Enke zu erinnern, an sein Lachen, seine Empathie, seine Druckresistenz in gesunden Tagen – auch um Depressionen besser zu verstehen und zu bekämpfen.

Ich habe noch tausend Erlebnisse mit Robert in szenischer Klarheit vor mir. Der Tod eines Freundes schärft offenbar die Erinnerung. Ich weiß noch die Uhrzeit, als wir an seinem Todestag zum letzten Mal telefonierten: 12.36 Uhr. Ich sehe ihn noch nach dem Training beim großen FC Barcelona im August 2002 lässig im Gras des Trainingsplatzes liegen, auf einen Ellenbogen gestützt. Und ich sehe ihn nur fünf Monate später vor mir, auf einem Ledersofa in Barças Stadionlounge, als sein Gesicht zur Steinmaske geworden war. Die Depression hatte ihn erstmals voll erwischt.

Robert Enkes Karriere in Bildern

Fünf Millionen erkranken

Es sind ganz normale Menschen, die an Depressionen erkranken, jedes Jahr fünf Millionen in Deutschland nach Angaben der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Man braucht dazu nicht dem hohen Druck des Profifußballs ausgesetzt zu sein, das ist so ein Quatsch, der seit Roberts Tod bei vielen vage im Kopf herumspukt. Viele Menschen haben eine genetische Anfälligkeit für Depressionen, genauso wie viele Menschen einfach aus biologischen Gründen an Krebs erkranken. Die meisten erholen sich von ihren Depressionen. Nur in rund 0,2 Prozent der Fälle treibt die von der Krankheit gestörte Wahrnehmung, die gefühlte Aussichtslosigkeit, Depressive in den Suizid.

Ich verstand von alldem nichts, bis Robert starb. Ich las seine Tagebücher, ich sprach mit seiner Frau Teresa, mit Psychiatern, und irgendwann hatte ich das Gefühl, das ist Roberts letzter Auftrag: Erkläre den Leuten Depressionen! Ich schrieb einen Brief an einen anderen Profifußballer, der einmal an der Krankheit gelitten hatte, Martin Amedick, und zusammen ziehen wir nun für die Robert-Enke-Stiftung durch das Land, um vornehmlich in den Nachwuchsleistungszentren des Profifußballs Heranwachsende auf anschauliche Weise aufzuklären, was sind Depressionen, was sind keine, was tut man dagegen; warum muss man keine Angst davor haben. Wir schildern, wie Robert in Momenten der Krankheit nicht einmal mehr in der Lage war, einen Telefonanruf entgegenzunehmen, und wir zeigen, dass Martin Amedick heute wieder gesund, voller Lebenskraft vor ihnen steht.

Jeder Sportler findet heute eine Anlaufstelle

Andere tun viel mehr als ich, zuvorderst Roberts Frau Teresa, die als Vorsitzende der Enke-Stiftung Dutzende Initiativen vorangetrieben hat, etwa eine Hotline und eine App für Menschen, die bei sich oder Verwandten psychische Probleme vermuten. Carsten Linke, ein ehemaliger Fußballer von Roberts letztem Verein Hannover 96, arbeitet heute als Sporttherapeut mit seelisch Erkrankten im Klinikum Wahrendorff. Roberts Psychiater, Valentin Markser, half federführend mit, ein Netz von über 70 Sportpsychiatern in Deutschland aufzubauen. Jeder Sportler in psychischen Schwierigkeiten findet heute schnell eine Anlaufstelle, während Robert Enke damals nicht wusste, wohin. Ich denke, dies sind die einzigen gültigen Antworten auf die Frage: Was hat sich geändert? Die Versorgung und das Verständnis für Depressionen sind ein klein wenig besser geworden.

„Andere tun viel mehr als ich“: Ronald Reng mit Teresa Enke (links im Bild Marco Villa). Quelle: Ulrich zur Nieden

Vor einigen Monaten besuchte einmal ein interessierter Mann die Robert-Enke-Stiftung. Teresa, Martin Amedick und ich redeten mit ihm. Es war Prinz William. Er engagiert sich, wohl aus familiären Gründen, sehr im Kampf gegen seelische Krankheiten. Ein Satz von ihm ist mir geblieben: Es gehe darum, die Krankheit „zu normalisieren“. Als ich die Szene später noch einmal Revue passieren ließ, stand wie so oft in den vergangenen zehn Jahren in meiner Fantasie wieder Robert Enke an meiner Seite. „So, so, jetzt reden Teresa und du also mit Prinz William“, sagte er zu mir, und ehe ich „Du blöder Hund!“ antworten konnte, tat er, was er so wunderschön konnte: Er lachte, ein wenig neckisch und doch voller Empathie.

Ronald Reng ist Journalist, Buchautor und Kolumnist unseres RedaktionsNetzwerkes Deutschland. Reng hat eine Biografie über seinen Freund Robert Enke geschrieben: „Robert Enke. Ein allzu kurzes Leben.“ Erschienen im Piper-Verlag, 432 Seiten, EAN 978-3-492-27316-9. Preis: 11 Euro. Quelle: Piper-Verlag

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