Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Aus der Stadt „Im Geschichtsunterricht nicht aufgepasst“: Ex-General kritisiert AfD-Kandidat Wundrak
Hannover Aus der Stadt

Ex-General kritisiert AfD-Kandidat Wundrak: „Im Geschichtsunterricht nicht aufgepasst“

Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
16:50 13.08.2019
„Im Geschichtsunterricht nicht aufgepasst“? Der frühere Dreisternegeneral Joachim Wundrak muss sich scharfe Kritik anhören. Quelle: Michael Thomas
Hannover

Bisher hatten sich ranghohe Mitglieder der Bundeswehr mit Reaktionen auf die Kandidatur Wundraks als hannoverscher Oberbürgermeister zurückgehalten. Jetzt aber teilt mit Ex-Brigadegeneral Klaus Wittmann ein ehemaliger hochrangiger Bundeswehrsoldat heftig gegen Wundrak aus. Dessen Engagement in der AfD „befremde“ ihn, schreibt Wittmann in einem offenen Brief an den hannoverschen OB-Kandidaten. Wittmann kritisiert unter anderem, dass Wundrak seine Mitgliedschaft in der Partei verschwiegen habe, solange er noch bei der Bundeswehr war – angeblich aus Angst vor Repressalien. „Da frage ich, vor welchen ,Repressalien‘ ein Dreisternegeneral denn Angst haben muss“, schreibt Wittmann. „Da kann es doch eigentlich nur die Befürchtung gegeben haben, den Großen Zapfenstreich an der Seite der Ministerin in Gefahr zu bringen.“

Karrierebewusst und korrekt: General Joachim Wundrak stellt 2014 zusammen mit seiner damaligen Chefin Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen ein neues Transportflugzeug auf dem Fliegerhorst Wunstorf vor. Quelle: dpa

„Haben Sie sich vor Augen gehalten, mit wem Sie jetzt verbündet sind?“

Wittmann, der vor seinem Ausscheiden aus der Bundeswehr 2008 zuletzt an der Führungsakademie der Bundeswehr und am Nato Defense College in Rom tätig fragt war, fragt zudem, welche Haltung Wundrak zur deutschen Sicherheitspolitik einnehme. Schließlich enthalte das AfD-Strategiepapier zur Bundeswehr „auch äußerst problematische, teilweise sehr rückwärtsgewandte Forderungen“ – unter anderem nach der Wiedereinführung der Wehrpflicht oder einer Änderung der grundgesetzlichen Bestimmungen zum Einsatz der Bundeswehr im Innern. „Sollten Sie sich mit all dem identifizieren, müssten Sie ja in atemberaubender Geschwindigkeit vieles von dem über Bord geworfen haben, wofür Sie bis vor Kurzem standen“, folgert Wittmann. Er hoffe, die meisten Staatsbürger in Uniform durchschauten, welche Art von Bundeswehr die AfD sich wünsche.

Deutlich kritisiert Wittmann auch das Geschichtsbild, das die AfD transportiere. „Ein Offizier, gar General, der die skandalöse Äußerung des AfD-Vorsitzenden Gauland zur Relativierung der NS-Verbrechen, Hitler und die Nazis seien nur ein „Vogelschiss“ in über 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte, ,nicht schlimm’ findet, hat wohl im Geschichtsunterricht nicht aufgepasst und Jahrzehnte politischer Bildung in der Bundeswehr verschlafen“, schreibt Wittmann und fragt Wundrak: „Haben Sie sich denn wirklich vor Augen gehalten, mit wem Sie jetzt verbündet sind?“ Wittmann ist promovierter Historiker.

Klaus Wittmann, Brigadegeneral a.D. der Bundeswehr. Quelle: Ralf John / Wikipedia/ CC BY-SA 4.0 (Lizenz-Link am Textende)

Wundrak: „Vogelschiss“-Zitat „zumindest unglücklich“

Im Gespräch mit der HAZ nennt Wundrak das Gauland-Zitat „zumindest unglücklich“. Gauland sei aber „weit entfernt davon, zu relativieren, was im Dritten Reich an Gräueln und Katastrophen passiert ist“.

Joachim Wundrak Quelle: Michael Thomas

Gegenüber der HAZ sagte Wundrak am Dienstag zu den Vorwürfen Wittmanns: „Ich finde es unkameradschaftlich, so etwas über die Öffentlichkeit zu machen.“ Wittmann habe ihm den Brief über die AfD mit der Bemerkung zukommen lassen, er – Wundrak – solle der erste sein, der ihn liest. „Da war der Brief aber schon öffentlich, und damit war für mich die Diskussion beendet.“

Wundrak sagte, er habe dem Einsternegeneral Wittmann dennoch „kameradschaftlich“ eine E-Mail geschrieben und richtiggestellt, wo Wittmann ihn falsch zitiert habe. „Ich habe nie gesagt, dass ich meine AfD-Mitgliedschaft vor dem Ausscheiden aus der Dienst nicht öffentlich gemacht habe, da ich ansonsten ,Repressalien‘ zu befürchten hätte – da bin ich falsch zitiert worden.“ Wundrak habe vielmehr gesagt, er habe das getan, um „Schaden von meiner Dienststelle und meinen Mitarbeitern fernzuhalten – das ist etwas ganz anderes“.

Auch zum Gauland-Zitat fühlt sich Wundrak falsch zitiert, wie er am Dienstag noch einmal betonte: „Ich habe immer gesagt, dass ich das Gauland-Zitat ,unglücklich‘ finde und dass ich es für abwegig halte, dass er die Nazizeit relativieren wollte.“

OB-Kandidat will Extremisten aus der AfD ausschließen

Im Interview mit der HAZ, das vor der Veröffentlichung des Wittmann-Briefes geführt wurde, fordert Wundrak, Rechtsextremisten aus der Partei auszuschließen. „Jeder, der extrem ist, hat in der Partei nichts verloren“, sagt Wundrak. Extrem sei, wer Gewalt nicht ausschließe, um politische Ziele zu erreichen. „Für mich gilt: Der Staat hat das Gewaltmonopol, auf der anderen Seite hat er dem Bürger Sicherheit und Rechtssicherheit zu garantieren“, so Wundrak. „Deswegen muss das Extreme ausgeschlossen werden.“

Joachim Wundrak im Gespräch mit den HAZ-Redakteuren Saskia Döhner, Heiko Randermann, Felix Harbart (nicht im Bild). Quelle: Michael Thomas

Im Gespräch kritisiert Wundrak auch die Flügelkämpfe innerhalb der AfD. „Sorge macht mir die Uneinigkeit und das Unvermögen an der einen oder anderen Stelle, politischen Streit um Richtungen mit Anstand und Respekt vor dem anderen zu führen – auch innerhalb der Partei“, sagt er. Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Flügeln gebe es in anderen Parteien auch – dort herrsche aber eine andere Parteidisziplin. Er habe jedoch keine Bedenken, dass die Partei nach rechts wegrutschen könne: „Das sehe ich nicht“, sagt er.

Mehr zum Thema:

AfD-Kandidat im Interview: „Sind Sie in der richtigen Partei, Herr Wundrak?“

Der offene Brief von Klaus Wittmann im Wortlaut

Offener Brief

an den neuen Hoffnungsträger der AfD, Generalleutnant a.D. Joachim Wundrak

Sehr geehrter Herr General Wundrak,

als einer Ihrer Kameraden aus früheren Bundeswehrzeiten bin ich recht befremdet über Ihr Engagement für die AfD, beschränke mich aber nicht auf das „Kopfschütteln“, das, so der SPIEGEL, „unter Generälen der Bundeswehr herrscht“. Ich gebe Ihnen vielmehr folgendes zum Nachdenken auf den Weg (wobei ich mich, der Ordnung halber sei es gesagt, auf die Presseberichterstattung beziehe):

1. „Repressalien

Sie waren schon während Ihrer aktiven Dienstzeit AfD-Mitglied, haben dies aber bis zu Ihrem Ausscheiden geheimgehalten als „eher stilles Mitglied“– aus Sorge vor Repressalien, wie berichtet wird. Da frage ich, der ich als aktiver und pensionierter Offizier und General immer, auch öffentlich und in Publikationen, meine Überzeugungen und Einsichten vertreten habe, mich und auch Sie, vor welchen „Repressalien“ ein Dreisternegeneral denn Angst haben muss. Da kann es doch eigentlich nur die Befürchtung gegeben haben, den Großen Zapfenstreich an der Seite der Ministerin in Gefahr zu bringen. Den Großen Zapfenstreich, die Ehrung unseres Staates auch für ausscheidende hohe Generale – des Staates, dessen Bundeskanzlerin Sie gleich danach als „antideutsch“ verunglimpft haben. Das finde ich (wohl gemeinsam mit vielen anderen Soldaten) ebenso wie Ihre „Sorge vor Repressalien“ unwürdig.

2. Soldatengesetz

An zwei Bestimmungen des Soldatengesetzes ist zu erinnern:

§ 10 (Pflichten des Vorgesetzten): (3). Offiziere und Unteroffiziere haben innerhalb und außerhalb des Dienstes bei ihren Äußerungen die Zurückhaltung zu wahren, die erforderlich ist, um das Vertrauen als Vorgesetzte zu erhalten.

§ 17 (Verhalten im und außer Dienst): (3) Ein Offizier oder Unteroffizier muss auch nach seinem Ausscheiden aus dem Wehrdienst der Achtung und dem Vertrauen gerecht werden, die für seine Wiederverwendung in seinem Dienstgrad erforderlich sind.

Wie Ihr AfD-Kamerad Oberst a.D. Lucassen Ministerin Kramp-Karrenbauer nach deren Vereidigung und Regierungserklärung entgegengetreten ist, entspricht sicher nicht diesen Bestimmungen. Gelten die Regeln für ehemalige Soldaten nicht mehr, wenn sie ein politisches Amt innehaben? Wie stehen Sie dazu? Werden Sie es dem Genannten gleichtun, nun mit der Autorität des „Dreisterners“? Da bin ich sehr gespannt.

3. Die AfD-Thesen zur Sicherheitspolitik und zur Bundeswehr

Bisher habe ich nur ziemlich banale allgemeinpolitische Äußerungen von Ihnen gelesen und Ihre Nominierung zum Oberbürgermeisterkandidaten in Hannover zur Kenntnis genommen. Was aber mich und sicher auch andere Soldaten sehr stark interessiert, ist die Frage, welche Haltung Sie jetzt zur deutschen Sicherheitspolitik und zur Bundeswehr einnehmen, die Sie nach meiner Beobachtung in vielen Jahrzehnten systemkonform unterstützt haben. Aus dem „Strategiepapier“ Ihrer neuen Partei („Streitkraft Bundeswehr“) vom Juli 2019 ergeben sich zahlreiche Fragen. Denn neben viel Selbstverständlichem und auch von anderen erkannten Notwendigkeiten zur Behebung der Bundeswehr-Defizite aus den „hoffnungsfrohen Jahrzehnten“ sind auch äußerst problematische, teilweise sehr rückwärtsgewandte Forderungen enthalten. Ich wäre neugierig zu wissen, ob Sie (beispielsweise) unterstützen

- das Verlangen nach gesellschaftlicher Privilegierung der Bundeswehr und ,„gegenseitigem Treuebund“ (mit dem Anklang an die seinerzeitige „Schnez-Studie“, die für die Behebung der Bundeswehrprobleme eine „Reform der Gesellschaft an Haupt und Gliedern“ forderte);

- die unrealistische Forderung nach Wiedereinführung der Wehrpflicht, für deren Beibehaltung ich zwar selbst publizistisch bis zu Ihrer Abschaffung (auf dem Papier „Aussetzung“) 2010 eingetreten bin, mit der es aber leider endgültig vorbei ist;

- eine Änderung der grundgesetzlichen Bestimmungen zum Einsatz der Bundeswehr im Innern („Die Sperrwirkung des Grundgesetzes ist anzupassen.“) und das vorgesehene „Reservekorps“ u.a. zur Unterstützung der Bundespolizei (mit größerem Umfang als diese);

- den geforderten deutschen Anspruch auf eine militärische Führungsrolle in Europa bei gleichzeitiger Ablehnung der Gemeinsamen Sicherheits- und Verteidigungspolitik (GSVP) der europäischen Union;

- die Forderung nach einer aktiven Entspannungspolitik der NATO gegenüber der Russischen Föderation (die ich auch stark befürworte, aber nicht in der AfD-Lesart, ohne irgendeinen Hinweis beispielsweise auf Krim und Ost-Ukraine);

- die Vorstellung, die deutsche Armee müsse in die Lage versetzt werden, das deutsche Staatsgebiet 20 Tage lang „autonom“ zu verteidigen, wofür ein deutscher Generalstab zu bilden sei;

- die damit einhergehende Formulierung „Befähigung und … Motivation ... zum unerbittlichen Kampf im Gefecht“;

- die äußerst problematische Aussage: „Traditionswürdigkeit beruht stets auf einer Einzelfallbetrachtung. Persönlichkeiten und militärische Ereignisse sind stets im Kontext der jeweiligen Epoche zu bewerten.“ Und dazu der Anspruch, die militärische Seite solle weitgehend selbst entscheiden, in welcher Militärtradition sie die Bundeswehr sieht;

- die Maxime „Parallele Meldewege sind unzulässig“ (gegen die Institution des Wehrbeauftragten des Deutschen Bundestages gerichtet?)

- Die Forderung nach dem Aufbau einer deutschen Militärjustiz und nach Aufhebung der Trennung von Truppe und ziviler Verwaltung;

- Das allgemeine Postulat „Novellierung der grundgesetzlichen Vorgaben“ für die Bundeswehr.

Sollten Sie sich mit all dem identifizieren, müssten Sie ja in atemberaubender Geschwindigkeit vieles von dem über Bord geworfen haben, wofür Sie bis vor kurzem standen. Ich hoffe, die meisten Staatsbürger in Uniform durchschauen, welche Art von Bundeswehr die AfD sich wünscht, und machen die Hoffnung der AfD zunichte, viele Soldaten anzuziehen mit Ihnen als Gallionsfigur (die Metapher ist inspiriert durch das “Willkommen an Bord, Herr General!“ des Oberstleutnant a.D. Junge, AfD-Landesvorsitzender Rheinland-Pfalz, der wegen der Berufung von Annegret Kramp-Karrenbauer zur Verteidigungsministerin einen „Aufstand der Generale“ gefordert hatte.)

4. Geschichtsbild

In aller Offenheit: Ein Offizier, gar General, der die skandalöse Äußerung des AfD-Vorsitzenden Gauland zur Relativierung der NS-Verbrechen, „Hitler und die Nazis [seien] nur ein Vogelschiss in über 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte“, „nicht schlimm“ findet, hat wohl im Geschichtsunterricht nicht aufgepasst und Jahrzehnte politischer Bildung in der Bundeswehr – für die er als Vorgesetzter ja verantwortlich war - verschlafen. Er sollte sein Engagement in dieser Partei überdenken, solange noch Zeit ist, den guten Ruf zu retten. Haben Sie sich denn wirklich vor Augen gehalten, mit wem Sie jetzt verbündet sind? Wer auch in Ihrem Namen auftritt und spricht? Die Fülle unsäglicher Äußerungen zur deutschen Geschichte, zur Gedenkkultur, zu Fremden, zur völlig tendenziös dargestellten Kriminalstatistik und zu vielen anderen Themen? Die zahllosen eindeutig extremistischen Aussagen? Das Ressentiment gegenüber unserem staatlichen „System“?

Und sollten Sie die Absicht hegen, durch Ihr Hinzutreten die AfD zu einer akzeptablen konservativen Kraft zu machen, so halte ich das angesichts der Tendenzen im gegenwärtigen innerparteilichen Richtungsstreit für eine Illusion.

Sie können diesen Brief gern auch als Angebot zur streitigen Auseinandersetzung auffassen, denn Ausgrenzung von Menschen, die aus Unzufriedenheit über dies oder das der AfD zulaufen, halte ich auch nicht für richtig.

Mit (noch) kameradschaftlichen Grüßen,

Klaus Wittmann

Dr. Klaus Wittmann, Brigadegeneral a.D., Berlin

Lesen Sie hier die Interviews mit anderen OB-Kandidaten:

„Ich bin der richtige Kandidat für diese Zeit“: Marc Hansmann (SPD)

„Ich bin nicht bereit zu akzeptieren, dass die Grünen sagen, das Thema Umwelt ist unser Thema“: Eckhard Scholz (CDU)

„Es muss doch klar sein, dass es so nicht weitergeht“: Belit Onay (Grüne)

Was wollen Sie von Hannovers OB-Kandidaten wissen?

Die HAZ bringt die Kandidaten für das Amt des hannoverschen Oberbürgermeisters zu zwei Diskussionsrunden zusammen. Wollen Sie ihnen auch eine Frage stellen? Dann melden Sie sich bei uns!

(Das Foto von Klaus Wittmann stammt von Ralf John und unterliegt der Bildlizenz CC BY-SA 4.0)

Von Felix Harbart

Die Polizei Hannover hat am Sonntag einen 30-jährigen Mann gestoppt, der betrunken durch die Stadt gefahren ist. Der Autofahrer geriet dabei mehrfach in den Gegenverkehr und wechselte zwischen Schritttempo und Vollgas. Mindestens fünf Kilometer war er unterwegs.

13.08.2019

Offenbar war die Penny-Filiale an der Straße Rüsterburg in der Südstadt für die Rewe-Gruppe, zu der Penny gehört, nicht mehr lukrativ genug. Denn das Unternehmen gibt wirtschaftliche Gründe für die Schließung des Marktes am Sonnabend, 17. August, an.

13.08.2019

Die Buchhandlung Decius aus Hannover geht an den Marktführer Thalia. Offen ist, was aus dem traditionsreichen Namen des Unternehmens wird. Mitarbeiter reagieren geschockt, Hannoversche Buchhändler bedauern den Schritt.

13.08.2019