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Aus der Stadt Wer schreibt, was er hört, schreibt oft falsch
Hannover Aus der Stadt Wer schreibt, was er hört, schreibt oft falsch
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00:15 07.01.2019
Wie lern man richtig schreiben? Darüber streitet man auch in Niedersachsen heftig. Quelle: Jockel Finck/AP
Hannover

Wie lernt man richtig schreiben? Über kaum ein Bildungsthema wird derzeit so emotional gestritten wie über Rechtschreiberziehung an Grundschulen. Besonders in Verruf geraten ist die von dem Schweizer Pädagogen und Psychologen in den siebziger Jahren propagierte Methode „Lesen durch Schreiben“, umgangssprachlich „Schreiben nach Gehör“ genannt. Die FDP ist jüngst im Landtag mit ihrem Antrag gescheitert, die Methode abzuschaffen. Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) hatte darauf verwiesen, dass kaum eine Grundschule diese Methode in Reinkultur anwendet. Überhaupt könne die Regierung den eigenverantwortlichen Schulen auch gar nicht zentral irgendwelche didaktischen Methoden vorschreiben.

Fragt man Deutschlehrer in Hannover, haben sie viel zu dem Thema Rechtschreiberziehung zu sagen, nur namentlich zitieren lassen,will sich niemand. Zu groß ist die Furcht vor öffentlichen Anfeindungen, Kritik von Kollegen oder behördlichen Repressalien.

„Lehrer müssen anderes beibringen als richtiges Schreiben“

„Bei diesem Thema glauben alle mitreden zu können“, sagt eine Lehrerin, „gerade auch Eltern.“ Dabei sei es mindestens genauso wichtig, auch mal die Fähigkeit der Kinder, Aufsätze zu verfassen, in den Blick zu nehmen. „Lesen durch Schreiben“ als alleinige Vermittlungsmethode wende ohnehin niemand an, sagt eine Pädagogin. „Wenn man das verbietet, tut man keinem weh, hat allerdings aber auch gar keinen Effekt.“ Ihre These: Kinder schreiben heute nicht schlechter als vor 20 Jahren. Nur müssten Schulen heute den Kindern viel mehr beibringen als früher: Recherchieren, Referate vorbereiten, Gruppenarbeiten, Präsentieren – das habe es früher alles gar nicht in Grundschulen gegeben, das seien aber wichtig im 21. Jahrhundert: „Wir können nicht mehr unterrichten wie vor 50 Jahren.“ An Grundschulen müssten Kinder viel mehr lernen als nur die Grundrechenarten und das Abc. Eine andere Lehrerin sieht das anders. Sie kritisiert, dass durch immer mehr Sonderveranstaltungen an Schulen wie Theaterbesuche und Anti-Gewalt-Training Zeit für wichtigen Rechtschreib- oder Mathematikunterricht verloren geht.

Rechtschreibung kommt später

Bei einer bundesweiten Umfrage im Jahr 2015 haben knapp 60 Prozent der Grundschulen angegeben, dass zu Beginn der Schulzeit Orthografie kaum eine Rolle spielt. 28,5 Prozent der Schulen teilten mit, dass sie in den ersten beiden Schuljahren nur wenig Wert auf Rechtschreibung legen. 31,4 Prozent kümmern sich im ersten Halbjahr kaum um korrekte Schreibweise, bis zum Ende der zweiten Klasse wird die Rechtschreibung an diesen Schulen jedoch immer wichtiger. Nur knapp ein Drittel (31 Prozent) der Grundschulen gaben an, dass sie durchgehend relativ viel Wert auf Rechtschreibung legen. dö

„Da immer mehr Eltern der Schule alles überlassen, entsteht großer Dokumentationsaufwand für Lehrer, der Unterrichtszeit bindet“, sagt eine langjährige Lehrerin. Man müsse Eltern über häufiges Zuspätkommen, vergessene Hausaufgaben, nicht vorhandenes Arbeitsmaterial oder Regelverletzungen informieren, die Zeit fehle dann für Gespräche, zum Beispiel über Rechtschreibthemen. „Je größer die sozialen Probleme der Schülerschaft, desto schlechter dürften die Rechtschreibleistungen sein.“

Anlauttabelle hat überlebt

Auch wenn die Reichen-Methode aus der Mode kommt: ein zentrales Element daraus hat aber überlebt, nämlich die sogenannte Anlauttabelle. Sie liegt inzwischen fast jeder Fibel bei. Dabei werden möglichst alle typischen Buchstaben einer Sprache schriftlich zusammen mit einem passenden Anlautbild dargestellt: A wie Affe, B wie Banane. So soll ein Kind schreiben können, auch wenn es noch nicht alle Buchstaben gelernt hat. Rechtschreibung ist erstmal nicht entscheidend.

Es sei wichtig, dass schon Erstklässler so schnell wie möglich kleine Texte schreiben, sagt eine Lehrerin, frei nach dem Motto: „Ich schreibe, also bin ich.“ Dadurch lernten Kinder, dass das von ihnen Geschriebene für andere Bedeutung habe. „Schrift ist Kommunikation, Kinder schreiben, weil sie eine Botschaft vermitteln wollen, und ganz am Anfag schreiben sie, wie sie hören“, sagt die Lehrerin. In gut 70 Prozent der Fälle könne man einem Laut auch zweifelsfrei einem Buchstaben zuordnen, die Ausnahmen müsse man lernen, aber häppchenweise in kleinen Dosen und nicht zu schnell. Alles andere sei verwirrend. Ab Klasse 2 solle es dann strukturierten Rechtschreibunterricht geben. Eine Studie belegt, dass gerade schwächere Schüler in dem Jahrgang besonders viel dazulernen.

Die befragten Lehrer beklagen, dass in der eigenen Lehrerausbildung Orthografie zu wenig Bedeutung beigemessen worden sei. „Viele, die in den achtziger und neunziger Jahren studiert haben, sind während ihres Studiums nicht mit Rechtschreibdidaktik in Berührung gekommen, es gibt auch nur wenig Fortbildungsangebote“, sagt eine Grundschullehrerin. Rechtschreibung sei für viele ältere Kollegen etwas, das Kindern so nebenbei vermittelt werde. Dabei hat das Kultusministerium mittlerweile Handreichungen zur Rechtschreieberziehung in der Grundschule und in der Sekundarstufe I herausgegeben – mit praktischen Musterbeispielen für den Unterricht. Auch die Quereinsteiger, die in jüngster Zeit verstärkt an die Schulen kommen, dürften wenig Erfahrung in Rechtschreibdidaktik mitbringen, warnt eine Pädagogin.

„Paper“ statt „Papa“

Rechtschreibung ist ein mühsames Geschäft“, sagt eine Lehrerin. Und was für Eltern wie ein Rückschritt aussieht, kann durchaus sogar ein Fortschritt sein. Wenn Kinder den Wortbaustein -er lernten, sei es normal, dass sie zunächst auch Papa und Opa mit -er schrieben. Das zeige, dass sie das Prinzip verstanden hätten.

Wer viel lese, könne sich die Wörter besser einprägen. Aber durch Lesen allein lerne man das Schreiben nicht. Ebenso wenig durch häufige Diktate: „Diktate zeigen nicht den Lernstand, solche mit geübten Wörtern schon mal gar nicht“, meint eine Pädagogin. Hinzu käme, dass viele Schüler durch Diktate gestresst seien und dadurch Wörter falsch schrieben. Eine Diktatpflicht, wie sie der FDP-Schulpolitiker Björn Försterling fordert? „Bloß nicht“, sagt eine Lehrerin.

Migranten haben es doppelt schwer

Kinder mit ausländischen Wurzeln, die oft noch nicht einmal in ihrer Muttersprache alphabetisiert seien, hätten es ungleich schwerer, Deutsch richtig schreiben zu lernen, heißt es. Wer mit der gesprochenen Sprache hadere, habe erst recht keine Kapazitäten für Orthografie. Und häufig finde aus Personalmangel auch gar nicht der benötigte Förderunterricht statt. Viele Schüler könnten gar keine vollständigen Sätze mehr formulieren, auch nicht die Schüler deutscher Herkunft.

Von Saskia Döhner

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