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Aus der Stadt Fight-Club: Schlagabtausch um besseres Bauen
Hannover Aus der Stadt Fight-Club: Schlagabtausch um besseres Bauen
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00:18 26.08.2018
Im Ring: Bauunternehmer Dirk Streicher vom BfW (li.) und Architekt Matthias Rüger vom BDA (re.) mit Stadtbaurat Uwe Bodemann. Quelle: Meding
Hannover

Ein technisches k.o. wurde an diesem Abend nicht vergeben, und es ging auch niemand zu Boden. Aber einen guten Schlagabtausch haben sie sich geliefert im Boxring: Architekten und Bauunternehmer, zwischen denen es im Alltagsgeschäft oft knirscht, haben in den Räumen des Turn-Klubb an der Maschstraße einen stilechten „Flight-Club“ inszeniert. Gekämpft wurde verbal – und Stadtbaurat Uwe Bodemann durfte den Austausch der Argumente kommentieren.

Im Boxring: So präsentierten sich Bauwirtschaft und Architekten.

Architekten wollten sich immer nur selbst verwirklichen, dabei könne ein einmal entworfenes gutes Hauskonzept doch durchaus auch vielfach seriell gebaut werden, legte etwa Wohnungsbauunternehmer Olaf Mosel provokant vor. „Wenn Mercedes jedes Fahrzeug individuell für seine Kunden entwerfen lassen würde, könnte sich niemand so einen Wagen leisten“, stichelte er. Architektur-Dekanin Prof. Ulrike Mansfeld hielt dagegen: „Wir bauen für Menschen, da ist jedes Bauprojekt eine neue Aufgabe.“ Ihre These: Wenn zu gleichförmig gebaut wird, dann „kaufen sich die Bewohner nach ein paar Jahren Farbe und pinseln eben ihre Haustüren neu“. Es sei erschreckend, dass es angesichts der Wohnungsknappheit „fast egal zu sein scheint, was wir bauen – Hauptsache, es wird gebaut“. Mosel hielt dagegen: „Ja, es gibt ein Recht auf indivudeulles Bauen, aber auch eines auf bezahlbares Wohnen.“

In sechs Runden wurde der von den beiden Verbänden BDA (Architekten) und BfW (Bauunternehmen) organisierte Flight ausgetragen. Architekt Harald Kiefer etwa zitierte seinen Berufskollegen Christoph Mäckler, der gutes Bauen einmal mit einem rahmengenähten Herrenschuh verglichen hat: „Der hält 20 Jahre, aber wenn Sie sich Schuhe bei Deichmann kaufen, dann müssen Sie alle zwei Jahre neue besorgen.“ Manfred Hofmann vom Wohnungsbauunternehmen Meravis konterte: „Wir müssen schnell bezahlbaren Wohnraum schaffen – und normale Bürger können sich keine Quadratmeter-Kaltmiete von 14 Euro leisten.“ Beide einigten sich schließlich darauf, dass die Bauvorschriften teils zu rigide seien. Es müsse nicht alles im Passivhausstil errichtet werden, sagte Kiefer: „Ich wohne in einem Haus von 1927, da ist es innen auch ohne Lüftungsanlage im Sommer kühl.“

Das wollte Bodemann so nicht stehen lassen. „Ich habe keinen Zweifel, dass wir uns den veränderten Klimabedingungen anpassen müssen.“ Allerdings dürfe man infrage stellen, ob die derzeitigen technischen Antworten immer richtig seien: „Wir sollten die Bauforscher an den Universitäten auffordern, klügere Lösungen zu liefern.“

Vielfach ging es um lieb gewonnene Klischees – etwa im Schlagabtausch über die Notwendigkeit aufwendiger Architekturwettbewerbe. Aber nicht immer. Überraschend vertrat etwa Peter Werner vom Architekturbüro Astoc die Auffassung, dass Architekten sich stärker um die Weiterentwicklung von Bestandsbauten kümmern müssten, während Wirtschaftsingenieurin Anika Tietje vom Ingenieurbüro Dres+Sommer plakativ für Neubauten eintrat: „Sanierung schafft oft nicht die Qualitäten, die ein Neubau bringt.“ Am Ende lagen sie jedoch nicht weit auseinander – dass es natürlich im Zweifelsfall immer eine Einzelfallbetrachtung ist.

Und so war die Veranstaltung zwar kontrovers, aber auch sehr fröhlich, ganz im Sinne der Veranstalter. „Wir planen ausschließlich für den Bauherrn, nicht den Bauunternehmer“, pointierte BDA-Landeschef Matthias Rüger zwar – am Ende aber sei das Ziel, gute Gebäue zu schaffen. Deshalb, sagte Streicher, gehe es „an diesem Abend nicht um Gewinner und Verlierer, sondern um den konstruktiven Austausch“. Auch dafür kann ein Boxring gut sein.

Von Conrad von Meding

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