Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Aus der Stadt Darum schwimmen bepflanzte Inseln auf dem Maschteich
Hannover Aus der Stadt

Flow Gardens: Darum schwimmen bepflanzte Inseln auf dem Maschteich in Hannover

Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:16 27.06.2019
Aus Abfall, aber grün: Die schwimmenden Inseln von Joy Lohmann und Positive Nett-Works. Quelle: Conrad von Meding
Anzeige
Hannover

Schwimmende Inseln, sagt Joy Lohmann, die werde es wohl in wenigen Jahren überall auf der Welt geben. „Aber sie werden den Millionären vor Saint-Tropez gehören – während die Menschen etwa in Bangladesch, deren bisherige Welt untergeht, sich so etwas eigentlich nicht leisten können.“ Zur Expo 2000 hatte Lohmann erstmals mit einem Inselprojekt auf dem Maschsee experimentiert. Inzwischen ist er weltweit unterwegs mit seiner Idee, künstliche Inseln aus Zivilisationmüll bepflanzbar und bewohnbar zu machen – und jetzt auch wieder in Hannover zurück.

Anzeige

Hunderte Schüler machen mit

Mehr als 300 Schüler von 15 Schulen aus Hannover haben an dem Experiment, das seit dem Frühling läuft, mitgewirkt. Eine Tragkonstruktion aus Edelstahl, entworfen vom Ingenieur Helmut Schmidt, dient als Grundlage, auch dafür wurden Gebrauchtstoffe verwendet. Obendrauf aber wachsen verschiedene Nutzbereiche. Im Flow-Garden, ausgelegt mit Komposterde von Aha, sprießen Pflanzen, etwa Wacholder für die Produktion des Hannover-Gin, dazu Minze und Zitronenmelisse. Zum Erntefest im Oktober soll verspeist werden, was bis dahin noch nicht geerntet ist. Auf einer zweiten Teilinsel konstruiert Bambus-Expertin Claudia Wonnemann gerade Rankbögen, von ihr stammt auch die obere Einfassung auf der Hauptinsel, auf der man plaudern, fachsimpeln und staunen kann. Immer sonntags ab Mittag ist die Inselwelt mit einem Steg zugänglich.

Craft-Beer-Fässer sorgen für Auftrieb

Der Auftrieb der Schwimmkörper wird durch alte Kunstsofftonnen und -kanister herbeigeführt. Neuste Variante: Craft-Beer-Fässer, die mit Luftdruck vollgepumpt werden und so noch besser schwimmen. „Wir haben so viele tolle Werkstoffe im Abfall“, sagt Lohmann, „Autoreifen zum Beispiel sind ein Hightechprodukt.“ Nach Ende ihrer Lebenszeit werden sie allerdings in der Regel verbrannt, etwa in Zementfabriken als Heizstoff.

Komposterde in Plastiksäcken – ist das denn nachhaltig?

Kritische Blicke ziehen aber zum Beispiel die Plastiksäcke auf sich, mit denen die Aha-Komposterde angeliefert wird. Ist das nachhaltig? „Ach“, sagt Lohmann, „das sind doch Scheindiskussionen.“ Unter dem Deckmantel, von jeder neuen Idee absolute Perfektion zu verlangen, werde sie diskreditiert. Es gehe darum, den potenziellen Nutzen von Zivilisationsmüll aufzuzeigen und dabei auch Spaß zu haben. „Wenn man immer wartet, bis jedes Detailproblem ausgeräumt ist, dann wird nie etwas fertig.“ Die Enten im Maschteich freut es: Sie haben schon ein Nest auf den Inseln angelegt.

„Als Künstler wird man nicht ernst genommen, sowas muss Startup heißen“

Lohmann ist eigentlich Aktionskünstler, hat aber schnell festgestellt, dass das Genre Grenzen hat. „Als Künstler darf man alles, wird aber nicht ernst genommen. Man muss sowas heute als Startup oder Entrepreneurship deklarieren“, sagt er. 18.000 Euro habe das aktuelle Projekt gekostet, mehrere Stiftungen und die Stadt unterstützen es.

Die vierte Teilinsel auf dem Maschteich, die Initiator Joy Lohmann hier Ende Juni zum Hauptinselreich paddelt, wird mit einer Jurte bebaut. Quelle: privat

In Indien und Berlin hat Lohmann schwimmende Inseln errichtet, in mehreren Entwicklungsländern ist die Idee kopiert. Auch, weil er die Baupläne als Open-Source-Material ins Netz gestellt hat: „Diese Ideen sind kein Eigentum, sondern gehören allen.“ So, wie immer sonntags die Inseln auf dem Maschteich, wo Ende Juni eine vierte Teilinsel gewachsen ist, die bald eine Jurte tragen soll.

Lesen Sie auch diesen Text über die Vorbereitung:

April 2019: Schüler pflanzen Gemüse in schwimmenden Gärten

Von Conrad von Meding

Anzeige