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Aus der Stadt „Fridays for Future“-Demos: Eltern fordern von Lehrern Unterstützung
Hannover Aus der Stadt „Fridays for Future“-Demos: Eltern fordern von Lehrern Unterstützung
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00:15 25.03.2019
Rund 8000 Schüler demonstrierten Mitte März in Hannover – in der Schulzeit. Quelle: Frank Wilde
Hannover

Demonstrationen für das Klima während der Schulzeit: Während Eltern von Lehrern mehr Verständnis für die streikenden Schüler einfordern, verlangen die Pädagogen klare Vorgaben von der Politik. Diese allerdings hält sich mit Festlegungen zurück.

In dieser Woche verlangte der niedersächsische Landesverband der Elternräte an Gymnasien von den Lehrern, die Schüler bei ihren Protestaktionen zu unterstützen. Lehrer könnten ab der sechsten Schulstunde etwa Exkursionen zu den Demos anbieten. Auf keinen Fall aber sollten sie die Fehlzeiten negativ bewerten, sagte Elternverbandschef Hartwig Jeschke. „Für Lehrkräfte, die sich im privaten Bereich für den Naturschutz engagieren, den Schülern jedoch die Note 6 für die Fehlzeiten am Freitag notieren, fehlt mir jedes Verständnis.“ Der Umgang mit den Fehlstunden liege „ausschließlich bei der Lehrkraft“. Dazu gibt es einen kleinen Seitenhieb auf die Lehrergewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW): „Irritierend“ sei, dass viele Lehrkräfte sich „für Protestbewegungen der GEW vom Unterricht freistellen lassen“, jetzt jedoch mit Unverständnis auf das Anliegen der Schüler reagierten.

Die Lehrer indes fühlen sich von der Politik im Stich gelassen. „Wir brauchen eine klare Haltung der Politik, wie sie mit dieser Schulpflichtverletzung umgehen will“, sagte Udo Beckmann, Vorsitzender des Verbands Bildung und Erziehung, am Freitag am Rande des Deutschen Schulleiterkongresses in Düsseldorf gegenüber der ARD.

Auch die Bildungsgewerkschaft GEW sieht die Lehrer in der Zwickmühle. Die niedersächsische Landesvorsitzende Laura Pooth lobte am Freitag einerseits die Ernsthaftigkeit des Schülerprotests. Andererseits stellte sie fest, dass Lehrer Schülern angesichts der bestehenden Schulpflicht nicht einfach freigeben dürften. Wochenlang Exkursionen zu Klimademos zu begleiten, könne auch keine Lösung sein – schließlich hätten die Lehrkräfte dann eine Aufsichtspflicht. „Am besten wäre es, wenn die Eltern den Kindern bescheinigen, dass sie demonstrieren dürfen“, sagte Pooth der HAZ. Trotzdem müssten Lehrer die Abwesenheit als Fernbleiben vom Unterricht bewerten.

Auf die Schulpflicht weist auch Yvonne Gebauer (FDP), Ministerin für Schule und Bildung in Nordrhein-Westfalen, hin. Diese Schulpflicht sei ein „hohes Gut“.

Im niedersächsischen Kultusministerium, wo das Engagement der Schüler ausdrücklich gelobt wird, hat man auf den rechtlichen Konflikt weiterhin keine schlüssige Antwort. Sprecher Sebastian Schumacher verwies am Freitag gegenüber der HAZ auf Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD). Der hatte kürzlich „kritische und reflektierte Schüler“ gelobt, die sich mit „gesellschaftlichen und politischen Fragen beschäftigen“. Für die Frage der Streikteilnahme „braucht es auch keine neuen Regeln oder Vorschriften“, sagte Tonne.

Eltern allerdings lässt das ratlos zurück, wenn sie zwar den Protest ihrer Kinder bei den Fridays-for-Future-Demonstrationen begrüßen, ihnen aber schlechte Noten wegen Fehlstunden ersparen wollen. Elternverbandschef Jeschke erinnert daran, dass die Gesellschaft seit Jahren ein politisches Desinteresse bei der jungen Generation bemängele. Wer sich jetzt für Klimaschutz engagiere, dürfe dafür keine negativen Sanktionen erfahren: „Das ist das falsche Signal für unsere Jugend.“

„Wir Eltern unterstützen unsere Schüler bei der Protestbewegung

Deshalb fordern Elternvertreter von Lehrern „mehr Gelassenheit“, wenn Schüler in der Schulzeit für Klimaschutz demonstrieren. „Wir Eltern unterstützen unsere Kinder bei den weltweiten Protestbewegungen für einen besseren Klimaschutz – auch wenn diese Proteste in der sechsten Unterrichtsstunde am Freitag stattfinden“, sagt Jeschke, der selbst auch Elternvertreter an der hannoverschen Goetheschule ist.

Laut dem ARD-Deutschland-Trend sind 55 Prozent der Deutschen dafür, wenn Schüler für die Teilnahme an den Demonstrationen die Schule schwänzen, 42 Prozent sind gegenteiliger Auffassung. Vor allem Anhänger der Grünen, der Linkspartei und in etwas geringerem Umfang auch der SPD haben dafür Verständnis, Anhänger von CDU, FDP und AFD finden das Schwänzen für den Klimaschutz meist nicht akzeptabel. Deutsche unter 35 Jahren haben das meiste Verständnis für die Demonstranten (70 Prozent). Inzwischen unterstützen auch immer mehr Wissenschaftler den Schülerprotest.

Schulen könnten gemeinsam an Klimaschutzdemo teilnehmen

Lehrer sollten ihren eigenen pädagogischen Ermessensspielraum nutzen, findet Elternvertreter Jeschke, und Schüler in ihrem Engagement unterstützen, indem sie etwa in der 6. Stunde am Freitag Exkursionen anmelden. Klimaschutz könnte in den Unterricht eingebunden werden, über Arbeitsgemeinschaften oder Schulveranstaltungen könnten die Fridays-for-Future-Demonstrationen eingebunden werden. Die Glockseeschule in Hannover hatte sich fast geschlossen dem Protestzug durch die Innenstadt am 15. März angeschlossen, die Teilnahme war als Schulveranstaltung deklariert worden.

Insgesamt hatten an dem Tag rund 8000 Schüler, aber auch viele Eltern an der dritten Fridays-for-Future-Demo in Hannover teilgenommen. In 2000 Städten weltweit waren an dem Tag Schüler für eine andere Klimapolitik auf die Straße gegangen.

„Lehrer lassen sich auch für ihre Demos vom Unterricht freistellen“

„Unsere Kinder nehmen ihre Zukunft verantwortungsvoll in die Hände, da ist es an der Zeit, dass sich die Schule moderner aufstellt, sich von starren Denkmustern löst und nach pädagogisch vertretbaren Lösungen sucht“, fordert Jeschke. Fehlzeiten am Freitag müssen nicht zwangsläufig zu einer schlechten Benotung führen, der Ermessensspielraum läge ausschließlich bei der Lehrkraft.

Von Saskia Döhner und Conrad von Meding

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