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Aus der Stadt Hannovers „Fridays for Future“-Köpfe
Hannover Aus der Stadt

Fridays for Future: Lou Töllner und Timon Ziehlke organisieren Hannover-Demos

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00:23 27.05.2019
Lou Töllner und Timon Ziehlke. Quelle: Samantha Franson
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Hannover

Hambacher Forst, September 2018, in einem Baumhaus ein paar Meter über der Erde. Timon Ziehlke, 19, und weitere Besetzer protestieren seit Tagen gegen die geplante Abholzung dieses Restwäldchens zugunsten des Braunkohleabbaus. Umweltzerstörung und Klimawandel gehen für die Demonstranten an diesem Ort auf symbolische Weise Hand in Hand. Dann räumt die Polizei. Ziehlke, der eine Ausbildung zum Notfallsanitäter machen möchte, sieht von oben die Staatsmacht in Gestalt uniformierter Polizisten anrücken.

„Ich kann da objektiv nicht mehr drüber reden“, sagt er, und erzählt doch, wie er diese Stunden erlebte. „Die haben die Hütte mit Pfefferspray und Reizgas geflutet, später sind wir stundenlang in Einzelzellen festgehalten worden und konnten nicht telefonieren.“ Nichts zu essen, nichts zu trinken, keine Telefonate. Der Einsatz hat ihn im schlechten Sinne sehr beeindruckt, er spricht von Schikane und psychischem Terror gegen Besetzer, letztlich im Namen der Wirtschaft. Aber geblieben ist auch das Gefühl, nicht allein zu sein, „man kämpft gemeinsam für ein Ziel, das ist einfach unfassbar.“

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Politik ist nicht nur Kreuzchen machen

Timon Ziehlke war an diesem sonnigen Freitag wieder unterwegs. Einige tausend Menschen zogen beim „Fridays for Future“ durch die Stadt, und dass sie sich versammelten, war auch ein Verdienst von Ziehlke. Er gehört zum hannoverschen Organisationsteam. (Wobei man unbedingt schreiben soll, dass noch mindestens 20 weitere Leute mithelfen. Sie mögen es nicht, wenn einzelne Personen im Vordergrund stehen.) Hier mit Menschen stehen, die dieselben Ziele haben wie er selbst, das versteht Ziehlke unter gelebter Politik. Politik, sagt er, heißt nicht, alle vier Jahre ein Kreuzchen zu machen, sondern Politik sei die Zeit zwischen diesen Kreuzchen.

Als Lou Töllner, 17, und zwei Freundinnen im Dezember zum ersten Mal davon hörten, dass in Schweden eine gewisse Greta Thunberg zum „skolstrejk för klimatet“ aufrief, dachte die Gymnasiastin: „Wäre doch cool, das auch mal in Hannover auszuprobieren.“ Interesse an Politik musste niemand bei ihr wecken, die Abiturientin der Kleefelder Schillerschule engagierte sich schon bei Amnesty International und grüner Jugend. Feminismus ist eines ihrer Themen, Umweltschutz sowieso.

In dieser Zeit organisierte Lou Töllner (und ja, auch andere) die erste „Fridays for Future“- Demonstration durch Hannover. Das hieß zunächst: lernen. Sie fragten Leute, wie man Kundgebung und Route bei der Polizei anmeldet, wo man eine Lautsprecherbox herbekommt (eine sehr kleine beim ersten Mal, Lou Töllner zeichnet beim Gespräch mit den Händen ein winziges Quadrat in die Luft). In Whatsapp-Gruppen wurden Nachrichten über die Demo herumgeschickt. Dennoch sorgten sich die Organisatoren, dass ihrer Aufforderung zum Protest nur ein kleines Häuflein folgen würde. Sie hatten immerhin mit 200 Teilnehmern gerechnet. „Und dann waren da 3000 Leute. Wir waren total überrumpelt.“ Und Lou, die sich gewissenhaft auf ihre Rede vorbereitet hatte, so lange, bis sie den Text beinahe auswendig konnte, sprach plötzlich zu all diesen Menschen, die sich in der Stadt versammelten, weil auch sie dazu aufgefordert hatte.

„Das Problem ist final“

Vielen ging es damals so wie Timon Ziehlke. „Das Thema Klimaschutz brodelte schon lange in mir. Jetzt, mit Greta, hatten wir endlich ein Sprachrohr.“ Auch in Hannover. Er hat mit Freunden über das Thema gesprochen. Die meisten finden seinen Einsatz gut, aber er kennt auch Menschen, die interessiert nicht, ob sich die Erde aufheizt oder irgendwo ein Sack Reis umfällt. „Das ist Schwachsinn, dann bin ich eh tot“, diesen Satz hat Ziehlke, der Aktivist, schon öfter gehört. Doch er und Lou Töllner sind auch Optimisten. Dem Planeten mag das Wasser bis zum Hals stehen. Wenn, wie am Freitag, mindestens 7000 junge Leute auf die Straße gehen, dann finden sie das großartig, weil es mehr geworden sind, für dieses Glück muss nicht jeder einzelne hannoversche Schüler vor den Landtag ziehen. Es kann gar nicht anders sein, als dass die Bewegung wächst, glaubt Lou: „Das Problem, gegen das wir kämpfen, ist so final, dass es zu spät ist, wenn in den nächsten fünf Jahren nichts passiert.“

Dies hier, entfacht von einer jungen Schwedin, soll anders werden

Fragen nach der Zukunft von „Fridays for Future“ interessieren die beiden kaum. Erst vor wenigen Jahren sorgte die Occupy-Bewegung weltweit für Aufmerksamkeit. „Wir sind die 99 Prozent“, hieß ihr Slogan, dessen Sinn eilig gewählte Sprecher in Talkshows erläuterten, während in Europas Hauptstädten Demonstranten vor Banken gegen das globale Finanzsystem protestierten. Dann verschwand die Bewegung wieder. Aber dies hier, entfacht von einer jungen Schwedin, soll anders werden. Ziehlke sieht eine ganze Generation aufstehen und ihr Recht auf Zukunft einfordern. Lou Töllner erzählt, dass überhaupt ein Wertewandel stattfinde. Sie kenne niemanden, der innerdeutsche Flüge buche. Die Zahl der Vegetarier steige extrem und immer mehr Leute hätten keine Lust mehr auf Konsum.

Fridays for Future“ ist für etliche Menschen auch eine nervige Bewegung. Sie erinnert daran, was man selbst jeden Tag falsch macht in Sachen Klimaschutz. Für die Organisatoren ist es ganz einfach. Es wäre ein Anfang, hielte sich die Bundesregierung an Klimaschutzabkommen, die sie unterschrieben hat. In diesem Punkt stimmt Timon Ziehlke tatsächlich mit Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble, CDU, überein.

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