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Aus der Stadt 30.000 demonstrieren bei Fridays for Future in Hannover
Hannover Aus der Stadt

Fridays for Future in Hannover: Demo in der City

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19:16 20.09.2019
„Out of school to make the earth cool“: Demonstranten in Hannover. Quelle: Schaarschmidt
Hannover

Während 30. 000 Menschen an diesem herrlichen Freitagnachmittag in Hannover marschieren, skandieren, auf Politiker und Wirtschaftsbosse schimpfen, geht Jürgen Schmidt hart mit sich selbst ins Gericht. Auf dem Schild des 66-Jährigen, das er gerade am Rathaus vorbei in Richtung Markthalle trägt, steht „Opa for Future“, darunter ist eine schwitzende Erdkugel zu sehen. „Eigentlich ist es etwas scheinheilig, dass ich hier mitmarschiere“, sagt er. Schließlich habe er sich bisher nicht so viele Gedanken um das Thema Klimaschutz gemacht. „Aber die jungen Leute haben mich zum Umdenken gebracht. Wir steuern auf eine riesige Katastrophe zu.“

  Quelle: Harbart

Was da an diesem Septemberfreitag durch Hannover marschiert, ist längst keine reine Jugendbewegung mehr, und eine Schülerbewegung ist es schon gar nicht. Es ist eine Menschenbewegung. Junge Mütter mit Kindern in Fahrradanhängern. Ganze Belegschaften von Kleinunternehmen. Opa-Mutter-Enkel-Familien mit Rucksäcken voller belegter Brote für den Hunger zwischendurch. Und, ja: Schülerinnen und Schüler. Das sind die, die die Slogans am besten kennen, die mithopsen, wenn einer „Wer nicht hüpft, der ist für Kohle“ anstimmt, oder die mitbrüllen bei „Attacke, Attacke, Fliegen ist kacke.“

Video: So demonstrierte Hannover für den Klimaschutz

Bisher, sagt Herr Schmidt, hat er so ganz konkret noch viel zu wenig an seinem Leben geändert. „Vielleicht mal die Heizung um ein Grad ’runtergestellt.“ Aber das reicht nicht, das weiß er jetzt, und deshalb marschiert er mit dem „Opa-for-Future“-Schild durch Hannover, stellvertretend für seine sieben Enkel. Ist das heute für ihn so eine Art Startschuss? „Ja, kann man vielleicht sagen“, sagt er. Dann trommelt und pfeift es wieder rund um die Markthalle, und Jürgen Schmidt aus Ingeln verschwindet zwischen all den Köpfen und Schildern in der Menge.

  Quelle: HAZ

Die Demonstranten sind „überrascht“, dass der Minister da ist

Zwischen all diesen Menschen sind auch Politiker, aber sofern sie nicht bei den Grünen sind, ist ihre Position nicht ganz unkompliziert. Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies (SPD) etwa steigt am Treffpunkt Altenbekener Damm mit in die Demo ein. Lou Töllner und Hannah Springer, Sprecherinnen von Fridays for Future (FFF), sind auch da, und sehr viel Ehrfurcht vor dem Minister zeigen sie nicht: Sie seien „überrascht“, dass er mitlaufe. „Er demonstriert damit gegen seine eigene Politik“, sagt Springer. Lies sieht das nicht so: „Ich möchte, dass der Klimaschutz noch konsequenter wird. Das ist für mich heute kein Gegeneinander, sondern ein Miteinander“, sagt er. Und dann sagt er noch, dass das Land an einem „konsequenten Klimagesetz“ arbeite.

Alle Bilder der Demo in Hannover:

Fotostrecke: So viel war bei der Fridays-for-Future-Demo in Hannover los

Mit dem, was dabei bisher herausgekommen sind, dürften die Demonstranten ungefähr so zufrieden sein wie mit dem, was just in diesen Minuten bei vielen am Altenbekener Damm die Handys summen lässt: Das sogenannte Klimakabinett in Berlin habe sich auf Maßnahmen zum Klimaschutz geeinigt, vermelden die Nachrichtenportale. Und so kann man, während man in Richtung Maschsee schlendert, schon mal nachlesen, was die Demonstrationen der vergangenen Monate so gebracht haben. Genauso machen es die, die sich von der Lutherkirche in der Norstadt, vom Lister Platz, vom Braunschweiger Platz und vom Küchengarten auf den Weg in Richtung Innenstadt machen.

  Quelle: HAZ

Was viele denken, kleidet Maxim Matthias von der FFF-Schwester Extinction Rebellion später auf der Bühne am Friederikenplatz in deutliche Worte: „Was die Große Koalition heute beschlossen hat, ist Bullshit“, sagt er. Das steht in einem wenig überraschenden Gegensatz zur Einschätzung von Niedersachsens Wirtschaftsminister Bernd Althusmann (CDU), der nicht auf der Demo ist, aber das Klimapaket der GroKo als ausgewogenen Kompromiss bezeichnet: „Allein mit Verboten kommt man nicht weiter.“ Stattdessen müsse man auf technologische Innovationen setzen und die Bürger mitnehmen.

  Quelle: Tim Schaarschmidt

Mehr als eine Million Demonstranten bundesweit

Heute aber hat erstmal Fridays for Future die Bürger mitgenommen, und zwar überall auf der Welt. Bundesweit gehen mehr als eine Million Menschen auf die Straße, allein 270.000 davon in Berlin. Wer Zeit hat, in sein Handy zu gucken, kann Bilder von Demos in London, Nairobi, Neu Delhi, Melbourne und Prag sehen. „Wir sind die erste Generation, die von der Klimakrise betroffen ist, und die letzte, die dagegen kämpfen kann“, wird die 17-jährige Lou Töllner später auf der Bühne am Friederikenplatz sagen.

  Quelle: Michael Wallmueller

Dass das Ganze wirklich eine große Sache ist, merken in Hannover auch die Autofahrer. Auf den Schnellwegen rund um die Stadt staut sich der Verkehr, einige Bus- und Bahnlinien stehen zeitweise still. Auf fünf Strecken gleichzeitig sind Hauptverkehrsstraßen gesperrt, und wer auch nur in die Ausläufer der Innenstadt gerät, prallt an den Polizeiabsperrungen ab wie an einem Magnetfeld. An den Schranken stehen höfliche Polizistinnen und Polizisten, lassen Autos durch, wo es eben mal geht, aber können am Ende meist nur sagen: hier nicht. Während der Demo ändert die Polizei mehrere der Routen, „aus Sicherheitsgründen“, wie sie in den sozialen Netzwerken mitteilt. Doch es ist alles sicher, und es bleibt alles friedlich.

  Quelle: Tim Schaarschmidt

Irgendwo dazwischen laufen auch 100 Leute von der sogenannten Interventionistischen Linken herum. Um die hat es im Vorfeld ein bisschen Wirbel gegeben, weil sie sich den Organisatoren als Mitveranstalter angedient hatten. Das wiederum kann man durchaus kritisch sehen, denn der niedersächsische Verfassungsschutz beobachtet die Gruppe, die er für gewaltbereit hält – und darauf aus, den Staat zu zerstören. Ja, zu viel Nähe zu Linksextremen könne zum Problem werden, sagt ein Grüner – aber die Organisatoren hätten ja klug reagiert. Bei der Demo tun sie das, indem sie sich am Altenbekener Damm gleich zu Beginn von jeder Art des Extremismus distanzieren. „Wir sind überparteilich und unabhängig und stehen für eine friedliche Form des Protests ohne Gewalt und Eskalation.“ Und so ist es dann auch, was längst niemanden mehr überrascht.

„Eine Welle, auf der ich gerne mitschwimme“

Und was sie noch sind: viele. Als die ersten beiden Protestzüge zur Zwischenkundgebung am Georgsplatz ankommen, sagt einer der jungen Organisatoren so ehrlich wie aufgekratzt: „Die Polizei und wir sind gerade wegen der vielen Menschen etwas überfordert.“ Aber das macht nichts, man rutscht eben ein bisschen durch, und außerdem gibt es ja Musik.

  Quelle: Michael Wallmueller

Es dauert also alles ein wenig länger, und so hat man Zeit, zu überlegen, was denn besser werden muss. In der Welt und in der Stadt. „Ich sehe noch nicht, dass wirklich etwas für die Reduzierung des Autoverkehrs getan wird“, sagt beispielsweise Corinna, 43, aus der Südstadt. Sie selbst fährt kaum noch Auto, sondern Fahrrad, was allerdings immer schwieriger wird. „Dass es jetzt die E-Roller gibt, ist ja schön“, sagt Corinna. „Aber jetzt drängen sich umso mehr Fahrzeuge auf den engen Radwegen.“ Und auf denen ist es ohnehin eng. Als sie das erzählt, zeigt ihr sechsjähriger Sohn Till in die Höhe, wo ein Flugzeug einen Kondensstreifen in den Himmel gemalt hat. „Aber Fliegen ist doch scheiße“, sagt er. Ja, Fliegen ist irgendwie scheiße, jedenfalls stand das vorhin auf dem Schild eines Demonstranten. Und wer lesen kann, der kriegt das mit.

Corinna sagt, so richtig präsent geworden sei die Sache mit dem Klimaschutz für sie auch erst mit den Fridays-for-Future-Demonstrationen: „Das ist eine Welle, auf der ich gerne mitschwimme.“ Malermeister Volker Marwede, der im Schatten am Leineufer wartet, setzt sich schon länger fürs Klima ein – zu Kunden, die nicht weit entfernt wohnten, fährt er zum Beispiel mit dem Lastenfahrrad. Durch Greta Thunberg aber habe der Kampf gegen Klimawandel noch einmal an Dynamik gewonnen, sagt Marwede. Er begrüßt das.

  Quelle: HAZ

Während die 30.000 marschieren, gucken ihnen ein paar andere Tausend zu. Weil sie in Autos sitzen und warten, weil sie am Wegesrand stehen oder im Straßencafé sitzen. Ein Mittfünfziger mit grauen Haaren etwa wird am Friedrichswall Zeitzeuge der Klimabewegung, und so richtig überzeugt ist er nicht. „Viele Menschen, aber irgendwie kommt kein Widerstandsgeist rüber“, sagt er. Ein Mann, der mit seinem Freund in einem Restaurant an der Hildesheimer Straße Mittag isst, mault: „Die Generation, die da läuft, ist doch die Wegwerfgeneration. Wir hatten als Kinder Glasflaschen und Papiertüten, heute ist alles Plastik, wir sind zu bequem geworden.“

  Quelle: Tim Schaarschmidt

Und dann sind da ja noch die, die ihrem Tagewerk nachgehen müssen. Auf der Sallstraße bleibt ein großer Lieferwagen an einer Straßensperre hängen. Der Fahrer muss etwas anliefern, kann aber seinen Kunden nicht erreichen. Also flucht er, wirft nach der Diskussion mit der Polizistin den schweren Dieselmotor wieder an und quält sich durch die engen Seitenstraßen der Südstadt davon. Er wird später wiederkommen müssen. Ganz unmittelbar ist der Protest heute in Hannover erstmal nicht so gut fürs Klima.

„Es ist was ganz anderes, wenn man Kinder hat“

So marschieren bei dieser mächtigen Demonstration, initiiert von jungen Leuten, irgendwie auch immer die Widersprüche mit. Zwischen der Großen Koalition in Berlin, die ihre Klimabeschlüsse prima findet, und Maxim, der sie für „Bullshit“ hält. Zwischen dem Minister Lies, der gern mitdemonstriert, und den FFF-Aktivisten, die finden, er demonstriere gegen sich selbst. Zwischen nagelneuen Klimaschutzmaßnahmen, die einerseits Lou Töllner und Hannah Springer, andererseits die Grantler vom Wegesrand zufrieden stellen sollen. Und viele Demonstranten tragen auch ihre ganz persönlichen Widersprüche mit sich herum, wie Jürgen Schmidt aus Ingeln, für den das alles hier so eine Art Startschuss ist.

  Quelle: Tim Schaarschmidt

Jacqueline Koch und Daria Otto sind mittags am Braunschweiger Platz losmarschiert. Beide haben kleine Kinder, Jakob und Mila sind ein Jahr alt, und Jakob schaut aus seinem Anhänger auf die vielen Menschen, die sich um seine Zukunft sorgen. Ja, sagt seine Mutter, Gedanken ums Klima habe sie sich auch schon früher gemacht, aber vielleicht nicht so sehr wie jetzt. „Es ist halt noch mal etwas ganz anderes, wenn man Kinder hat.“

Der Liveticker zum Nachlesen:

  • 20.09.19 14:48
    Die Polizei spricht in ihrer Abschlussbilanz von der "bislang größten Demonstration der Fridays-for-Future-Bewegung", die in Hannover stattgefunden hat. Sie ist zudem "störungsfrei verlaufen".

    Damit beenden wir an dieser Stelle den Liveticker. Wir wünschen allen eine gute Heimreise und noch einen schönen Tag!

    Und das sollten Sie auch gelesen haben:
    - Nachhaltig leben: Das können Sie sofort fürs Klima tun

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    - Die GroKo und das Klima: Der Weg des geringsten Widerstands
  • 20.09.19 14:45
    „Es war sehr gut, super friedlich und einfach Mega sauber“, fasst Julia (30) aus Nordstemmen die Veranstaltung zusammen. Zu der Zahl der Teilnehmer sagt sie: „Wenn man diese Stimmen nicht hört, dann ist man ignorant.“ Mit ihren Freundinnen Jennifer (31) und Antonia (31) fährt sie mit der Bahn jetzt wieder nach Hause.
  • 20.09.19 14:39
    Auch viele Mitglieder der Organisation Omas gegen Rechts sind bei der Demonstration mitgelaufen. „Alle, die sagen, dass die Jugend nur die Schule schwänzen will, die sollten sich so was hier mal ansehen“, sagt Renate Quast (73) aus Hannover. Auf ihrem Schild hat sie ein Bild, das auch schon vor 30 Jahren aktuell gewesen sei. „Jetzt müssen wir nur damit weitermachen, damit sich was verändert“, sagt das Mitglied der Omas gegen Rechts.

  • 20.09.19 14:38
    Auch der Verkehr am Friederikenplatz rollt jetzt wieder. Die Polizei ist abgezogen. Nur noch wenige Demonstranten sitzen auf der Wiese drumherum.
  • 20.09.19 14:34
    Am Opernplatz sind schon die ersten Zelte für das Protestcamp aufgebaut worden. Ab Montag laufen dort die Workshops, die vormittags auch gern Lehrer mit ihren Klassen besuchen könnten, wie die Organisatoren sagen. Es geht um Themen wie Insektenhotels und Handyproduktion.Mittags und abends soll für bis zu 50 Menschen gekocht werden. Mitessen und -diskutieren erwünscht.
  • 20.09.19 14:34
    Auch die Motorradstaffel der Polizei wartet auf die Freigabe der Straße, um zur Dienststelle zurückzukehren.
  • 20.09.19 14:28
    Abbau am Friederikenplatz: Die Organisatoren bereiten alles vor, damit die Straße bald wieder freigegeben werden kann.
  • 20.09.19 14:24
    In der Innenstadt gibt es nun einige Aktionen im Rahmen des „Parking Days“. Hier haben einige Aktivisten mehrere Parkplätze vor dem Landtag in eine Tanzfläche verwandelt.
  • 20.09.19 14:16
    „Endlich kämpfen die Leute mal wieder gemeinsam für eine Sache, die für alle ist und nicht nur für sich selbst“, sagt Lizett, die nach dem Verantstaltungsende noch mit ihrer Tochter Ilayda auf der Straße tanzt. Mit dabei sind auch ihr Mann Onor und ihr Sohn Elyas. Die Familie ist extra aus Hodenhagen angereist.
  • 20.09.19 14:08
    Zumindest für die Autofahrer ist das Gedränge in der City noch nicht vorbei: Da immer mehr Fahrzeuge auf die Kreuzungen der City fahren, blockiert sich hier alles gegenseitig.
  • 20.09.19 14:07
    Auch die Sperrung am Friedrichswall in der Nähe des Landtags wird aufgehoben.
  • 20.09.19 14:06
    Dort wo eben noch tausende Menschen für mehr Klimaschutz demonstrierten, stauen sich die Autos.
  • 20.09.19 14:01
    Erst die Stadtbahnen, jetzt die Busse: Laut Üstra fahren die Linien 100, 121, 128, 134 und 200 wieder nach Plan.
  • 20.09.19 14:00
    „System change not climate change” haben Demonstranten am Friederikenplatz mit Kreidefarbe auf die Straße gesprüht.
  • 20.09.19 13:59
    Grünen-Fraktionsvorsitzende Anja Piel sieht in dem Klimastreik mit Zehntausenden Teilnehmern einen klaren Arbeitsauftrag an die Große Koalition im Land.
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