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Aus der Stadt Das GOP wird zum Variete-Versuchslabor
Hannover Aus der Stadt Das GOP wird zum Variete-Versuchslabor
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00:18 25.01.2019
Virtuell verdoppelt: Schräge Performance im GOP Quelle: Frank Wilde
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Hannover

Eine Frau turnt an einer mit Griffstangen gespickten Wand auf der GOP-Bühne. Sie ist nicht allein. Ihre Konturen turnen auch. In weitem Bogen um die Artistin herum erscheinen ihre Umrisse und machen jede Aktion mit. Später bewegen sich Artisten auf einer Schräge – und werden quasi von sich selbst verfolgt. Eine Kamera nimmt einen Sprung von A nach B auf und lässt die auf die Schräge projizierte Blaupause des Springers zwei Sekunden später hinter ihm herhüpfen.

Es geht um Technik. Lichttechnik, Videotechnik, Audiotechnik, Bühnentechnik. Geht es sonst auch im GOP, allerdings eher dezent, die künstlerischen Darbietungen unterstützend. Bei „Dummy Lab“ kehrt sich das Verhältnis um. Die Artisten illustrieren eine von zwei Musikern an Cello und Tasten live begleitete Technikshow.

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Mehr Pop als Varieté

Damit treibt das GOP eine Entwicklung auf die Spitze, die sie vor Jahren mit der ersten Fassung der „Dummy“-Show eingeleitet hat. Es ist mehr Pop als Varieté – und das hat auch seinen Grund. Neben dem Regisseur-Team Eike von Stuckenbrok und Markus Pabst ist der Videokünstler Frieder Weiss im Boot, der auch schon Videos von Kylie Minogue und Ellie Goulding sowie einen Broadway-„King Kong“ zum Flimmern gebracht hat. Mit Infrarotkameras verschafft er den Damen und Herren auf der GOP-Bühne virtuelle Koexistenzen und stellt das Unechte als Kunstform gleichberechtigt neben das Echte. Artificial – künstlich und künstlerisch rücken nah zueinannder. Gesprochen wird nicht, es ist zwei Stunden lang reines Augenfutter auf und neben der Bühne, ein Pole-Artist und ein Keulenjonleur wagen sich für ihre Kunststücke immerhin in den Saal.

Ausprobieren und Grenzenerweitern

Modern ist es, für das Varieté sogar avantgardistisch und experimentell – das „Lab“ im Namen steht auch für das Ausprobieren und Grenzenerweitern. Wie weit darf sich diese Theaterform von seinen Ursprüngen entfernen? Eine Frage, die man stellen darf in Zeiten, wo auf Musikbühnen schon an virtuellen Popstars herumgeschraubt wird. Natürlich sind im GOP noch Künstler auf der Bühne, aber ihre Darbietungen haben immer eine Ebene, die über ihre eigentliche Fertigkeit hinausgeht: Ob es die erwähnten Projektionen beim Cyr-Reifen sind, ob es eine schwerkraftmindernde Akrobatik auf der Schräge ist, die – auf der Leinwand begradigt – zur Zeitlupenshow wird.

Mit seiner Licht- und Artistikshow lotet „Dummy“, das aktuelle Programm im GOP, unsere Grenzen der Wahrnehmung aus.

Die Handstandakrobatik auf einer großen Schaufensterpuppe, die einst Regisseur von Stuckenbrok kreierte, fragt ein wenig augenzwinkernd nach der Ersetzbarkeit des Menschen. Die Künstler stellen sich in den Dienst der Technik, fast scheint es, als wollten sie mit allzuviel eigenem Spektakel nicht von den virtuellen Kunststücken ablenken. Oder leitet das Dummy Lab das Ende des Varietés ein, wie wir es kennen? Man wird bis Ende April nicht aus dem Versuchslabor GOP gehen, ohne zumindest kurz über diese Frage nachgedacht zu haben.

Bis zum 28. April im GOP. Karten unter variete.de

Von lok

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