Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Aus der Stadt Gefährliche Pflege? So diskutieren HAZ-Leser über den anonymen Bericht einer MHH-Krankenschwester
Hannover Aus der Stadt

Gefährliche Pflege - So diskutieren HAZ-Leser über den anonymen Bericht einer MHH-Krankenschwester

Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
13:09 28.12.2019
Wofür ist noch Zeit? Eine Krankenschwester betreut auf der Intensivstation einen Patienten. Quelle: picture alliance / Patrick Seege
Hannover

Viele HAZ-Leser haben sich auf Facebook zu dem Bericht der MHH-Krankenschwester geäußert – die einen berichten aus der Sicht des Patienten, andere wiederum sind ebenfalls in der Pflege tätig und bestätigen die Schilderungen.

Lesen Sie auch: MHH-Krankenschwester schlägt Alarm: „Bald wird es für die Patienten gefährlich“

Sind längst in der gefährlichen Pflege angekommen

Silvia Padagrino:Streicht mal getrost das „bald“. Wir sind längst in der gefährlichen Pflege angekommen, nur sehen will das keiner wirklich. Würde jede Pflegekraft nach „Lehrbuch“ arbeiten (wollen) und beispielsweise auf Einhaltung von Pausen bestehen, dann wäre schon längst Land unter. Und dass man unter diesen Bedingungen (und bei der geringer Wertschätzung ... und ich rede hier noch nicht mal vom finanziellen Aspekt) kaum noch jemand findet, der diesen Beruf ausüben möchte, sollte so langsam auch dem letzten Menschen klar geworden sein.

Aber solange es einen selbst bzw. die eigenen Angehörigen nicht trifft, kann man ja weiter die Augen verschließen. Ich komm mir oft vor wie bei kleinen Kindern, die denken, wenn sie die Augen zu machen und den anderen nicht sehen, sieht der sie auch nicht.

 Der Wahnsinn betrifft die ganze Pflege, egal wo. Leider ist diese Schwester nicht die erste, die aus dem Nähkästchen plaudert und wird vermutlich auch nicht die letzte sein. Solange die Zuständigen schön warm und trocken sitzen und im Fall der Fälle natürlich privat behandelt werden, wird es vermutlich weiter nach dem Motto laufen: „Was geht mich fremdes Elend an?“

Auch wir Schüler bekommen den Stress mit

Dominika Banasch: Es ist überall nicht einfach. Bin zurzeit GuK-Schülerin (Gesundheits- und Krankenpflege, Anm. d. Red.). Und selbst wir Schüler bekommen den ganzen Stress mit, und man gibt sich trotzdem viel Mühe allen Patienten genau so viel Aufmerksamkeit zu schenken. Ich habe nächstes Jahr meine Prüfung. Und ich hoffe, dass sich mal was ändert!

Wie viel Zeit bleibt den Pflegekräften für den einzelnen Patienten? Quelle: Liesa Johannssen (Bundesregierung/Symbolbild)

Dafür habe ich die Ausbildung nicht gemacht

Olja Ge: BALD??? Macht doch bitte endlich die Augen auf und seht euch die großen Probleme mal genauer an! Es ist nicht nur das Problem der MHH. Es gibt in allen Krankenhäusern aufgrund von Personalmangel massive Probleme in der Patientenversorgung. Da reicht es nicht, die Stationen zu schließen und das noch übrig gebliebene Personal auf andere Station zu verteilen. Es muss sich von Grund auf etwas ändern! Die Gesundheit der Menschen sollte keinen Gewinn bringen, sondern als selbstverständliche Pflicht angesehen werden. Wenn Menschen aufgrund von unzureichender Versorgung weiter krank bleiben oder noch kranker werden, hat die Gesellschaft auch nichts davon. Was muss denn noch passieren, dass sich noch etwas ändert? Reicht es nicht, dass man teilweise für 13, 16 oder 20 Patienten alleine zuständig ist? In Pflegeheimen auch bis zu 40 Patienten alleine betreut?

Ich habe die Ausbildung nicht gemacht, um die Patienten in ihrer Not jedesmal auf zehn Minuten später zu vertrösten. Ich habe die Ausbildung nicht gemacht, um den Patienten in seiner Sterbephase doch alleine lassen zu müssen, weil vier andere Patienten gleichzeitig klingeln. Ich habe die Ausbildung nicht gemacht, um nach fünf Jahren das Handtuch zu werfen, weil der Spagat zwischen „Wie wünsche ich es zu arbeiten“ und „Wie bin ich gezwungen zu arbeiten“ immer größer wird. Und nein verdammt nochmal, es hat nichts mit falscher Organisation des Arbeitsablaufes zu tun, dass ich keine Zeit für diese wichtigen Dinge habe. Ich habe ja teilweise nicht mal Zeit, 500ml Wasser zu trinken. Wacht endlich auf!!!

Angehörige bauen zusätzlichen Druck auf

Lydia Keller: Leider bauen die Angehörigen zusätzlichen Druck auf. Während sie früher froh waren, dass sich jemand um den Patienten kümmert, wissen sie es heute dank Internet & Co. besser, quatschen dem behandelnden Team in alles rein und fühlen sich wie zu Hause: Besuchszeiten gelten für sie nicht, und wenn sie schon mal da sind, fordern sie jeden Tag, und das natürlich ohne Wartezeit, ein persönliches Gespräch und diskutieren, warum Maßnahmen nicht gemacht wurden oder ob Barthaare geschnitten wurden oder der Patient über den Flur gelaufen ist. Die halten sich mitunter an unwichtigen Nebensächlichkeiten auf und vergessen dabei, dass der Patient mitunter schon diverse Tode gestorben ist, die gerade dieses Team, dem man jetzt Vorwürfe macht, verhindert hat. Dass die gewünschten Leistungen auch nicht – mal eben so – erledigt werden können, weil sie sonst auch schief gehen können.

Und während man all das erklären muss, fehlt die Zeit woanders, oder man macht Fehler, weil die Arbeit immer von Fragen unterbrochen wird. Was solche Ansprüche angeht, da wären viele besser in einem Hotel aufgehoben, in einem Krankenhaus sollten aber andere Prioritäten gelten!

Wie im Hamsterrad? Krankenschwestern in Krankenhäusern berichten von ständiger Zeitnot. Quelle: Katrin Kutter (Symbolbild)

„Die kriegen das nicht in den Griff“

Sandra Kühne: Auch wichtige Stichworte: Mangelnde Hygiene, Krankenhauskeime, Infektionsrisiken. Ich kenne nun bereits zwei Personen, die sich hier in einer Klinik während oder nach einer OP einen Krankenhauskeim eingefangen haben. Der eine hat viele Jahre darunter gelitten, und sein Bein heilte nie vollständig zu (wurde Frührentner mit Mitte 20) und die andere ist an einem Krankenhauskeim nach einer OP verstorben – mit nicht einmal 50 Jahren! Über ein Jahr lang hat man sie im Krankenhaus behandelt, inklusive. Intensivstation. Sie hat es leider nicht geschafft. Wenige Tage vor Weihnachten erzählte ich die Geschichte einer befreundeten Internistin ... Antwort: „Sandra, das wird in den nächsten Jahren noch schlimmer werden, die kriegen das in den Krankenhäusern nicht in den Griff.“

Das wird nicht gefährlich – das ist gefährlich

Mary Neumeier: Solange die Politiker, die an dem Zustand was ändern könnten, sich und Angehörige in Privatkliniken oder auf Privatstationen gut aufgehoben fühlen, wird sich daran nichts ändern. Sie bekommen die bevorzugte bestmögliche Behandlung und den Hintern gepudert und sind dann auch schnell wieder auf den Beinen. Dass das nichts mit der Realität zu tun hat, interessiert die Herrschaften nicht. Irgendwann ist es wie in Amerika. Der Reiche kann sich Gesundheit leisten, der Rest stirbt früher. Was interessiert die Politiker, dass unzählige Schicksale aufgrund von Mängeln in dem Gesundheitssystem entstehen? Wir haben vor ein paar Wochen zweimal die Tortur im Krankenhaus durchmachen müssen und wir sind immer noch geschockt wie es heutzutage abläuft. Das wird nicht gefährlich – das ist gefährlich! Es ist unorganisiert und chaotisch.

Man wird morgens um 7 Uhr am OP-Tag bestellt, OP ist um 14 Uhr! Man sitzt sieben Stunden im Wartezimmer, teilweise mit starken Schmerzen! Man ist dann körperlich schon kaputt bevor man operiert wird. Nach der OP wird nur das nötigste geschaut. Es stehen Wasserflaschen auf dem Schrank, aber man hat keine Kraft sie aufzumachen. Als ich dann hinkam, hatte er einen so trockenen Mund, dass er nicht reden konnte. Es wurde am Tag nach der OP gesagt, dass man noch Probleme mit der Beschaffung der Medikamente hat, dabei wurde der Plan schon eine Woche vorher bei den Untersuchungen abgegeben. Dass die Medikamentenvergabe nicht direkt nach der OP funktionierte, finde ich sehr schlimm. Wir hatten fast alles mit, ältere Menschen müssen sich auf die Pfleger verlassen.

Ich war jeden Tag da, habe ihn gewaschen, auf Toilette geholfen, usw. Wenn er mal geklingelt hat, weil er wirklich Hilfe brauchte und ich nicht da war, hat es sehr lange gedauert bis jemand kam. Auch war die Station oftmals nur mit einer Schwester und Helfer oder Auszubildender besetzt. Nachts waren sie für drei Stationen zuständig.

An welcher Stelle muss man anfangen, wenn sich was ändern soll?

In der Gewinnmaximierung liegt das Problem

Mochammad Siala: Solange Krankenhäuser der Meinung sind, gewinnbringend arbeiten zu müssen, solange wird der Mitarbeiter durch Personalreduzierung ausgequetscht. Kein Krankenhaus der Welt sollte mit Krankheiten Gewinne erzielen dürfen, außer die privaten, die dazu ausgelegt sind. In der Gewinnmaximierung liegt das Problem. Es sind ja keine olympischen Spiele mit „höher, weiter, schneller“. Plus-minus Null sollte das Ziel sein und eventuelle Rücklagen für Klageverfahren, die meist auch schon durch Versicherungen abgedeckt sind.

Schlechte Versorgung ist keine Ausnahme mehr

Andreas Wilhelms: Die pflegerische Versorgung ist an vielen Stellen in der Alten- und Krankenpflege schon gefährlich. Wenn man die Augen ein bisschen offen hält und selbst im System tätig ist, kann man bei schlechter Versorgung und Fehlern sicherlich nicht mehr von Ausnahmen sprechen ... leider!

Habe Befund einer anderen Dame zugesendet bekommen

Thomas Voiß: Ich kann das als Patient nur bestätigen. Ich habe einen Abschlussbefund mit falschen Untersuchungen und Befunden einer anderen Dame zugesendet bekommen. Zudem ist die Behandlung sowie die Zuverlässigkeit bei Rückrufen oder der Planung weiterer Behandlungen ungenügend.

Wahnsinn betrifft nicht nur die Erwachsenenpflege

Ursel Zurek:Vielleicht kommt jetzt endlich mal Bewegung in das grauenvolle Dilemma, nachdem nun eine Krankenschwester aus dem Nähkästchen plaudert und Alarm schlägt. Der Wahnsinn betrifft nicht nur die Erwachsenenpflege, sondern auch die Frühchen- und Kinderpflege.

Hinweis: Veröffentlichungen in dieser Rubrik sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Wir behalten uns vor, Beiträge zu kürzen. Sie wollen sich an der Diskussion beteiligen? Dann schicken Sie uns einen Leserbrief.

Lesen Sie auch

Von HAZ

Bewohner eines Mehrfamilienhauses in Hannover-Anderten haben am Sonnabendvormittag wegen eines vermeintlichen Gasaustrittes die Feuerwehr alarmiert. Die Einsatzkräfte gaben am Mittag Entwarnung.

28.12.2019

Mal mit rollendem R, mal ohne, aber immer andante: Der Dichter Max Goldt spaziert mit seinen Zuhörern im Pavillon in Hannover durch alte und neue Texte – und zeigt sich in Plauderlaune.

28.12.2019

Mit dem Böllerverbot um den Kröpcke hat Hannover aggressive Auswüchse gestoppt. Das war richtig. Daraus aber ein Verbot für die ganze Stadt zu machen, wäre der falsche Weg, meint Heiko Randermann

28.12.2019