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Aus der Stadt Gendergerechte Sprache: Ministerpräsident Weil rügt Hannover
Hannover Aus der Stadt Gendergerechte Sprache: Ministerpräsident Weil rügt Hannover
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19:24 27.01.2019
Stephan Weil (SPD), Ministerpräsident von Niedersachsen: „Politik und Verwaltung müssen aufpassen, sich nicht zu sehr von der Alltagssprache der Menschen zu entfernen.“ Quelle: Holger Hollemann/dpa
Hannover

Der Vorstoß der Stadt Hannover, gendergerechte Sprache zu nutzen, sorgt für herbe Kritik von Niedersachsens Ministerpräsident. Stephan Weil (SPD) rügt jetzt die Praxis im SPD-geführten Rathaus: „Politik und Verwaltung müssen aufpassen, sich nicht zu sehr von der Alltagssprache der Menschen zu entfernen“, sagt der Regierungschef - was aber nicht als Kritik an seinem Amtsnachfolger Stefan Schostok (SPD) verstanden werden soll. Es sei „Sache der Landeshauptstadt, in welcher Weise sich die Stadtverwaltung ausdrückt“, präzisiert die stellvertretende Regierungssprecherin Kathrin Riggert.

Vergangene Woche hatte Hannover eine „Empfehlungen für eine geschlechtergerechte Verwaltungssprache“ veröffentlicht. Darin wird unter anderem empfohlen, statt maskuliner oder femininer Begriffe wie „Teilnehmer“ oder „Rednerpult“ künftig „geschlechtsumfassende Formulierungen“ zu verwenden. Möglichst neutral sollen sie sein, also „Teilnehmende“ oder „Redepult“. Wo das nicht geht, soll das Sternchen zum Einsatz kommen. Auch die Anrede „Sehr geehrte Damen und Herren“ sei zu vermeiden. Im vergangenen Jahr wurden laut Geburtsstatistik drei Menschen unbestimmten Geschlechts in Hannover geboren, zahlreiche weitere sind sich nicht sicher, ob ihr amtlich festgestelltes Geschlecht das richtige ist.

Die Empfehlungen sind für den Schriftverkehr der 11.000 Mitarbeiter der Stadtverwaltung verbindlich. Damit haben Wörter wie der Lehrer, der Wähler und auch der Bauleiter bei der Stadt Hannover ausgedient. Stattdessen soll von Lehrenden, Wählenden oder der Bauleitung die Rede sein.

Niedersachsens Sozialministerin Carola Reimann unterstützte den Vorstoß aus Hannover unterdessen. „Wir haben eine sehr männlich dominierte, männlich geprägte Sprache. Dabei sind eben 50 Prozent mindestens Frauen“, sagte die SPD-Politikerin dem Radiosender ffn. Es sei ein gutes Signal, dass sich auch die Stadt Hannover mit Empfehlungen jetzt nach außen gewandt habe und das auch nach außen publiziere und vertrete, dass man Männer wie Frauen berücksichtige.

Stuttgart arbeitet ebenfalls an einer Reform der Verwaltungssprache

Hannover ist mit seinem Vorstoß nicht die einzige Stadt, die ein Augenmerk auf gendergerechte Sprache wirft. Auch die baden-württembergische Landeshauptstadt Stuttgart arbeitet nach Angaben eines Sprechers derzeit an einer entsprechenden Reform der Verwaltungssprache.

Die Abteilung für individuelle Chancengleichheit von Frauen und Männern werde eine „Empfehlung zur geschlechtergerechten Sprache“ vorlegen, die „von der gesamten Stadtverwaltung übernommen werden“ solle. Bereits jetzt, so heißt es in der Stellungnahme der Stadt gegenüber der „Welt am Sonntag“, würde in vielen Bereichen der Stuttgarter Verwaltung „das sogenannte Gendergap bzw. das Gendersternchen“ verwendet.

Lesen Sie auch: Feministische Forscherin lehnt gendergerechte Formulierungen der Stadt Hannover ab

In Hannover sollen die neuen Sprachregelungen schrittweise verwirklicht werden. „Es ist ein Prozess, niemand wird gezwungen“, betonte Stadtsprecherin Ulrike Serbent. Die Verwaltung möchte damit auch der „Vielzahl geschlechtlicher Identitäten“ Rechnung tragen: Seit dem 1. Januar lässt sich in Deutschland im Personenstandsregister nicht nur „männlich“ oder „weiblich“, sondern auch das dritte Geschlecht „divers“ eintragen. In Stellenanzeigen liest man jetzt immer häufiger den Zusatz (m/w/d) – das „d“ steht für „divers“.

In manchen Kontexten sei es (zurzeit noch) unangemessen, eine andere Anrede als „Sehr geehrte Damen und Herren“ zu verwenden, heißt es in der neuen Broschüre der Stadt. Umgehen lasse sich dies aber oft durch „Guten Tag“ oder „Liebe Gäste“.

Auch unter Feministinnen ist die Sprachregelung umstritten. Gegenüber der HAZ sagte die Sprachwissenschaftlerin Luise F. Pusch „Ich bedauere die Einführung des Gendersterns durch meine Heimatstadt Hannover.“ Gabriele Diewald, Linguistik-Professorin an der Leibniz-Uni, nannte die Neuerung dagegen im HAZ-Interview „mutig“.

Die gendergerechte Sprache wird vor allem an Hochschulen forciert

Gibt es keine Alternative, wird der Gender-Star empfohlen - zum Beispiel „der*die Ingenieur*in“. Damit stellt sich Hannover an die Spitze der Gender-Bewegung - der Rat für deutsche Rechtschreibung empfahl im November noch, bei dem Thema erst einmal abzuwarten.

In der Vergangenheit ging es bei der geschlechtergerechten Sprache vor allem darum, Frauen nicht auszuschließen. Städte wie Flensburg, Tübingen und Leipzig entwickelten dazu einen Leitfaden, auch Hannover empfahl seit 2003 das sogenannte Binnen-I wie in „LehrerIn“. Die gendergerechte Sprache wird vor allem an Hochschulen forciert. Diskutiert wird auch über Unterstriche oder Sternchen, die ebenso von Verbänden oder Politikern zunehmend benutzt werden.

Die in Hannover ab sofort gültigen Regeln und Beispiele stehen als Faltblatt und zum Herunterladen zur Verfügung.

Lesen Sie auch den Kommentar: Geschlechtergerechte Sprache: Der Stern des Anstoßes

Von RND/ngo (mit: dpa)

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