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Aus der Stadt Die Kultur, die einen Stadtteil befriedet
Hannover Aus der Stadt Die Kultur, die einen Stadtteil befriedet
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12:00 14.10.2018
Groß Buchholz

„Erste Position! Plié! Lächeln!“ Zehn Mädchen im zarten Tutu, aufgereiht an der Ballettstange wie Tauben auf der Dachrinne, strecken einen Arm nach oben, legen leicht den Kopf zurück und strahlen um die Wette. Ballettlehrerin Valentina Kampf zupft an den gespreizten Fingern einer Fünfjährigen mit blonden Zöpfen, drückt einer schwarzen Sechsjährigen ihre Hand in den Rücken und korrigiert bei der Nachbarin die Füße, deren Fersen sich nicht akkurat berühren.

Das Ballett der Kleinsten ist der Renner im Kulturtreff Roderbruch. Mit drei mutigen Mädchen ist der Kurs von Valentina Kampf, die einst auf russischen Bühnen tanzte, vor gut zehn Jahren gestartet. Heute sind es etwa 140 Kinder aus dem Stadtteil, die sich an vier Tagen in der Woche eine Stunde lang unter ihrer Anleitung zu Klaviermusik beugen, strecken, dehnen und Haltung zeigen. Vor zwei Jahren haben sie den Ernstfall geprobt, das Theater am Aegi gemietet und „Schwanensee“ aufgeführt. Es war ein voller Erfolg. Beide Vorstellungen waren ausverkauft.

Quelle: Hans-Peter Wiechers

In der Regel bleibt man allerdings im Stadtteil. So wie es die Gründer des Kulturtreffs, die Bürgergemeinschaft Roderbruch, planten. 1984 hatten sie es satt, auf das von der Stadt versprochene Freizeitheim zu warten; in einem mietfreien Ladenlokal in einer Tiefgarage am Nobelring wurde die „kleine Kulturadresse“ eröffnet. Als der Schimmel an den Wänden nicht mehr zu übersehen war, zog man ein paar Jahre später in die Rotekreuzstraße, neben Kita und Jugendzentrum. „Wir wollten mit Kultur das soziale Miteinander in der noch jungen Großwohnsiedlung fördern“, erinnert sich Rita Volk, seit 32 Jahren Leiterin des Kulturtreffs und die erste Mitarbeiterin für Stadtteilkultur, die in den Achtzigerjahren von der Stadt bezahlt wurde. Dass diese Aufgabe in einem Stadtteil, der heute zu den ärmsten und kinderreichsten Hannovers zählt, nicht einfach werden würde, war allen klar. Aber das, was als Abenteuer begann, entwickelte sich recht schnell zum Vorbild für andere Quartiere.

„Wir haben den Stadtteil befriedet“, sagt Vereins-Vize Maria Andres. Der Kulturtreff leiste mittlerweile eine enorme Integrationsarbeit. Jeden Tag aufs Neue, denn nach wie vor gebe es reichlich Sprengstoff. Das Erfolgsrezept sei der Mut zum Wandel, sagt Vereinsvorsitzende Elisabeth Bannert. Neue Ideen und Projekte sorgten für beachtliche Besucherzahlen. Eins sei klar: Mit einem Tag der Offenen Tür locke man niemanden mehr hinterm Ofen hervor.

An Experimentierlust gibt es tatsächlich keinen Mangel. Neben den klassischen Angeboten wie Musikunterricht, Töpfern, Kochen, Nähen, Yoga, Spielnachmittagen, Theater und Selbstverteidigungskursen können Schulklassen der benachbarten IGS Roderbruch Erlebnisvormittage buchen. Aktuell geht es um das Thema Fake News, das Mitarbeiter Daniel Görbing spielerisch aufbereitet. Ein fabulierender Hausmeister namens Krause erzählt Geschichten über fliegende Untertassen, deren Glaubwürdigkeit die Schüler prüfen müssen. Ungewöhnlich ist auch der Chor „Early Birds“, der jeden Mittwochmorgen eine halbe Stunde auf dem Roderbruchmarkt trällert. Als Mitglieder sind nur ungeübte Sänger zugelassen. Jugendliche können zudem „Kompetenznachweise Kultur“ erwerben – entweder als MusikScout, der Musikbands im Kulturtreff betreut, als Lesementor oder als Mitglied der Rookies, die ein Jahr lang das Kulturprogramm der Einrichtung mitplanen.

Mittlerweile ist auch das, was gern Integrationsarbeit genannt wird, wieder hochaktuell. Ging es dabei früher vor allem um Zuwanderer aus Russland, sind es heute Flüchtlinge aus Afrika, Syrien oder dem Irak, die im Kulturtreff Anschluss suchen. Das Engagement ist nicht unumstritten. Als der Treff zum ersten Mal Sprach-Cafés für Flüchtlinge organisierte, gab es böse Briefe, die dies Angebot für überflüssig hielten. Der Zorn verflog, als man die Kritiker einlud, dabei zu sein. Seit Kurzem ist auch der Star des Kulturtreffs, Clown Fidolo, in eine Drei-Zimmer-Wohnung im neugebauten Flüchtlingsheim am Roderbruchmarkt gezogen, um dort nicht nur Kindergruppen, sondern auch Flüchtlingsfamilien zu unterhalten, unterstützt von einer Sozialarbeiterin.

Im Rathaus wird das Engagement begrüßt. Dass die Integrationsarbeit auch Geld kostet, wird dort allerdings gern übersehen, was den Vereinsvorstand verstimmt. Seit Wochen streitet man mit der Stadt über den neuen Drei-Jahres-Vertrag. Das Kulturamt will die jährliche Beihilfe auf 165.000 Euro leicht erhöhen; der Verein hat 30.000 Euro mehr beantragt, um die Tarifsteigerungen der Mitarbeitergehälter und die Beiträge für die Zusatzversorgungskasse zu finanzieren. Mittlerweile hat die Stadt zwar allen Kulturtreffs einen Nachschlag von 100.000 Euro zugesagt; wie hoch der Anteil für den Roderbruch ausfällt, ist jedoch noch unklar. „Es gibt weiterhin Klärungsbedarf“, sagt Petra Volk. Der Zuschuss aus der Stadtkasse deckt ohnehin nur einen kleinen Teil des Jahresumsatzes von 450.000 Euro. Ohne Zuwendungen von Stiftungen, ohne großzügige Spenden, ohne die Beiträge von mehr als hundert Vereinsmitgliedern und ohne die Kursgebühren wäre das nicht zu schultern.

Der Streit ums Geld gehört zur Geschichte der Kulturtreffs wie das Plié zum Ballettunterricht. Dort, bei Valentina Kampf, träumt man von den wirklich wichtigen Dingen. Im nächsten Jahr wollen sie wieder das Theater am Aegi mieten. Über dem Eingangsportal, wo üblicherweise berühmte Sänger angekündigt werden, ist dann zu lesen: Kulturtreff Roderbruch tanzt den „Nußknacker“. Was für ein tolles Gefühl!

Das Programm des Kulturtreffs steht im Internet auf der Seite www.kulturtreff-roderbruch.de.

Von Gabi Stief

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