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Aus der Stadt HAZ-Pflegeforum: „Die Leistungsgrenzen der Pflegekräfte sind erreicht“
Hannover Aus der Stadt HAZ-Pflegeforum: „Die Leistungsgrenzen der Pflegekräfte sind erreicht“
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15:33 19.03.2019
Engagierte Diskussion: Cornelia Rose (v.l.), Dirk Amelung, Carola Reimann, Michael Born und Jana Sporn beim HAZ-Forum. Quelle: Foto: Samantha Franson
Hannover

Die Stimmung im Publikum des zweiten HAZ-Gesundheitsforums ist von Beginn an angespannt. Dass die Situation der Pflege in den Krankenhäusern viele Menschen bewegt, bekommen Niedersachsens Gesundheitsministerin Carola Reimann (SPD) und die vier Experten des Klinikums Region Hannover (KRH) am Montagabend auf dem Podium deutlich zu spüren, als HAZ-Redakteurin Jutta Rinas die Diskussion für das Publikum öffnet. Im Zentrum der Debatte steht am Montagabend die akute Überlastung des Pflegepersonals in den Krankenhäusern. Während die Expertenrunde auf dem Podium von laufenden und geplanten Lösungskonzepten berichtet, fordern mehrere Besucher einen Paradigmenwechsel in der Pflegepolitik.

Viele Betroffene im Publikum

Zahlreiche Pflegekräfte und Angehörige pflegebedürftiger Patienten sind zu dem Forum gekommen, auch um ihrem Ärger und dem Frust über die derzeitige Situation Luft zu machen. „So geht es nicht weiter“, ist das verbindende Fazit, auf das sich alle Anwesenden im Foyer des Pressehauses einigen können.

Aus dem KRH nehmen Personalchef Michael Born, der Leiter eines neuen mobilen Springer-Teams, Dirk Amelung, und Cornelia Rose vom betrieblichen Gesundheitsmanagement auf dem Podium Platz. Als Gesicht und Sprecherin einer laufenden Werbekampagne, mit der die KRH-Kliniken derzeit auf Plakatwänden und im Kino um neues Personal ringen, ergänzte Mitarbeiterin Jana Sporn die Runde. Das von der HAZ-Redakteurin Jutta Rinas moderierte Forum war das zweite in einer Reihe von fünf Veranstaltungen, die im Rahmen der Gesundheitswochen von HAZ und NP bis zum 21. März stattfinden.

An der Leistungsgrenze

„Die Beschäftigten sind an den Leistungsgrenzen. Sie fühlen sich gehetzt, einige haben psychische Krankheiten“, sagt Cornelia Rose. Als Beauftragte für das betriebliche Gesundheitsmanagement in den zehn Krankenhäusern des KRH stellt sie fest, dass nicht nur die Patienten krank sind, sondern auch viele Mitarbeiter. Hauptursache ist die chronische Personalknappheit. 55 Stellen in der Pflege sind in den Kliniken des KRH derzeit unbesetzt. Mit einer groß angelegten Image-Kampagne wirbt das KRH sogar im Kino um Auszubildende und Fachkräfte, die jedoch weiter Mangelware sind.

Um das Ausbrennen der Pflegekräfte zu verhindern, hat das Klinikum zahlreiche Entspannungs- und Beratungsprogramme entwickelt. Kurse zur Muskelentspannung nach Jacobson oder psychosoziale Sprechstunden sollen überlastetes Personal vor dem Burn-out schützen. Die Krux: Viele Arbeitnehmer haben schlichtweg keine Zeit, sich neben den außerplanmäßigen Sonderschichten auch noch um die eigene Gesundheit zu kümmern. Die Nachfrage hält sich demnach in Grenzen.

Dirk Amelung, der Leiter eines neuen Springer-Teams, das seit einigen Monaten bei krankheitsbedingten Ausfällen auf den Stationen der KRH-Kliniken in die Bresche springt, nennt die Faktoren, die für die Überlastung sorgen. „Im Unterschied zu früher haben wir heute kürzere Liegezeiten, weniger Personal, ältere Patienten und einen viel höheren Durchlauf“, sagt er. Für die Pflegerinnen und Pfleger bedeutet das eine Arbeitsbelastung, die mit einem gesunden Leben, Familie und Freizeit kaum mehr vereinbar ist. Mit einem derzeit 20-köpfigen „Mobil-Team“ versucht das KRH, Personalengpässe kurzfristig aufzufangen. Langfristig ist die Aufstockung der der Springer-Truppe auf bis zu 200 Mitarbeiter geplant.

Spahns Gesetze

Für die Finanzierung dieser zusätzlichen Stellen sorgt das im Januar im Kraft getretene Pflegepersonal-Stärkungsgesetz. Es ermöglicht Krankenhäusern, die Kosten für neue Pflegekräfte vollständig über die Gesundheitskassen zu refinanzieren. Ob dies allerdings auch in der Praxis funktionieren wird, ist sich Michael Born, der Personalchef des KRH, allerdings noch nicht sicher. „Im nächsten Jahr gibt es wieder ein neues System, und die Gespräche mit den Kassen sind auch schwierig“, sagt er. Grundsätzlich begrüßt der Personaler allerdings die Gesetzesinitiativen, mit denen Bundesgesundheitsminister Jens Spahn die Pflege kurieren will. So habe etwa die ebenfalls im Januar verabschiedete Verordnung zur Festlegung von Pflegepersonaluntergrenzen in kritischen Bereichen für mehr Planungssicherheit gesorgt. In der Praxis führten diese Grenzen dabei auch dazu, dass Krankenhäuser etwa Notdienste abmelden müssen, wenn das Personal nicht ausreicht.

Niedersachsens Gesundheitsministerin Reimann verteidigte die Verordnung als notwendigen Start. „Es schafft Transparenz und gibt uns so einen Hebel, um am Ende mehr Personal zu bekommen“, sagt sie. Es sei nun notwendig, genau zu ermitteln, wie viel Personal an jedem Standort tatsächlich notwendig ist. „Im Moment können wir im Ministerium nicht sagen, wie die einzelnen Krankenhäuser aufgestellt sind“, sagt sie. Abhilfe soll ab dem kommenden Jahr die Erhebung eines Pflegepersonalquotienten schaffen. Wortungetüme wie dieses aus dem Arztkoffer der Gesundheitspolitik prägen Reimanns Beiträge. Bei einigen Zuhörern stößt ihre technisch-ökonomische Analyse der Pflegekrise auf Ablehnung.

Die andere Sicht

„Wir müssen aufhören, Krankenhäuser an ihrer Wirtschaftlichkeit zu messen. Sie müssen für die Menschen da sein und kein Geld verdienen“, sagt Zuhörer Wolfgang Trebicky. Für seine Forderung nach einem Paradigmenwechsel erntet er Applaus. Die Einbeziehung und Stärkung der Angehörigen fordert Brigite Brünig. Die 59-Jährige erzählt sichtlich bewegt von „katas-trophalen Zuständen“, die sie bei der Pflege ihres kranken Mannes in einem Krankenhaus in der Region Hannover erlebt hat. „Sie sagen nicht die ganze Wahrheit“, wirft sie dem Podium vor. Nur, wenn sie selber mit angepackt habe, sei die Pflege angemessen möglich gewesen. Jegliche Hilferufe an die Region, Politik oder Medien seien abgeprallt, erzählt sie. „Sie müssen klar machen, dass dieses System kollabiert“, so Brünig. KRH-Personalchef Born sieht den Vorschlag skeptisch. „Viele Patienten haben keine Angehörigen, und die Pflege bedarf einer hohen Expertise“, sagt er.

Ministerin Reimann kündigt an, sich für die Entlastung der pflegenden Angehörigen einzusetzen. „Ich habe selber erlebt, wie meine Mutter sieben Jahre meine Oma gepflegt hat“, sagt sie. Vor dem Hintergrund einer alternden Gesellschaft hält sie es für wichtig, die Zukunft der Pflege auch außerhalb der Krankenhäuser und ambulanten Dienste zu denken. „Ich glaube, es muss künftig zum Bestandteil einer guten Nachbarschaft gehören“, sagt sie. Informelle Unterstützer-Netzwerke im Quartier könnten helfen, die Familie zu unterstützen oder, wo sie fehlt, zu ersetzen.

Von Mario Moers

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