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Aus der Stadt „Lüttje Lage“: Der reinste Bahnsinn
Hannover Aus der Stadt

HAZ-Glosse Lüttje Lage über die "Schwäb‘sche Eisebahne"

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20:00 10.10.2021
Simon Benne
Simon Benne Quelle: HAZ
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Hannover

Politische Debatten mit Teenagern haben immer etwas Bewusstseinerweiterndes. Meine Töchter etwa haben beim Zoo-Fotokalender in unserer Küche das Wort „Nashorn“ in einer Bildunterschrift durchgestrichen und durch „Nashörnin“ ersetzt. Ich begrüße dies. Es ist ein überfälliges Zeichen für die Sichtbarmachung aller diskriminierten Nashörninnen.

Debatte um die „Drei Chinesen mit dem Kontrabass“

„Das Lied von den ,Drei Chinesen’ geht auch gar nicht mehr“, sagten sie nun. Um die politische Vertretbarkeit des Textes ist ja unlängst eine Debatte entbrannt. Auch meine Töchter werfen dem Lied, wenn ich es richtig verstanden habe, eine latente Kontrabassfeindlichkeit vor. „Ich kenne Lieder, die noch viel schlimmer sind“, sagte ich düster – und summte los.

„Auf de schwäb‘sche Eisebahne gibt es viele Haltstatione ...“ Schon in den ersten Zeilen parodiert das scheinbar harmlose Kinderlied in entwürdigender Weise den Dialekt einer Minderheit, die es auch nicht immer leicht hat.

„Stuegert, Ulm und Biberach, Meckebeure, Durlesbach“ – diese Auflistung von Ortsnamen fixiert alle Schwäbinnen und Schwaben dann auf ein bestimmtes Habitat und negiert pauschal mögliche Migrationserfahrungen.

Klare Diskriminierung von Schwaben

Es geht schließlich um einen dummen Bauern, der seinen Geißbock hinterm Zug anbindet und damit versehentlich umbringt. Es ist das Klischee des hinterwäldlerischen Häuslebauers, des kleingeistigen Kleinsparers. Der Text bedient hemmungslos antischwäbische Stereotype. Als alter norddeutscher Nicht-Schwabe kann ich die Betroffenheit der Betroffenen natürlich gar nicht recht nachfühlen. „Aber dieses Lied wimmelt vor unerträglichen Antischwäbismen“, sagte ich.

Meine Töchter verdrehten die Augen. Vermutlich nahmen sie meine emotionale Aufgewühltheit nicht ernst. Ich finde aber, dass unsere Gesellschaft jeder Form von Schwabendiskriminierung entschieden entgegentreten muss. Alle Skandalstellen dieses Liedes werde ich künftig streichen. Übrig bleibt dann noch eine politisch garantiert saubere Grundbotschaft: „Trulla, trulla, trullala!“

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Von Simon Benne