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Aus der Stadt Im falschen Körper: Ist Transgender zur Mode geworden, Herr Fischer?
Hannover Aus der Stadt

HAZ-Interview zum Thema Transgender: Oberarzt Frank Fischer vom Kinderkrankenhaus Auf der Bult erklärt die Problematik

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21:06 01.01.2020
„Wir erkennen uns alle zunehmend als biologisch veränderbar“: Frank Fischer, Oberarzt Kinder- und Jugendpsychiatrie im Kinderkrankenhaus Auf der Bult. Quelle: Christian Behrens
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Herr Fischer, angeblich glauben immer mehr Jugendliche, sie lebten im falschen Körper. Können Sie das bestätigen?

Insgesamt scheint das tatsächlich ein Trend zu sein. Wir können in der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Kinderkrankenhauses Auf der Bult feststellen, dass Transgender-Fragen und -Probleme immer häufiger im Zusammenhang mit anderen psychiatrischen Problemen genannt werden, deretwegen die Jugendlichen ursprünglich in die Beratung gekommen sind.

Sagen Sie mal ein Beispiel.

Ein „Junge“ kommt in die Suchtsprechstunde und gibt an, Drogen zu konsumieren und Alkohol zu trinken. Neben dem Suchtproblem gibt es aber auch eine depressive Entwicklung mit Suizidalität, Selbstverletzung und Ängsten. Außerdem lässt sich eine Störung des Sozialverhaltens beschreiben, da der Patient Anzeigen bekommen hat wegen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz, Diebstahl und Körperverletzung. Ein buntes Bild. Der „Junge“ hat offiziell einen Mädchennamen, und es wird schnell deutlich, dass „er“ sich schon mit sieben Jahren wie ein Junge gefühlt hat, obwohl er als Mädchen auf die Welt gekommen ist. Das heißt: Hinter der bunten psychiatrischen Symptomatik wird erkennbar, dass es sich unter anderem um ein Identitätsproblem handelt, das nie richtig gelöst und in der Familie besprochen wurde.

„Es bestehen häufig Wünsche, das andere Geschlecht hinter sich zu lassen“

Wie oft kommt es vor, dass solche Kinder sogar an eine Geschlechtsumwandlung denken?

Es bestehen häufig Wünsche, das andere Geschlecht hinter sich zu lassen. Das kann schwierig werden, wenn traumatische Erfahrungen wie sexueller Missbrauch stattgefunden haben. Diese müssen erst aufgearbeitet sein, um sicherstellen zu können, dass beispielsweise der Genderwechsel von weiblich zu männlich nicht nur ein unbewusster Versuch ist, sich mit der männlichen Täterseite zu identifizieren, um nie wieder Opfer sein zu müssen. Das Thema ist sehr komplex. Es braucht Zeit, die richtigen Fragen zu stellen und eine gute Analyse zu leisten.

Manche Experten, unter anderem in der „Ärztezeitung", sprechen zurzeit sogar von einem Transgender-Hype.

Es gibt sicherlich eine Ansteckungsgefahr bei Themen, die gerade die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Aber zuerst würde ich mich sehr ernsthaft mit der Frage beschäftigen, ob diese angebliche Mode nicht auch Ausdruck eines größeren Phänomens sein kann – dass wir nämlich inzwischen alle nicht mehr genau sagen können, wer wir eigentlich sind. Wir erkennen uns alle zunehmend als wandelbar, biologisch veränderbar und im weitesten Sinne als „machbar“. Sowohl genetisch wie auch ästhetisch: Es gibt kaum noch große Prominente im Showbusiness, die sich nicht einer „verschönernden“ Operation unterziehen. Das Spiel mit dem Geschlecht ist da auch als biologische Machbarkeit inzwischen eingreifender und extensiver möglich.

„Bei Facebook macht man sich interessant, indem man zwischen verschiedenen Spielarten des Nicht-Seins die möglichst exotischste auswählt“

Wie sieht das in den sozialen Medien aus?

Bei Facebook macht man sich interessant, indem man zwischen verschiedenen Spielarten des Nicht-Seins die möglichst exotischste auswählt. Manche Menschen identifizieren sich mit beiden Geschlechtern – die beidgeschlechtlichen Bi-Gender –, andere fühlen sich als allgeschlechtlich – Pan-Gender. Genau dies ist auch das Thema von Jugendlichen, die mit Identitäten spielen und sich abgrenzen wollen vom Rest ihrer Peergruppe oder von den Erwachsenen, die dann mit dem Kopf schütteln und sagen: Das ist halt Mode. Was etwas zu einfach ist: Es ist auch ein Umgang mit Ängsten, Wünschen und Erwartungen der Welt an uns. Es ist vermutlich auch ein Akt der Befreiung in Bezug auf Erfassbarkeit im Sinne von Normierung.

Haben wir es hier schon mit Transgender-Jugendlichen zutun?

Nein, dies alles ist nicht zu verwechseln mit der echten Genderfrage der Jugendlichen, die schon als Kinder „wissen“, dass sie im „falschen Körper“ gelandet sind. Das ist ein schwerwiegender Konflikt, der oft mit komplexen Bindungserfahrungen und erheblichen Störungen in der Selbstwertregulation einhergeht.

Wie häufig melden sich Jugendliche mit dem Gefühl, im falschen Körper zu leben derzeit Auf der Bult? Wie viele waren es früher?

Genaue Zahlen fehlen hier noch. Es sind aber deutlich mehr Jugendliche als vor zehn Jahren. Es sind vor allem Jugendliche, bei denen das Genderproblem nicht sofort ganz oben auf der Liste der Probleme steht, sondern sich erst allmählich herauskristallisiert.

„Eine ganz starke Rolle spielen die Medien, die das Spiel mit dem Anderssein fast inflationär betreiben“

Wie erklären Sie sich den Anstieg?

Ich sehe darin den Ausdruck einer Liberalisierung von Rollenbildern und sexuellen Vorlieben. Eine ganz starke Rolle spielen die Medien, die das Spiel mit dem Anderssein fast inflationär betreiben. Ein wichtiger Aspekt ist vermutlich auch die Pornografie im Internet, die auch für junge Menschen frei verfügbar ist. Sie werden dann mit einer Möglichkeit von Sexualität konfrontiert, die vielleicht Anreize schafft, Dinge auszuprobieren. Sie bringt aber auch viele unter Druck, weil sie glauben, das was sie dort sehen, müsse auch so gemacht werden, sonst sei man nicht frei, cool, anders oder liebenswert.

Könnte der Anstieg der Zahlen auch damit zu tun haben, dass im heutigen Sexualkundeunterricht das Thema sexuelle Vielfalt eine wichtige Rolle spielt? Manche Eltern befürchten, dass das Kinder und Jugendliche in Fragen sexueller Identität verunsichert.

Diese Sorge ist verständlich, aber unbegründet. Eine angemessene Reflektion dieses Themas führt eher zu einer Entspannung im Umgang mit Sexualität, da es ein umfassendes Entwicklungsthema ist, das ohnehin die Jugendlichen umtreibt und angesprochen werden muss. Wer bin ich? Das ist eine Frage, die sich auch sexuell ausdrückt. Ich glaube eher, dass sich eine allgemein zu erkennende Rollen- und Identitätsvielfalt eben auch auf den sexuellen Bereich ausdehnt, was nicht verwunderlich ist und auch keine Angst machen sollte. Der Schulunterricht ist da kein Problem.

„Sexualität lebt vom Ausprobieren, die Rollenerwartungen führen zum spielerischen Ausweichen, es ist lange Zeit nichts klar und eindeutig“

Gibt es Signale, bei denen Sie in jedem Fall zu einer Beratung raten würden?

Die echte Transidentität ist keine Erkrankung, sondern ein bestimmtes Verhalten, das, wenn es nicht akzeptiert und gelebt werden darf, zu Folgestörungen führen kann. Meist fällt schon in der frühen Kindheit auf, dass sich ein Mädchen komplett wie ein Junge verhält und den Wunsch äußert, ein Junge sein zu wollen oder umgekehrt. Das Wichtigste ist dann, das Verhalten zu akzeptieren, Freiheit zu ermöglichen, immer mit der Möglichkeit zum Gespräch und zum Zuhören. Auch sollte man nicht gleich von Gewissheiten ausgehen. Sexualität lebt vom Ausprobieren, die Rollenerwartungen führen zum spielerischen Ausweichen, es ist lange Zeit nichts klar und eindeutig. Eine wichtige Einschränkung ist die traumatische Missbrauchserfahrung. Hier geht es um die Reaktion auf eine Traumafolgestörung, die schnellstens therapeutisch behandelt werden muss.

Wohin können Jugendliche sich wenden?

Grundsätzlich ist die wichtigste Anlaufstelle das Elternhaus. Darüber hinaus können Erstkontakte zu Psychiatern, Psychologen und Kinderärzten eine sortierende, beratende, beruhigende Funktion haben. Wenn sich dann ein tatsächlich eindeutig transidentischer Verlauf der sexuellen Entwicklung abzeichnet, gibt es Spezialadressen, die vermittelt werden können. Alle weiteren Fragen bis hin zur Geschlechtsumwandlung können dann irgendwann angegangen werden, aber bis dahin ist es ein weiter Weg.

Zur Person

Frank Fischer hat Medizin und Philosophie in Hannover studiert und 2003 im Fach Medizin promoviert. Am Kinder- und Jugendkrankenhaus Auf der Bult ist er Oberarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik. Fischer leitet zudem die Suchttherapiestation Teen Spirit Island.

 

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