Hannover: 37 Demenzkranke in Pflegeheim mit Coronavirus infiziert
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Aus der Stadt Corona-Ausbruch in Pflegeheim weitet sich aus: 37 Demenzkranke und zehn Mitarbeiter infiziert
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Hannover: 37 Demenzkranke in Pflegeheim mit Coronavirus infiziert

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19:55 12.11.2020
Hoffen auf ein Ende des Corona-Ausbruchs im Haus am Leuchtturm: Heimleiterin Elisabeth Markovina, Pastor Uwe Mletzko und Pflegedienstleiterin Patricia Gorski-Schmidt.
Hoffen auf ein Ende des Corona-Ausbruchs im Haus am Leuchtturm: Heimleiterin Elisabeth Markovina, Pastor Uwe Mletzko und Pflegedienstleiterin Patricia Gorski-Schmidt. Quelle: Samantha Franson
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Für die dementen Bewohner ist es nicht zu verstehen. Seit Corona-Fälle im Haus am Leuchtturm aufgetreten sind, dürfen sie sich nicht mehr frei im gesamten Pflegeheim in Groß-Buchholz bewegen. „Sie laufen sich normalerweise auf einem Rundweg durchs Haus müde. Solange sie ihren Bewegungsdrang ausleben, können wir ihre Medikamente reduzieren“, erzählt Pflegedienstleiterin Patricia Gorski-Schmidt. Durch den Ausbruch des Virus geht das nun nicht mehr. „Das ist für unsere Bewohner extrem schwer.“

Vor zwei Wochen – am 30. Oktober – bekam die Heimleitung die Information, dass ein Bewohner in einem Krankenhaus positiv auf das SARS-CoV-2-Virus getestet worden war. Die Nachricht, die sich kein Heimbetreiber wünscht, kam an einem Freitagmorgen. „Zu dem Zeitpunkt hatten wir keinen einzigen Bewohner mit Erkältungssymptomen. Es gab keine Anzeichen“, berichtet Elisabeth Markovina, zentrale Heimleiterin aller Diakovere-Häuser.

Corona-Test erst nach drei Tagen

Markovina informierte umgehend das Gesundheitsamt. „Wegen unseres offenen Konzepts im Heim habe ich alle Bewohner und Mitarbeiter als direkte Kontaktpersonen gemeldet“, sagt sie. Mehrmals fragte sie nach, wann die Tests laufen könnten. Am Montag erfuhr Markovina, dass wahrscheinlich abends ein mobiles Team vorbeikommen werde. Ganz sicher war das jedoch nicht.

„Wir haben dann Montag selbst mit Testungen in der Wohngruppe des Corona-Kranken angefangen, weil uns die Zeit zu lang wurde“, berichtet Pastor Uwe Mletzko, Diakovere-Geschäftsführer für die Alten- und Behindertenhilfe. Dabei half es, dass zum Verbund auch Krankenhäuser mit Laboren gehören. Die vier Wohngruppen im Haus waren zu dem Zeitpunkt bereits getrennt. Auch die Angehörigen durften das Heim nicht mehr betreten.

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Der Mann, der später starb, hatte mit neun Menschen in einem Wohnbereich gelebt. Nun stellte sich heraus, dass sich einige nicht angesteckt hatten. Die Mitarbeiter brachten die negativ Getesteten in anderen Räumen unter. „Offiziell zählen aber nur die Abstriche, die das Gesundheitsamt anordnet“, betont Diakovere-Sprecherin Maren Salberg.

Die meisten haben keine Symptome

An dem betreffenden Montagabend rückten im Auftrag des Gesundheitsamts drei Teams des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) an und testeten alle Bewohner und die 50 Mitarbeiter in Pflege, Küche und Reinigung. Die ersten Ergebnisse kamen am folgenden Dienstagabend, der Rest am Mittwoch. 29 Demenzkranke hatten sich mit dem Virus infiziert, ebenso neun Pflegekräfte und eine Reinigungskraft. Sieben weitere Mitarbeiter mussten ebenfalls in Quarantäne gehen, weil sie nach genauerer Analyse als direkte Kontakte von Infizierten gelten.

Seitdem untersuchen die Pflegekräfte ihre Patienten mehrmals am Tag, messen die Temperatur, Atemfrequenz und Sauerstoffsättigung des Bluts. Alles, was Hinweis auf den Ausbruch der Krankheit geben kann. Zwei Bewohner sind wegen zu geringer Sauerstoffwerte im Krankenhaus. Alle anderen scheinen nicht erkrankt zu sein. „Sie zeigen eine ausgeprägte Müdigkeit, das fällt wirklich auf“, berichtet Patricia Gorski-Schmidt. Ansonsten: keine Symptome.

Zwei Mitarbeiter dagegen haben Covid-19 bekommen. Die Pflegedienstleiterin telefoniert regelmäßig mit den Kollegen. Und mit zahlreichen Angehörigen, die in Sorge sind.

37 Demenzkranke sind infiziert

Den Diakovere-Mitarbeitern erschien der eine vom Gesundheitsamt organisierte Test allerdings nicht ausreichend. Deshalb überprüfte der Heim- und Krankenhauskonzern in Absprache mit dem Amt seine negativ getesteten Bewohner nochmals am 6. und am 9. November per PCR-Tests. Es stellte sich heraus, dass sich das Virus in den Gruppen schleichend weiterverbreitet hatte. In beiden Testrunden kamen jeweils vier Infizierte hinzu. Insgesamt tragen nun 37 Bewohner das SARS-CoV-2-Virus.

Für die Mitarbeiter ist die Situation psychisch eine Belastung. Die Pflegekräfte sind jeweils für einzelne Bewohner Bezugspersonen, kennen sie teils seit Langem. „Es ist normal, dass in unserem Heim auch Menschen sterben. Aber es ist etwas anderes, einen Bewohner in so einer Situation zu verlieren“, sagt Gorski-Schmidt. Aktuell sind Pflegekräfte aus anderen Diakovere-Einrichtungen im Haus am Leuchtturm eingesprungen. Ein Lichtblick: Für die ersten Bewohner gilt die Quarantäne ab diesem Wochenende offiziell nicht mehr.

Wie ist das Virus ins Heim gekommen?

Wie das Virus ins Heim gekommen ist, lässt sich nicht nachvollziehen. Der Verstorbene hatte in der für eine Ansteckung relevanten Zeitspanne keinen Besuch bekommen. „Unsere Bewohner tragen aber keine Maske, sie verstehen nicht, warum sie Abstand halten sollen. Und sie sind bedürftig nach Nähe und Zuneigung“, erklärt Pastor Mletzko.

51 Menschen leben in dem spezialisierten Heim, ihr Alter reicht von 52 bis 89 Jahren. Patricia Gorski-Schmidt ist froh, dass die Bewohner immerhin weiter in den umzäunten Garten gehen können. Diakovere hat einen Sicherheitsdienst zur Entlastung der Pflegekräfte engagiert. Zwei junge Männer überwachen im Wechsel eine Brandschutztür, die die Bereiche der positiv und der negativ Getesteten trennt. „Sie wissen um die Besonderheiten unserer Bewohner und reden sehr gerne mit ihnen“, erzählt die Pflegedienstleiterin. Trotz aller anderen Probleme: Diese Mitarbeiter auf Zeit sind ein Gewinn.

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Von Bärbel Hilbig