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Aus der Stadt So läuft die Ausbildung zum Synchronsprecher
Hannover Aus der Stadt So läuft die Ausbildung zum Synchronsprecher
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00:15 24.02.2019
Studioarbeit: Student Maik spricht, Dozent Arndt Schmöle und Techniker Loc Hung Lam (l.) lauschen.
Studioarbeit: Student Maik spricht, Dozent Arndt Schmöle und Techniker Loc Hung Lam (l.) lauschen. Quelle: Uwe Janssen
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Hannover

Die Aufgabe ist kurz, aber schwierig. Die paar Wörter, die Julia ins Mikrofon sprechen soll, sind nicht das Problem. Das Gefühl ist es. Sie soll es sinnlich tun, erotisch. Denn das tun auch die beiden Damen auf dem Bildschirm, die ausgezogen im Bett liegen und aneinander herumfummeln. Auf Englisch. Julia steht angezogen in einer Sprecherkabine und synchronisiert. Lippensynchron. Gefühlsecht.

„Es ist ihm nicht egal. Er liebt seinen Sohn. Mehr als er je gedacht hätte.“ Nicht sinnlich genug, moniert Dozent Arndt Schmöle. Der Stimmexperte, Schauspieler, Sprecher, Sänger, will es „ein bisschen mehr breathy“ haben. Willkommen in der Sprecherterminologie. Also jetzt mit Atemgeräusch, denn „jede Emotion hat ein Atemmuster“. Und welche, wenn nicht diese. Die 25-jährige Hannoveranerin versucht es. „Das darf entspannter klingen. Der Frau geht es gut, die hat Spaß“, gibt ihr der Dozent ihr per Gegensprechanlage in die Kabine mit auf den Weg. Beim siebten und achten Mal ist es so, wie er es haben will. Julia setzt den Kopfhörer ab, im Abhörraum wird sie mit Applaus der anderen Studenten empfangen.

Ausbildung als Studium oder Einzelkurs

Der hannoversche Ableger der privaten Akademie Deutsche Pop am Gelände der Eilers-Werke in Leinhausen bietet Bachelor-Studiengänge, Praxisausbildungen und Einzelkurse an, von Musik über Marketing, Mode und Fotografie bis hin zu Schauspielerei. Und eben Stimmschulung. Das Synchron-Seminar läuft seit Oktober, vier Stunden jede Woche, aufgeteilt nach Stimmungskategorien. Mal wütend, mal fröhlich, mal traurig.

Derzeit geht es um Sinnlichkeit. Um die Lernenden ein wenig an ihre Grenzen zu locken, hat Schmöle Szenen aus der freizügigen Homosexuellenserie „Queer as Folk“ herausgesucht. „Wir sehen das mittlerweile eher technisch“, sagt Bärbel, aus Hannover. Da interessiere sie eher, wie man einen Kuss synchronisiere, wenn man allein in der Sprecherkabine steht. Um entsprechende Schmatzgeräusche zu erzeugen, tut es auch der eigene Handrücken. Zum Beispiel. Und Atmen nicht vergessen. „Da haben wir ab und zu ganz schön rumexperimentiert, und das war absolut unerotisch“, sagt die 31-Jährige, die nach Abschluss des Seminars auf dem nicht allzugroßen Markt der Synchronstudios angreifen will. Man müsse realistisch sein, sagt sie. „Keiner von uns wird einen großen Hollywoodstar synchronisieren. Es geht darum, einen Fuß in die Tür zu bekommen.“ Auch in den Genres Hörbücher, Hörspiele, Radio. „Das sind interessante Alternativen“, sagt Mathias aus Hildesheim.

Empathie und Timing

Schmöle stoppt die Zeit. Fünf Minuten für einen Take, länger sollte es nicht dauern. Vorbereitung: Text auswendig lernen, O-Ton anhören, analysieren, Text über das Original sprechen, emotionalisieren. Dann wird aufgenommen. Wer auf das Skript schaut, kann sich nicht auf die Szene konzentrieren und auf das Timing achten. Um die jeweilige Stimmung der Szenen zu erfassen, muss der deutsche Stimmgeber nicht nur frei sprechen und die Scheu ablegen, sondern Empathie entwickeln. Was denken die oder der auf dem Bildschirm gerade?

„Deshalb finde ich den Begriff Synchronschauspieler viel besser als Synchronsprecher“, sagt Schmöle, der zwischendurch auch ein paar Grundregeln abfragt, Eselsbrücken inbegriffen. „MGM“, das Filmstudiokürzel, wird hier zur Kurzformel für rollenspezifische Emotion: Mimik, Gestik, Motorik. Dazu Imitation, Abrufen persönlicher Erlebnisse, Atmung – der Werkzeugkasten für das Genre. Der Rest ist üben, üben, üben. Und Glück, wenn es dann an die Jobsuche geht.

„Wenn es klappen sollte, werde ich mir alles in ein Regal räumen, was ich gemacht habe“, sagt Bärbel mit einem breiten Grinsen, „egal, wie schlecht die Filme wären.“

Infos: deutsche-pop.com

Von Uwe Janssen