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Aus der Stadt Wie der „Ersatzkaiser“ in Hannover lebte
Hannover Aus der Stadt

Hannover: Als Hindenburg in Hannover lebte

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08:39 24.07.2019
Kinder unterm Stahlhelm: Bei einem Regimentstag nahm Hindenburg den Gruß eines kleinen Jungen entgegen. Quelle: Postkarte (Privat)
Hannover

 Es war ein Triumphzug: Tausende drängten sich am Hauptbahnhof, um den Generalfeldmarschall mit Jubelrufen zu empfangen. Hannovers Honoratioren huldigten ihm, dann fuhr Paul von Hindenburg an jenem 4. Juli 1919 im blumengeschmückten Auto durch die Straßen. „Er wurde wie ein siegreicher Feldherr empfangen, obwohl er viele Tote auf dem Gewissen hatte“, sagt der Geschichtsprofessor Gerhard Schneider. Als Generalstabschef des Heeres trug Hindenburg Verantwortung für die sinnlosen Opfer des Ersten Weltkriegs. „Und dennoch fühlte sich die Stadt geehrt, dass der Nationalheld gerade hier seinen Alterssitz genommen hatte“, sagt Schneider. „Rational ist das kaum zu erklären.“

Seit Monaten toben in Hannover hitzige Diskussionen um die geplante Umbenennung der Hindenburgstraße. Historiker Schneider liefert jetzt gewissermaßen das Buch zur Debatte: „Hindenburg in Hannover“ (Wehrhahn, 595 Seiten, 29,50 Euro) ist ein gut lesbares Werk, für das Schneider mit Akribie Hindenburgs Jahre in Hannover von 1919 bis 1925 rekonstruiert hat. „Der Band schließt damit eine Forschungslücke“, sagt Stadtarchiv-Leiterin Cornelia Regin.

Ehrenmitglied bei Hannover 96

Für Hannover hatte der in Posen geborene Hindenburg ein Faible. Als junger Soldat hatte er hier gedient, und als er 1911 als Militär in Ruhestand ging, bezog er in der „schönen Stadt“ eine Wohnung in der Bödekerstraße1c. Hannover vereinige „in glücklichster Weise die Vorteile einer Großstadt nicht mit den Nachteilen einer solchen“, schwärmte er – und pries „herrliche Parkanlagen“ und ein „vorzügliches Hoftheater“. Bei Kriegsbeginn wurde der Ruheständler dann reaktiviert, besiegte in der Schlacht bei Tannenberg die eigentlich überlegenen russischen Truppen – und kehrte als Kriegsheld heim, dessen Konterfei Postkarten und Kaffeetassen zierte.

So lebte Hindenburg in Hannover

Bürgerlich-nationalistische Kreise verehrten ihn seit seinem Schlachtensieg wie einen Heilsbringer. Die Tierärztliche Hochschule ernannte ihn zum Ehrendoktor, Hannover 96 zum Ehrenmitglied, und der „Hannoversche Anzeiger“ schlug gar vor, den Kröpcke nach ihm zu benennen. Stattdessen wurde jedoch 1916 die Straße, die bis dato Tiergartenstraße hieß, auf seinen Namen getauft. Stadtdirektor Heinrich Tramm sorgte auch dafür, dass Hindenburg in einer Villa in der Seelhorststraße 32 (heute Bristoler Straße 6) lebenslanges Wohnrecht bekam. Heute sind in dem Haus Anwaltskanzleien untergebracht.

Die Legende besagt, dass der alte Herr hier als biederer Ruheständler logierte, der dann selbstlos und pflichtbewusst wieder antrat, als das Vaterland ihn brauchte und ihn 1925 zum Reichspräsidenten kürte. Doch damit räumt Historiker Schneider auf: „Er plante von Anfang an eine politische Karriere“, sagt der Historiker. Als Gegner der Republik strebte Hindenburg paradoxerweise das höchste Amt dieser Republik an: „Er wollte Reichspräsident werden.“

Pflege des eigenen Mythos

Dazu knüpfte Hindenburg von Hannover aus ein eigenes Netzwerk: Der Ruhestandsgeneral reiste zu Kyffhäuser-Treffen und zu Jagden nach Bayern. In Hannover ließ er kaum ein Regimentstreffen alter Kameraden aus. Er pflegte Kontakte zu Landwirtschaftskammer und Handwerksverbänden, ließ sich von Hannovers Hochschulen hofieren. Mal übernahm er eine Schirmherrschaft für eine Schäferhundeausstellung im Vahrenwalder Turm, mal feierte er mit dem Johanniterorden in Kastens Hotel. „Sein öffentliches Auftreten hat er genau geplant“, sagt Schneider.

Ruhig und streng in der Selbstdarstellung, verstand sich der stets ordengeschmückte Hindenburg als „Staatsoberhaupt im Wartestand“. Seine beliebte Frau Gertrud engagierte sich derweil unter anderem für Kriegswaisen. Sie starb 1921 und wurde auf dem Stöckener Friedhof beigesetzt. Politisch agitierte Hindenburg von Hannover aus gegen die Abtrennung Oberschlesiens vom Reich und die Besetzung des Ruhrgebiets durch Frankreich. Er verbreitete die „Dolchstoßlegende“, nach der vaterlandslose Zivilisten an der Kriegsniederlage schuld waren – und er pflegte den eigenen Mythos.

CDU will Anhörung im Streit um den Straßennamen

In der Debatte um die geplante Umbenennung der Hindenburgstraße hat die CDU gefordert, die neuen Erkenntnisse des Buchautors Gerhard Schneider zu berücksichtigen. Die aufwendigen Recherchen des Historikers belegten Hindenburgs hohe Bedeutung für Hannover, sagt Diana Rieck-Vogt, Vorsitzende der CDU Hannover-Mitte. Es sei dringend geboten, dass Schneider seine Forschungsergebnisse bei einer Expertenanhörung vor dem Bezirksrat Hannover-Mitte präsentiere. Unter anderem präsentiere Schneider ein differenziertes Bild zur Frage, ob Hindenburg Antisemit gewesen sei. Die CDU ist gegen die Umbenennung der Hindenburgstraße, ihr Oberbürgermeisterkandidat Eckhart Scholz will das Verfahren stoppen.

Der Bezirksrat hat diese unter anderem mit dem Hinweis darauf, dass Hindenburg Hitler zur Macht verholfen habe, bereits beschlossen. Bürger reichten darauf 549 Namensvorschläge ein – von denen jedoch 298 für die Beibehaltung des angestammten Namens plädierten. Unter anderem wurden jedoch auch Bezeichnungen wie „Eilenriedestraße“ oder „Zum Zoo“ genannt. Eine Bürgerinitiative will die Umbenennung verhindern. Anlieger sollen aus einer Liste von sieben möglichen Straßennamen einen Favoriten wählen, die letzte Entscheidung trifft dann der Bezirksrat.

Im traditionell roten Hannover hatte er gleichwohl viele Kritiker. Die Sozialdemokraten hielten immer Abstand zum Kult um Hindenburg. Als dieser 1925 zum Reichspräsidenten gewählt wurde, bekam ausgerechnet in seiner Wahlheimat Hannover der katholische Kandidat Wilhelm Marx deutlich mehr Stimmen als er. „Das ehrt die Bürger der Stadt“, sagt Historiker Schneider.

Der 75-Jährige beurteilt Hindenburg kritisch – und hat im Streit um den Straßennamen dennoch eine klare Haltung. „Ich wäre dagegen, heute in einem Neubauviertel eine Straße nach ihm zu benennen“, sagt er. Und trotzdem sei er nicht dafür, die heutige Hindenburgstraße umzubenennen. Ebenso wie Hindenburgs Präsenz in Hannover gehöre der Straßenname nun einmal zur Geschichte der Stadt: „Ich bin gegen einen Bildersturm.“

Von Simon Benne

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