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Aus der Stadt Das war das Neue Haus in Hannover
Hannover Aus der Stadt Das war das Neue Haus in Hannover
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00:23 23.11.2018
Ort der Lustbarkeiten: Das Neue Haus am Emmichplatz wurde um 1893 erbaut – heute ist dort die Musikhochschule. Quelle: Archiv
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Hannover

Der Oberstleutnant E. kam fast jeden Tag hierher. Er saß dann kerzengerade im Kaffeegarten, das Monokel im Auge, und bestellte zackig ein kühles Helles. Beim Abräumen wurde er meist leiser: „Aber nicht meiner Frau sagen, dass ich schon wieder hier war“, raunte der Offizier dann dem Ober zu. Daheim hatte der Oberstleutnant nämlich wenig zu melden, und die werte Gattin hielt nichts von seinen regelmäßigen Frühschoppen im Neuen Haus.

So sah das Neue Haus aus

Damals, in den Zwanzigerjahren, war das Lokal an der Eilenriede einer der beliebtesten Orte der Stadt. Das Neue Haus, von dem heute nur noch die Arkaden vor der Musikhochschule zeugen, war ein Tummelplatz gesellschaftlichen Lebens – und eine Kulisse, in der immer neue Anekdoten erblühten.

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Künstler und Sänger vom Opernhaus gastierten hier. Kellner mit weißen Handschuhen servierten im festlich eingedeckten Saal dem gehobenen Publikum erlesene Spezialitäten. Doch auch weniger gut Betuchte konnten sich einen Ausflug ins Neue Haus leisten, das mit der Straßenbahn gut zu erreichen war und mit Konzertvergnügen und Gartenilluminationen lockte. Bei Konzerten ging es hier hoch her: „Frohsinn und gute Laune wachsen im Neuen Haus auf solider Basis“, schrieb der „Hannoversche Anzeiger“.

Erbaut als Pesthaus

Schon anno 1712 hatte die Stadt am entlegenen Waldrand einen zweigeschossigen Fachwerkbau errichten lassen – eigentlich als Pesthaus. Die Seuche, die damals grassierte, verschonte Hannover jedoch, und so betrieb schon zwei Jahre darauf ein Forstmann hier eine „Weinschenke im Neuenhause“. Spaziergänger verlustierten sich in den Laubengängen bei Wein und Caffee oder spielten Billard.

In Anwesenheit von König Ernst August wurde hier 1837 Hannovers erstes Privattheater eröffnet – zum Leidwesen des Hoftheaters, das „Kunstpfuscher“ am Werke wähnte, weil man bei Vorstellungen Bier und Tabak reichte. Auch der heutige Zoo nahm hier seinen Anfang, denn 1865 wurden hier in provisorischen Käfigen die ersten Tiere ausgestellt.

Im Jahr 1893 ersetzte man das Fachwerkhaus dann durch den repräsentativen, teils barock anmutenden Bau des Architekten Paul Rowald: ein elegantes Konzertcafé mit Terrassen und lauschigen Gartenanlagen. Bereits neun Jahre zuvor war in der Nähe, in Verlängerung der Sichtachse Königstraße, ein monumentales Kriegerdenkmal geschaffen worden. Allein schon deshalb blieb das Neue Haus auch nach der Kaiserzeit eine beliebte Adresse für Sedansfeiern, die den Krieg über Frankreich von 1870 bejubelten.

Abriss trotz Protesten

Hindenburg persönlich besuchte im Sommer 1920 ein Stiftungsfest von Kriegsveteranen im Neuen Haus, schritt schneidig die Front ab und hielt eine martialische Rede. Der Generalfeldmarschall lebte zeitweise in der nahen Bristoler Straße. „Krieger- und Gesangvereine trafen sich regelmäßig im Neuen Haus, ehe sie dorthin marschierten, um ihm die Ehre zu erweisen“, sagt der Historiker Gerhard Schneider.

Ende der Zwanziger jedoch sank der Stern des Neuen Hauses; andere Lokale liefen ihm den Rang ab. Im Jahr 1936 schloss es seine Türen, die NS-Frauenschaft richtete hier das „Haus der Frau“ ein. Im Krieg wurde das Gebäude beschädigt, doch danach erneut als Restaurant mit Kaffeegarten genutzt. Dieses fuhr jedoch am Ende keine Gewinne mehr ein. Und so entschied der Rat im Juni 1969, das Neue Haus abzureißen. An seiner Stelle sollte für 25 Millionen Mark die Musikhochschule errichtet werden – trotz vehementer Proteste von Denkmal- und Naturschützern.

In einer großangelegten Aktion trugen Bauarbeiter vom 22. November 1969 an die schmucken Arkaden ab. Insgesamt 400 Sandsteinelemente wurden fein säuberlich nummeriert und auf der Baustelle gelagert. Beim Abbruch kam eine alte Kassette zum Vorschein, mit einer Urkunde, die Stadtdirektor Heinrich Tramm 1894 unterzeichnet hatte. Das „mäßig große, feinere Caféhaus“ sei für genau 253 783, 39 Mark errichtet worden, hieß es darin.

Im Oktober 1972 standen die Arkaden wieder – allerdings etwas versetzt, an jener Stelle, an der das im Krieg eingeschmolzene Kriegerdenkmal gewesen war. Oberbürgermeister Herbert Schmalstieg versenkte in einem Loch auf dem höchsten Punkt des sogenannten Baldachins einen Kupferbehälter mit Urkunden und Zeitungen. Seither erheben sich die sechs Meter hohen und 26 Meter langen Arkaden vor der Musikhochschule wie ein Denkmal der Vergangenheit. Oder, wie HAZ-Reporter Klapa damals schrieb, wie eine „Ehrenwache im historischen Kostüm“.

Von Simon Benne