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Aus der Stadt Siegfried Neuenhausen ist Maler – und erblindet
Hannover Aus der Stadt Siegfried Neuenhausen ist Maler – und erblindet
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00:21 18.04.2019
Siegfried Neuenhausen arbeitet in seinem Atelier trotz seiner fortgeschrittenen Augenkrankheit immer noch an Künstlerbüchern. Quelle: Katrin Kutter
Hannover

Da gibt es dieses Selbstbildnis, auf dem man den Künstler Siegfried Neuenhausen mit einer dunklen, klobigen Brille sieht. Der ganze Rest der Collage ist von Augen übersät. Gezeichneten Augen. In schnellen, grellroten Strichen hat der 87-Jährige sie im August 2017 aufs Papier geworfen. Auch ein anderes Selbstporträt aus demselben Jahr ist in diesem schreienden Rotton gehalten. Wieder sieht man Neuenhausen selbst, diesmal hat er sein Gesicht mit wenigen, weichen Linien skizziert. Das eine Auge hebt sich kaum aus dem Kontext – Stirn und Wangen – ab. Das andere, dunkel schraffiert, wirkt wie eine Wunde.

Künstlerbücher thematisieren Augenkrankheit

Es sind einige Künstlerbücher, die an diesem Tag in Neuenhausens kleinem Atelierzimmer in der Alten Kornbrennerei in Hainholz zum Arbeiten ausliegen. Die beiden „Augen“-Bilder stechen heraus. Nicht nur, weil es viele dieser Art zu geben scheint. Sie haben – obwohl oder vielleicht gerade weil sie so schlicht gehalten sind – eine besondere Expressivität.

Fragt man Siegfried Neuenhausen jedoch, was diese Arbeiten ihm bedeuten, geht er erst einmal über sie hinweg. Blättert weiter in seinen Künstlerbüchern, die thematisch vom privaten Umfeld bis zu tagespolitischen Themen reichen. Das Sprengel-Museum hat ihnen zu seinem 85. Geburtstag eine Ausstellung gewidmet. Neuenhausen zeigt auf Zeitungsausschnitte über Donald Trump oder Recep Tayyip Erdogan. Bleibt schließlich an einer Doppelseite hängen, auf der Worte prangen, die er lange nicht gehört hat. „Mama“, „Papa“ liest man da. Kindheitserinnerungen eines Mannes, dessen Kinder mittlerweile selbst in den Fünfzigern sind. Aber es gibt auch Begriffe, die Uneingeweihte vor Rätsel stellen. „Fringsen“ ist so einer. Im kalten Winter 1946/47 hätten sich viele Leute aus seiner Heimatstadt Dormagen aus Güterwaggons Kohle zum Heizen geholt, sagt Neuenhausen. Der Kölner Kardinal Frings habe solches Stehlen aus Not als bloßen Mundraub toleriert, berichtet der Künstler schmunzelnd. Von da an hieß das „fringsen“.

Der Künstler Neuenhausen

Siegfried Neuenhausen, geboren am 31. November 1931 in Dormagen, prägt Hannover seit Jahrzehnten als Künstler. Am Landtag verewigte er etwa 2007 Hofmann von Fallersleben im Relief „Einigkeit und Recht und Freiheit“. Stahlplatten mit dem Schwitters-Gedicht „Anna Blume“ legte er im Straßenpflaster der Altstadt „den Hannoveranern zu Füssen", wie es in der Inschrift heißt. Der Mann, der einst Gerhard Schröder in Wahlkämpfen unterstützte, initiierte Kunstprojekte mit JVA-Insassen, schuf Skulpturen mit psychisch Kranken. Seit 1984 belebt er mit der Kornbrennerei in Hainholz die Stadtteilkultur neu.

Seit zwei Jahren schlägt die Krankheit zu

Siegfried Neuenhausen wird blind. Seit 20 Jahren leidet der Mann, der Hannovers Kunstszene über Jahrzehnte mitgeprägt hat, an einer schweren Augenkrankheit, einer sogenannten Makuladegeneration. Die Diagnose schockt ihn, den langjährigen Kunstprofessor an der Hochschule der Künste in Braunschweig, so sehr, dass er sofort mit dem Rauchen aufhört. Rauchen verursache diese Degeneration mit. 18 Jahre lässt ihn die Krankheit weitgehend in Ruhe. Seit zwei Jahren aber nimmt sie ihm kontinuierlich, was für den bildenden Künstler eigentlich unverzichtbar ist: die Kraft zu sehen. Therapieversuche helfen nicht.

Das Besondere ist: Neuenhausen spricht nicht nur ungewöhnlich offen darüber, dass er sein Augenlicht verliert. Er versucht sogar, diesen Umstand künstlerisch zu nutzen. Als ihn per Mail die Anfrage für ein Interview ereilt, stimmt er sofort zu. Kann er seine Mails überhaupt noch lesen? Die Antwort ist eine halbe Stunde später im E-Mail-Postfach: „Ich kriege das noch mithilfe einer großen Lupe hin. Die ausgedruckte Mail kann ich ja mit meinem Monitor vergrößern.“

Bücher lesen ist unmöglich

Ja, dieser Monitor. Ein schwarzer Kasten und zusammen mit einer Kamera ein Fenster zur Welt. Neuenhausen lädt zu Beginn des Besuches in sein Arbeitszimmer ein. Behende steigt der kleine Mann in dem blauen Arbeitskittel die Außentreppe im Innenhof der ehemaligen Kornbrennerei hinauf. Man merkt ihm kaum an, dass er nur noch über 3 Prozent Sehkraft verfügt. Farben kann der Maler mittlerweile kaum noch unterscheiden. „Wenn ich an einer Ampel stehe, auf die die Sonne scheint, warte ich einfach, bis die anderen gehen“, sagt er schlicht.

Hier, in seinen eigenen vier Wänden, geht es aber verblüffend sicher durch enge Gänge bis zum Arbeitszimmer, das ein Schreibtisch und eben der Monitor dominieren. Es ist unübersehbar, dass sich hier jemand mit wenig Sehkraft und viel Disziplin um Ordnung bemüht. Fein säuberlich gestapelte Klarsichtordner sind mit übergroßen Lettern beschriftet. Auch auf dem Monitor leuchtet vielfach vergrößerte Schrift, in grün fluoreszierendem Licht. Weiß wäre zu grell, sagt Neuenhausen. Die Eintragungen seines Kalenders werden per Kamera auf den Bildschirm übertragen. Zehn Zentimeter groß muss jeder Buchstabe sein, sonst kann er ihn nicht entziffern. Das Studium von Büchern, Texten: Vergangenheit. Seit einem halben Jahr ist auch das Zeitungslesen unmöglich, zu mühsam ist es, sich durch die Buchstabenfluten zu kämpfen. Was macht das mit einem Menschen, einem Künstler? „Je mehr die Krankheit fortschreitet“, sagt Neuenhausen, „desto mehr ist man auf sich selbst beschränkt.“ Großzügig linierte Blätter hat er hergestellt, um mithilfe des Monitors wenigstens weiter schreiben zu können.

Aus der Not eine Tugend machen

Aber unterkriegen lässt er sich nicht. Im Gegenteil, er versucht so viel zu arbeiten, wie möglich ist. „Ich versuche, aus der Not eine Tugend zu machen, ich reize das aus.“ Der Monitor sei auch eine Quelle neuer Sichtweisen, erzählt er, lacht. Die Tochter seiner Lebensgefährtin, selbst Kunststudentin, habe unlängst einen kleinen Film darüber hergestellt, wie er sich selbst den Schnurrbart schneide. Wie geht das? Mit der Kamera zoomt Neuenhausen das Bild seines Gesichtes ganz nah heran, holt eine Schere aus der Schublade, zeigt, wie er sich die Barthaare stutzt. „Sehr komisch ist das.“ Wenn er Gegenstände ungewöhnlich auf dem Tisch anordnet, mit der Kamera vergrößert, farblich verfremdet, entstehen Strukturen wie bei einem Fotogramm. „Auch das ist künstlerisch interessant“, sagt Neuenhausen. „Da kann etwas Neues entstehen.“ Bemerkenswert ist: Fast während der gesamten Zeit fällt das Wort „blind“ nicht.

Selbstporträts zeigen den Schmerz

Nur die „Augen“-Bilder in seinen Künstlerbüchern sprechen eine andere Sprache. Sie drücken auch Ohnmacht, Schmerz und Verzweiflung, aus. Erst ganz am Ende des Gesprächs nimmt Neuenhausen diesen Faden noch einmal auf, auch diesmal jedoch, ohne große Worte über Gefühle zu machen. Er reduziert seine Antwort auf einen einzigen Satz. Die Sache mit den Augen so direkt „ausgedrückt, beschrieben, gezeichnet“ zu haben, sagt er – und es klingt fast beiläufig –, sei „auch eine ganz gute Methode, sie zu verarbeiten“.

Von Jutta Rinas

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