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Aus der Stadt Europas größte Tiny-House-Siedlung soll in Hannover wachsen
Hannover Aus der Stadt Europas größte Tiny-House-Siedlung soll in Hannover wachsen
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06:01 22.01.2019
Die Siedlung soll auf einem Streifen ehemaliger Kleingärten entlang des Vinnhorster Wegs Platz finden, der von links nah rechts quer durch das Luftbild läuft (Bild ist nicht eingenordet). Quelle: Google-Maps
Hannover

Am Nordrand Hannovers könnte in den kommenden Jahren eine Ökosiedlung entstehen, in der bis zu 1000 Bewohner anders leben als bisher üblich: auf freiwillig begrenzten Wohnflächen mit dem obersten Ziel der Genügsamkeit. Eine Initiative rund um Thomas Köhler vom Verein Transition-Town und den ehemaligen Wirtschafts- und Umweltdezernenten Hans Mönninghoff hat eine Projektskizze erarbeitet und im Rathaus vorgelegt. An diesem Donnerstag soll sie erstmals öffentlich vorgestellt worden. Weil sich inzwischen mehr als 100 Interessierte angemeldet haben, ist der Ort kurzfristig in den Raschplatz-Pavillon verlegt worden.

Tiny-Houses sind in Amerika als Mini-Häuser bekannt – bald auch in Hannover?

In Burg könnte Europas größte Tiny-House-Siedlung entstehen, hoffen die Initiatoren. Tiny-House heißt übersetzt „winzige Behausung“. In Amerika macht schon länger eine gleichnamige Bewegung von sich reden. Deren Akteure leben in Kleinsthäusern, oft selbstgebaut aus Holz – aber nicht, weil ihnen Geld fehlt, sondern weil sie sich beschränken wollen und lieber mehr Gemeinschaftsflächen statt eigener vier Wände nutzen. Auch in Europa sind die Miniwohnungen immer öfter zu sehen, oft mit intelligenten Grundrissen und zuweilen vollgestopft mit Technik.

Minimalistisch und platzsparend: Ein Tiny-House bei einer Bauhaus-Campus-Ausstellung. Quelle: .Monika Skolimowska/dpa

Transition-Town-Sprecher Köhler sagt: „Auch wenn das Projekt unter dem Namen Eco-Village firmiert, also Ökodorf – das Ziel ist keine Community von Linksökobewegten, die sich Lehmhäuser bauen.“ Vielmehr gehe es um ein urbanes Gebiet mit einer bunten Mischung von Bewohnern, von Akademikern bis Studenten. Aktuell habe etwa ein VW-Manager großes Interesse bekundet, der derzeit mit seiner Frau auf 260 Quadratmetern lebt. „Viele Menschen machen sich Gedanken, wie sie ihren ökologischen Fußabdruck reduzieren können – unser Projekt soll dafür ganz konkrete Gelegenheiten bieten“, sagt Mönninghoff.

Areal am Vinnhorster Weg in Burg beherbergt derzeit etwa 200 Kleingärten

Ohne Konflikte wird es aber nicht gehen. Das angedachte Areal umfasst 110.000 Quadratmeter östlich des Vinnhorster Wegs im Stadtteil Burg, wo derzeit etwa 200 Kleingärten angesiedelt sind. Im Kleingartenkonzept der Stadt ist dort langfristig Wohnbebauung vorgesehen, was viel Protest ausgelöst hat. Kürzlich hat die Stadt die Umwandlung von Kleingärten in Wohnbauland zwar zurückgestellt, weil sie etwa am Kronsberg und in der Wasserstadt Tausende Wohnungen schafft. „Wir haben aber andere Vorstellungen von Grundrissen und auch von den Kosten als das, was in diesen Neubaugebieten umgesetzt werden“, sagt Köhler. Mit den Kleingärtnern wolle man das Gespräch suchen. „Im Optimalfall könnten viele Gärten erhalten werden, die Lauben zum Wohnen und die Gärten als Selbstversorgerflächen genutzt werden“, sagt Köhler.

Experiment mit einem Tiny-House: Die Architekturstudentinnen Sarah Ullmayer (r) und Sophie KanyIn haben 2017 in Berlin Konzepte zur Linderung des Wohnungsmangels vorgestellt. Quelle: Monika Skolimowska/dpa

Doch es sind nicht nur Tiny-Houses geplant, sondern auch Mehrfamilienhäuser mit Miniappartments. „Wir sind nicht auf dem Land, sondern in einem großstädtischen Gebiet, da darf ein Teil der Fläche durchaus auch dicht und urban bebaut sein“, sagt Köhler. Denkbar sei etwa ein langer, minimalistischer Gebäuderiegel zur Straße, der auch vor Lärm schützt, dahinter dann Grünflächen mit den Kleinsthäusern. Juristischer Knackpunkt: Die Baubehörden von Stadt und Land müssten das Projekt als experimentellen Wohnungsbau akzeptieren, damit die Bauordnung weit ausgelegt werden kann.

Eine freie Schule nach Prinzipien von Gerald Hüther in der Nähe des Eco-Village

Wenige Hundert Meter entfernt befindet sich das Gebäude der ehemaligen Paul-Dohrmann-Förderschule. Dort kann sich die Initiative vorstellen, eine Modellschule einzurichten, in der nach den Grundsätzen des Neurobiologen Gerald Hüther klassenübergreifend unterrichtet wird – zwei Initiativen in Linden und Langenhagen machen sich derzeit für die Einrichtung solch einer Alternativschule stark. Nach Vorstellung Köhlers könnte das Gebäude als „Zentrum für Suffizienz“ genutzt werden, in dem Genügsamkeit als wichtiger erachtet wird als Effizienz. Allerdings gibt es auch für das Schulgebäude Konkurrenz: Eine andere Initiative will dort ein Zentrum für Roma-Familien einrichten.

Im April soll ein Kongress Ideen für das Gesamtprojekt des Eco-Village entwickeln. Bis zum Kulturhauptstadtjahr 2025 könnte – wenn alles klappt – der erste Siedlungsteil bebaut sein.

Die Infoveranstaltung beginnt am Donnerstag um 18 Uhr im Kulturzentrum Pavillon am Raschplatz, Lister Meile 4.

Stadt verhält sich abwartend

Die Flächenbilanz des Projekts entspräche der einer normalen Siedlung: Etwa 900 bis 1000 Menschen würden auf dem elf Hektar großen Gebiet auch leben, wenn dort ein normales Wohngebiet entstünde. Der Unterschied in dem jetzt geplanten Genügsamkeitsprojekt: Statt durchschnittlich 100 Quadratmeter soll jede nur 50 Quadratmeter Fläche haben. So würden – bei teils dichter und teils lockerer Bebauung – nur zwei Hektar als Bauland genutzt werden und neun Hektar für Gärten, Spielflächen, Gemüseanbau und Gemeinschaftsflächen zur Verfügung stehen.

Die Stadt verhält sich auf HAZ-Anfrage abwartend. Das Projekt einer Wohnbebauung auf Kleingartenflächen habe derzeit keine Priorität, weil viel Wohnraum am Kronsberg, in der Wasserstadt Limmer und etwa auf dem ehemaligen Gelände des Klinikums Oststadt vorbereitet werde. Für eine Beurteilung des ungewöhnlichen Vorhabens in Burg lägen der Stadt nicht genug Informationen vor.

Von Conrad von Meding

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