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Aus der Stadt Hannover: Eine Mutter sucht verzweifelt einen Krippenplatz für ihren Sohn
Hannover Aus der Stadt Hannover: Eine Mutter sucht verzweifelt einen Krippenplatz für ihren Sohn
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05:38 11.03.2019
Sophia Adler kämpft um Krippenplatz für Sohn Johannes und bekommt keinen - trotz Online-Anmeldeverfahren. Quelle: Samantha Franson
Hannover

Man kann Sophia Adler wahrlich nicht vorwerfen, dass sie nicht früh genug mit der Suche begonnen hätte. Als die junge Mutter sich in Hannover auf den ersten Krippenplatz für ihr Baby bewirbt, trägt sie Sohn Johannes noch im Bauch. Die damals 33-Jährige ist berufstätig, Teamleiterin bei den Axa-Versicherungen. Sie liebt ihren Job; sie braucht ihn auch. Das Leben mit Baby sei zwar um einiges bereichernder, aber nicht gerade günstiger, sagt Adler. Also will sie nach einem Jahr Elternzeit Vollzeit in den Beruf zurück. Es beginnt, was Adler den „Irrsinn bei der Betreuungssuche in Hannover“ nennt. Bedrückend: Auch das neue Online-Anmelde-Verfahren für Kitaplätze hilft ihr nicht weiter.

Lange Suche trotz Rechtsanspruchs

Sophia Adlers Odyssee beginnt im Mai 2018, als sie sich zum ersten Mal bei einer Kita meldet, um ihr ungeborenes Kind auf die Warteliste zu setzen. Sie sei beileibe nicht die einzige Schwangere dort gewesen, erzählt die Frau mit dem so offenen Lächeln an diesem Morgen in ihrer Wohnung in Döhren. Sohn Johannes kommt erst Ende Juli auf die Welt. Die werdende Mutter macht schon zwei Monate zuvor eine Erfahrung, die später zum Dauerzustand wird. Mit einem Krippenplatz ist es, trotz Rechtsanspruchs, offenbar nicht so einfach. Und das, obwohl die Stadt auf HAZ-Anfrage Optimismus verbreitet: 5000 Kinder im Krippenalter müssten zum 1. August 2019 mit einem Platz in Kita oder Tagespflege versorgt werden, heißt es vonseiten der Verwaltung. Man gehe davon aus, dass alle Kinder unterkämen, die Platzkapazitäten seien da.

Die schwangere Sophia Adler aber wird bei ihrer ersten Kita-Anmeldung erst einmal gewarnt, sich nicht allzu große Hoffnungen zu machen. Geschwister- und Mitarbeiterkinder hätten Vorrang, heißt es. Die besten Chancen hätten Alleinerziehende, die Vollzeit arbeiteten, oder in der Ausbildung seien. „Ich hätte ja gedacht, wenn beide Eltern Vollzeit berufstätig sind, hätte man auch gute Chancen“, sagt Adler und man hört ihr das Erstaunen über solche Wartelisten-Modalitäten immer noch an.

Online-Anmeldung hilft nicht

Aber so ist es nicht. Das erfährt Adler bei einer nervenaufreibenden Suche. Sie habe mit ihrem Mann das Internet durchforstet, sei bei Tagen der Offenen Tür gewesen, habe sich schriftlich und persönlich angemeldet, erzählt sie, während Sohn Johannes es sich auf einer Decke auf dem Fußboden gemütlich macht. Sogar bei Facebook werben die verzweifelten Eltern: „Dieses süße Baby sucht einen Betreuungsplatz“. Ohne Erfolg. Manchmal bittet Sophia Adler Ehemann Guido eine Nachfrage zu übernehmen. „Man kriegt irgendwann das Gefühl, niemand will uns und unseren niedlichen Sohn“, sagt die heute 34-Jährige. „Man weiß natürlich, dass keine Absage persönlich ist. Trotzdem, da fließen schon Tränen.“ Auch das neue, städtische Online-Anmeldeverfahren hilft nicht. Und das, obwohl die Adlers im Stadtbezirk Döhren-Wülfel leben, der als Pilotbezirk für die neue Online-Anmeldung dient. Es ist der einzige Stadtbezirk in ganz Hannover, in dem nicht nur städtische, sondern fast alle Einrichtungen mitmachen.

Große Hoffnung in neues Portal

Adler setzt große Hoffnungen auf das neue Portal. Immerhin heißt es zunächst, dass es schon im 4. Quartal 2018, also zwei Monate nach Johannes’ Geburt starten wird. Als Ende November auf der Homepage der Stadt noch nichts passiert, fragt sie beim Familienservicebüro nach . „Der Start der Pilotphase ist für Dezember dieses Jahres vorgesehen“, bekommt sie per Mail lapidar zur Auskunft.

Auf der Homepage der Stadt tut sich Anfang Dezember aber nichts. Also fasst Adler am 5. Dezember nach und bekommt fünf Tage später die Auskunft, dass es jetzt leider doch Januar wird. Es ist ironischerweise genau der Tag, an dem sie von einer Krippe hört, dass das Auswahlverfahren jetzt doch vor dem Start der Online-Anmeldung durchgeführt, erzählt Adler: Man könne ja nicht ewig auf die Stadt warten. „Kann ich mich wenigstens darauf verlassen, dass ich über das System einen Krippenplatz für meinen Sohn zum 1. August bekomme?“, fragt Adler. Johannes ist am 20. Juli 2018 geboren, er hat zu diesem Zeitpunkt also einen Rechtsanspruch. Man sei im Familienservicebüro nicht darüber informiert, wann in den Einrichtungen Plätze frei würden, schreibt ein Sachbearbeiter trocken zurück: „Daher kann ich Ihnen keine Versprechungen dazu machen, ob Sie einen Krippenplatz für Ihren Sohn finden werden.“

Angst vor Rückkehr in Job ohne Krippenplatz

Die Adlers suchen weiter. Die Krippenplätze im Stadtteil und auch darüber hinaus, so erfahren sie jetzt, sind – Online-Anmeldung hin oder her –längst vergeben. „August? Dieses Jahr? Nein.“ ist die Standardantwort. „Was aber nutzt ein Zentrales Online-Verfahren, wenn die Plätze nicht auch dort, sondern anderswo vergeben werden?“, fragt sich Adler. „Was bringt so ein System außer zusätzlicher Beschäftigung für Eltern, Krippen und Kitas?“ Die Adlers fassen die Tagespflege ins Auge. In einer „verheißungsvollen Einrichtung“ seien sie Nummer 62 auf der Warteliste, sagt Adler: „Wir machen trotzdem weiter“.

Anfang Februar reicht es der 34-jährigen. Sie schreibt einen Brief an die Stadt. Sie will ihren Rechtsanspruch auf frühkindliche Förderung in einer Tageseinrichtung oder Kindertagespflege ab dem vollendeten ersten Lebensjahr geltend machen. Mittlerweile ist Sohn Johannes ein halbes Jahr alt, die ersten Gespräche mit dem Arbeitgeber über die Zeit nach der Rückkehr stehen an. „Es macht mir Angst, dass ich immer noch nicht weiß, ob mein Sohn dann in guten Händen ist“, sagt Adler. Adler beschreibt ihre Situation, setzt der Stadt eine Frist für die Vermittlung eines Betreuungsplatzes bis Anfang Mai, fordert eine Eingangsbestätigung. Sie erhält: nichts.

Auf Nachfrage der HAZ bei der Stadt klingt die Sache dann doch ganz anders. „Wir werden uns zeitnah in Verbindung setzen und sind zuversichtlich, wie gewünscht zum 1. August einen Betreuungsplatz anbieten zu können“, heißt es jetzt.

3000 Nutzer sind online auf Kitaplatzsuche

Etwas mehr als 3000 Nutzer sind nach Angaben der Verwaltung aktuell mit einem oder mehreren Kindern in dem neuen, städtischen Online-Anmeldeportal registriert und haben sich für Betreuungsplätze vormerken lassen. Dokumentiert seien bislang 130 Vertragsabschlüsse. Dies sage allerdings nichts über den derzeitigen Stand der Platzvermittlung insgesamt aus, weil Einrichtungen, die schon vor dem Start des Portals Verträge abgeschlossen hätten, diese nicht nachträglich einpflegten, heißt es vonseiten der Stadt. Das Portal werde gut angenommen und gemessen an den Anfragen zur Bedienung auch ohne größere Probleme angewendet. Der Kita-Stadtelternrat hat bislang relativ wenige Rückmeldungen bekommen. Bisher sei das Echo durchwachsen, sagt Peter Schulze vom Kita-Stadtelternrat. Manche Eltern erführen jetzt erst bei Elternabenden älterer Geschwisterkinder davon. Auch in manchen Kitas, die bislang noch nicht an dem Anmeldeverfahren teilnehmen, habe es sich offenbar noch nicht herumgesprochen, dass das Portal mittlerweile online sei, sagt Schulze.

Die zentrale Online-Anmeldung für Betreuungsplätze für Kinder ging nach jahrelanger Verzögerung und viel Kritik vonseiten von Eltern und Politik Ende Januar 2019 an den Start. Von insgesamt 484 Betreuungseinrichtungen für Kinder in der Stadt sind zunächst 59 dabei: alle städtischen Einrichtungen und fast alle aus dem Stadtbezirk Döhren-Wülfel. Bei allen anderen Trägern – Kirchen, Wohlfahrtsverbänden, Elterninitiativen – läuft die Anmeldung zunächst wie bisher telefonisch oder auf Papier. Sie sollen nach Angaben der Stadtverwaltung nach und nach online folgen. jr

Von Jutta Rinas

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