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Aus der Stadt Jobcenter lässt Hartz-IV-Empfänger Malbilder ausfüllen
Hannover Aus der Stadt Jobcenter lässt Hartz-IV-Empfänger Malbilder ausfüllen
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00:15 26.02.2019
Malbilder in einer Jobcentermaßnahme empfindet ein 52-jähriger Hartz IV-Empfänger als entwürdigend. Quelle: Samantha Franson
Hannover

Ein 52-jähriger Hartz-IV-Empfänger musste bei einer Qualifizierungsmaßnahme des Jobcenters Region Hannover Bastel- und Malvorlagen auf Grundschulniveau bearbeiten. Unter den Übungsblättern, die Ralf Stork bei einem Check up im Berufsbildungszentrum Hannover des Stephansstiftes verwendete, befanden sich eine Ausmalvorlage mit einem Bild des Weihnachtsmannes mitsamt Geschenken und ein Ausschneidebild eines Blumenmännchens. In einer schlichten Bastelanleitung für eine Brücke aus vier Bögen Papier werden die Teilnehmer geduzt: „Baut eine Brücke aus dem Material, das Ihr bekommen habt“.

Malbilder sollen angeblich zur Entspannung dienen

Der 52-Jährige – zunächst als Geräteführer im Tiefbau, Putzer und Schweißer, und später mit Unterbrechungen immer wieder als Lagerarbeiter, Inventurhelfer und Regalbestücker für verschiedene Firmen tätig – empfand diese Arbeiten demütigend. „Was soll ein Mensch mit 52 Jahren mit gesundheitlichen Einschränkungen solche Malbilder ausmalen“, fragt er. Das habe er zum letzten Mal vor zehn Jahren mit seiner heute 17-jährigen Tochter gemacht.

Die Maßnahme Check up diene dazu herauszufinden, was die körperlich, seelisch und/oder von der Lernfähigkeit eingeschränkten Menschen beruflich noch machen könnten, erläutert eine Sprecherin der zuständigen Dachstiftung Diakonie. Alle seien lange arbeitssuchend. Für viele sei die zielgerichtete Recherche im Web sehr ungewohnt, die Konzentrationsfähigkeit lasse nach. Da sei das Ausmalen von Mandalas und anderen Bildern eine anerkannte Methode, um zu entspannen. Ausschneide-Übungen oder Feinmotorisches wie der Bau einer Brücke aus Pappe seien Kreativitätstechniken, die selbst in Bauingenieursstudiengängen angewendet würden.

Hartz IV-Empfänger empfindet sie als erniedrigend

Er sei sicher, dass man sinnvollere Arbeiten für ihn hätte finden können, hält der 52-Jährige dagegen. Er leidet unter anderem unter Beschwerden im Bereich der Halswirbelsäule, Ohrgeräuschen und Schwindelgefühlen, will aber „unbedingt arbeiten“. „Pure Erniedrigung“ nennt er die Materialien und bezieht sich mit dieser Formulierung auf einen Tweet, der unlängst beim Kurznachrichtendienst Twitter für Aufregung sorgte. Eine Nutzerin postete ein Papier, das ihre Mutter angeblich in einer Maßnahme für Hartz-IV-Empfänger auszufüllen hatte. Auf dem Arbeitsblatt ging es darum, ob man Wörter mit „z“ oder „tz“ schreibt. Die Frau sprach von „purer Erniedrigung von erwachsenen Menschen“. Blieben die Arbeitslosen jedoch fort, schrieb sie, würden sie mit Sanktionen bestraft.

Der Tweet wurde im Internet heftig diskutiert. Zunächst war unklar, wie weit er der Realität entsprach. Medienberichten zufolge stammte das Arbeitsblatt aber tatsächlich aus einer Qualifizierungsmaßnahme der Bundesagentur für Arbeit und wird sonst im Grundschulunterricht verwendet.

Jobcenter weist Vorwürfe zurück

Ihm sei kein Fall bekannt, in dem Material aus dem Kindergarten- oder Grundschulbereich verwendet werde, sagte ein Sprecher des Jobcenters Region Hannover auf HAZ-Anfrage. Bei der Maßnahme Check up würden Kompetenzen wie selbstständiges Arbeiten, Konzentrationsfähigkeit sowie die Fein- und Grobmotorik geprüft. Falls einzelne Testaufgaben an Materialien in Kindergärten und Grundschulen erinnerten, verfolgten sie doch einen völlig anderen Zweck. Beim Augenarzt oder Optiker müsse man bei der Untersuchung manchmal Buchstaben vorlesen, sagte der Sprecher. Auch das könne an die Grundschule erinnern.

Von Jutta Rinas

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