Mehrere Hundert Menschen haben am Sonnabend in Hannover gegen steigende Mieten und Zwangsräumungen protestiert. Die Hausgemeinschaft der Fliederstraße 5 in der Nordstadt hatte zu dem Protest aufgerufen, um 14 Uhr versammelten sich laut Organisatoren bis zu 800 Menschen an der Lutherkirche. Die Polizei sprach nach Demo-Ende von rund 450 Teilnehmern. „Wir wehren uns gegen den Angriff von Vermietern und Eigentümern“, sagte eine Sprecherin der Hausgemeinschaft. Die Immobilienkonzerne würden „mit dubiosen energetischen Sanierungen“ in Wahrheit beabsichtigen, dass die Mieten in den Gebäuden deutlich anziehen können. An der Fliederstraße bedeute dies eine Steigerung von bis zu 300 Euro. „Wohnraum ist kein Renditeobjekt“, so die Sprecherin.
Der Protestzug lief von der Nordstadt durch die Calenberger Neustadt bis zum Pfarrlandplatz in Linden-Nord. Die Route führte an mehreren Gebäuden vorbei, die ebenfalls der sogenannten Gentrifizierung zum Opfer fallen sollen – das Umwandeln ganzer Quartiere durch Sanierungen und steigende Mieten. „Wir lassen uns nicht einschüchtern, vertreiben oder wegsanieren“, sagte die Sprecherin aus der Fliederstraße. „Das Grundrecht auf Wohnraum ist unantastbar.“ Auf den Protestplakaten standen klare Ansagen wie „Miethaie zu Fischstäbchen“ oder „Keine Rendite mit der Miete“.
Unter anderem auch an der Warstraße (Nordstadt) und Gerberstraße (Calenberger Neustadt) formiere sich laut Demo-Organisatoren derzeit Widerstand gegen Immobilienfirmen. Im ersten Fall soll eine fünfköpfige Familie nach 31 Jahren ausziehen, weil ein Investor Eigenbedarf angemeldet habe. „Der neue Eigentümer geht nicht gerade behutsam vor“, sagte der Redner der Hausgemeinschaft aus der Gerberstraße 6. Es werde sich gewaltsam Zutritt zu Wohnungen verschafft und gegen Absprachen verstoßen, zuletzt sei auch dort Eigenbedarf angemeldet worden. „Aber wir wehren uns.“
Eine Sprecherin des Kiezkollektivs nannte die Gentrifizierung „einen Ausverkauf der Städte“. Hippe Bars und Immobilienkonzerne seien bloß Symptome, nicht aber die Ursache. „Das Problem ist der Kapitalismus.“ Auch an der Minister-Stüwe-Straße in Linden-Mitte werde derzeit ein Haus durch einen Schweizer Investor komplett umgewandelt. „Die Mieten wurden bis an die Grenzen des Erlaubten angehoben“, hieß es seitens der Hausgemeinschaft Fliederstraße. Binnen eines Jahres seien die Kosten um bis zu 52 Prozent gestiegen. Das Ergebnis: Alte Mieter zogen aus, Wohnungen stehen für neue, besser zahlende Bewohner leer. „Immer mehr Menschen werden ins soziale Abseits gedrängt.“ Die Proteste sollen weitergehen. „Diese Demo soll nur ein Anfang sein“, so die Organisatoren. „Die Stadt gehört keinen Miethaien, sondern uns, die hier wohnen.“
Von Peer Hellerling