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Aus der Stadt Kolumbarium in Hannover: Wo die Asche der Toten im Glasregal ruht
Hannover Aus der Stadt

Hannover: Im Kolumbarium Misburg ruhen Urnen in Glasregalen

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20:36 28.01.2020
„Ich bin froh, dass wir uns für das Kolumbarium entschieden haben“: Annemarie Bunning in der Herz-Jesu-Kirche – in einem der Glasregale steht hier die Urne mit der Asche ihres Mannes. Quelle: Samantha Franson
Hannover

Wenn am Freitagabend der Gottesdienst beginnt, fühlt Annemarie Bunning sich ihrem Mann wieder besonders nah. „Ich weiß dann, dass er dabei ist“, sagt die 70-Jährige. Sie sitzt dann bei der Messe in der Bank und hat die Urne ihres Mannes im Blick. Diese steht, beschriftet mit Namen und Lebensdaten des Verstorbenen, in einem der großen, gläsernen Setzkästen in der Herz-Jesu-Kirche in Misburg. Nicht mehr erreichbar, aber doch nicht aus der Welt. Im Gottesdienst sind sie hier wieder vereint, die Lebenden und die Toten.

Bernard Bunning gehörte 2010 zu den ersten, die hier beigesetzt wurden. Vor genau zehn Jahren wurde die katholische Kirche zum ersten Kolumbarium Norddeutschlands umgebaut, zu einer Urnenbegräbniskirche also. „Unsere Kinder wohnen weit entfernt und können sich nicht um die Grabpflege kümmern“, sagt Annemarie Bunning. Ihrer Familie geht es wie vielen. Mobilität ist ein Zeichen unserer Zeit; da bietet ein Kolumbarium pflegeleichte Gräber für die globalisierte Welt. „Eigentlich wollten wir eine anonyme Bestattung“, sagt Annemarie Bunning, „aber dann hörten wir in einem Vortrag von dem Kolumbarium.“

Briefe an den verstorbenen Opa

Sie kommt oft aus Barsinghausen hierher, um eine Kerze anzuzünden. In der Mitte der Kirche steht der „Schrein der Erinnerung“, eine riesige Holzbox mit Schlitzen. Hier können Angehörige symbolisch Briefe an ihre Verstorbenen einwerfen. Sollte der Kasten irgendwann voll sein, werden die Briefe ungelesen im Osterfeuer der Gemeinde verbrannt. Auch Annemarie Bunnings Enkelkinder haben hier Briefe an ihren verstorbenen Opa deponiert. „Ich bin froh, dass wir uns für das Herz-Jesu-Kolumbarium entschieden haben“, sagt sie.

Norddeutschlands erstes Kolumbarium: Die Herz-Jesu-Kirche in Misburg. Quelle: Samantha Franson

Vor mehr als zehn Jahren hatte dem denkmalgeschützten Gotteshaus die Schließung gedroht. Dann beschloss die St.-Martin-Gemeinde, zu der die 1905 erbaute Herz-Jesu-Kirche gehört, diese für 500 000 Euro umzubauen. Da in Kirchen grundsätzlich ein Bestattungsverbot gilt, ist seither nur noch der Altarraum als Kirche geweiht, die Seitenschiffe mit den Urnenwänden gelten offiziell als Friedhof. Damals war der Widerstand in der Gemeinde groß. Kritiker fürchteten, dass die Kirche als Totenort zum toten Ort werden könnte. Inzwischen haben einige der Skeptiker sich selbst hier beisetzen lassen.

So sieht es im Kolumbarium aus

„Seit wir ein Kolumbarium sind, haben wir mehr Besucher als vorher“, sagt Johannes Kollenda, der Geschäftsführer der Urnenkirche. Die Gottesdienste hier sind gut besucht, es gibt Konzerte und sogar Kabarettveranstaltungen. Wenn Menschen sich mit dem eigenen Tod beschäftigten, trieben sie meist zwei Fragen um, sagt der 56-Jährige: Was kommt danach? Und: Wird sich in dieser Welt jemand an mich erinnern? „Das Gefühl, in einem belebten Raum zu sein, mitten im Geschehen, ist für viele da ein großer Trost.“

Wirtschaftlich ein Erfolgsmodell

Wirtschaftlich gesehen ist das Kolumbarium ein Erfolgsmodell. Von 1300 Urnenplätzen sind inzwischen mehr als 600 verkauft. „Es lief von Anfang an besser als gedacht, und die Nachfrage wächst immer weiter“, sagt Kollenda. Ein Urnenplatz für 20 Jahre ist – je nach Höhe im Glasregal – ab 2900 Euro zu haben. Klassische Erdbestattungen sind meist deutlich teurer. „Wenn es so weiter geht, müssen wir uns in drei Jahren ernsthaft Gedanken über eine Erweiterung machen“, sagt Kollenda.

„Es lief von Anfang an besser als Gedacht“: Geschäftsführer Johannes Kollenda. Quelle: Samantha Franson

Die Bestattungskultur befindet sich in einem rasanten Wandel. Der Tod macht die Menschen gleich, doch danach wird es immer individueller: Baumbestattungen boomen seit Jahren, es gibt See- und sogar Weltraumbeisetzungen. Der Markt der postmortalen Möglichkeiten wird immer vielfältiger.

Konventionen verlieren an Verbindlichkeit, das Bedürfnis nach Individualität hingegen wächst: Im Jahr 2017 wurden nur noch 55 Prozent der Verstorbenen kirchlich bestattet – 15 Jahre zuvor lag der Anteil noch bei mehr als 70 Prozent. Bei Traueranzeigen legen Angehörige dafür immer größeren Wert Wert auf eine persönliche Note, es gibt Gedenkwebsites und – zum Leidwesen von Bestattern – auch offensiv beworbene Billigbeisetzungen.

Nicht nur für die Frommen

Für unkonventionelle Bestattungsformen wie in Kolumbarien entscheiden sich nach Studien vor allem überdurchschnittlich gebildete Großstädter, die sich intensiv mit dem eigenen Tod auseinandergesetzt haben. In der evangelischen Nazareth-Kirche in der Südstadt gibt es seit November 2013 bereits Hannovers zweites Kolumbarium. Auch hier sind schon etwa 100 Urnenplätze verkauft: „In jedem Jahr kommen zehn bis zwölf hinzu, Tendenz steigend“, sagt Pastor Dieter Henkel-Niebuhr.

Die Seitenschiffe der Herz-Jesu-Kirche gelten offiziell als Friedhof. Dort ruhen die Urnen mit der Asche verstorbener. Quelle: Samantha Franson

Beigesetzt werden in der Nazarethkirche nur Verstorbene, die Getauft waren. Ob sie aus der Kirche ausgetreten waren, ist dabei nicht entscheidend. Bei Beisetzungen wird die Urne dann in einem Akt theologischer Symbolik am Taufstein vorbei getragen: „Der Mensch gehört auch im Tod zu Gott“, sagt der Pastor.

Dabei sind Plätze in Urnenkirchen keineswegs nur bei besonders Frommen gefragt. „Wir hatten eigentlich gedacht, dass vor allem sehr gläubige Menschen in der Kirche bestattet werden wollen, aber religiöse Motive spielen oft gar keine Rolle“, sagt Johannes Kollenda. Für manche Angehörige sei schlicht entscheidend, dass man auch bei schlechtem Wetter zum Grab gehen kann. Und vor allem, dass im Kolumbarium immer ausgebildete Trauerbegleiter ansprechbar sind.

„Manche Besucher weinen, andere nutzen die Gelegenheit, mit uns über ihren Verstorbenen zu sprechen – auch dann noch, wenn andere aus ihrem Umfeld die Geschichten längst nicht mehr hören wollen“, sagt Sylvelin Trzeciok. Die 77-Jährige gehört zu den rund zwei Dutzend ehrenamtlichen Trauerbegleitern im Herz-Jesu-Kolumbarium. Auf Wunsch macht sie Besuchern hier auch leise Musik an, und manchmal nimmt sie Weinende einfach in den Arm.

„Manche weinen“: Sylvelin Trzeciok spricht als Trauerbegleiterin mit Angehörigen. Quelle: Samantha Franson

Inzwischen hätten sich hier Gruppen von Frauen zusammengefunden, die sich verabreden, um die Urnen ihrer verstorbenen Männer gemeinsam besuchen, sagt Sylvelin Trzeciok. Da wird die Gräberkirche zum Treffpunkt. Für sie sei es früher undenkbar gewesen, sich verbrennen zu lassen, sagt die Katholikin. Inzwischen habe sie sich selbst einen Urnenplatz im Kolumbarium gesichert. Sie lacht. „Und eine Urne habe ich mir auch schon ausgesucht.“

Wald, Wasser oder Weltraum: Bestattungsformen werden vielfältiger

Die klassische Erdbestattung im Sarg wird immer seltener: „Der Trend geht zur Feuerbestattung“, konstatiert Wilhelm Lautenbach vom Bestatterverband Niedersachsen. Genaue Statistiken gebe es nicht. Nach Schätzungen von Experten werden jedoch mittlerweile bis zu 80 Prozent der Verstorbenen verbrannt. Dies ist kostengünstiger, und Urnengräber sind oft weniger pflegeintensiv. Urnen können auf Friedhöfen begraben oder – was seltener ist - bei Seebestattungen beigesetzt werden.

Immer beliebter werden Waldbestattungen, wie sie im Ruheforst Deister in Wennigsen, im Friedwald Uetze sowie im Waldfriedhof Sophienhöhe in Springe möglich sind. „Wir sind erfolgreicher als erwartet“, sagt Ralf Schickhaus, Betriebsleiter des 2009 eingerichteten Ruheforsts in Wennigsen. Dort gebe es jährlich rund 900 Beisetzungen von biologisch abbaubaren Urnen. Ein Einzelgrab an einem Baum ist ab 650 Euro zu haben, auf Wunsch werden Namenstafeln am Stamm angebracht.

In Deutschland herrscht prinzipiell Friedhofszwang. Nur in Bremen ist es möglich, dass Angehörige Urnen auch daheim verwahren. Luftbestattungen, bei denen Asche etwa aus einem Heißluftballon verstreut wird, sind in Deutschland ebenso wenig möglich wie die beispielsweise in der Schweiz erlaubten Almwiesenbestattungen, bei denen Asche in den Bergen ausgestreut wird. In anderen Ländern gibt es auch Baumschulen, in denen ausgeführte Asche mit Erde vermengt, mit einem kleinen Baum eingetopft und dann nach Deutschland reimportiert wird.

Eher selten und kostspielig sind „Diamantbestattungen“. Dabei wird – beispielsweise in der Schweiz - ein kleiner Teil der Asche des Verstorbenen zu einem „Erinnerungsdiamanten“ gepresst und wieder importiert. Kostenpunkt: Etwa 4000 Euro. In den USA vermarkten Anbieter wie die Firma Celestis sogar Weltraumbestattungen: Ein winziger Teil der Asche wird in den Orbit geschossen und verglüht beim Eintritt in der Erdatmosphäre (ab 4995 Dollar). Oder er landet für 12 500 Dollar dauerhaft auf der Mondoberfläche. be

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