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Aus der Stadt Wie die unheilbare Krankheit MSA ein Paar aus Hannover auseinander riss
Hannover Aus der Stadt

Hannover: Multisystematrophie: Der lange Weg in den Tod

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19:35 24.06.2019
Ein Foto aus einem Föhr-Urlaub erinnert Michael an seine Frau Sigrid. Quelle: Samantha Franson
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Hannover

Als die ersten Beschwerden auftraten, konnte man immer noch hoffen. Dass diese Unruhe im linken Bein verschwinden würde und diese Müdigkeit, die sie jetzt öfters spürte. Die Ärzte fanden keine Ursache, aber das musste kein schlechtes Zeichen sein. Oft klingen Symptome so plötzlich ab, wie sie auftauchten, und man kommt noch einmal davon. Sigrid Leussner fühlte vor neun Jahren das erste Mal, dass etwas nicht stimmte in ihrem Körper. Sie war 54, liebte das Leben und das Gärtnern, und sie arbeitete gern in ihrem Beruf als Lehrerin an einer Grundschule.

In diesem Februar hat Michael F. seine Frau zu Grabe getragen, er war 64 Jahre alt, als er Witwer wurde. Auf dem Küchentisch in seiner Wohnung steht nun ein gerahmtes Foto von Sigrid Leussner, sie lacht und hat ein Glas Weißwein vor sich. Das Bild ist im Urlaub auf Föhr entstanden, noch in den guten Jahren, sie haben die Insel früh für sich entdeckt. Jeden Tag zündet er eine Kerze an und stellt sie neben das Foto und den kleinen Messingbehälter, der ein wenig ihrer Asche aufbewahrt. Jeden Morgen geht er zur Grabplatte mit ihrer Urne, wo jetzt der Rasen wächst.

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Pflege zu Hause, Tod im Krankenhaus

Es gab dann doch keine Hoffnung. „Sie ist neun Jahre lang gestorben“, sagt Michael F. Er war Musik- und Deutschlehrer, bis ihn eine Lungenoperation in die Frühpensionierung zwang. Michael war selbst geschwächt, als seine Frau Hilfe brauchte, aber nie, sagt er, hätte er sie ins Pflegeheim gegeben. Er stockt manchmal, wenn er von ihr erzählt. Wenn er sich an die letzte glückliche Zeit erinnert, lächelt er aus weichen Augen, aber nur ein wenig, und er weint, als er an ihre letzten gemeinsamen Minuten im Krankenhaus denkt. Er hatte sich vorgenommen, dass sie zu Hause stirbt, doch seine Frau, die 24 Jahre zuvor beim Kaffeetrinken in der List ein Auge auf ihn geworfen hatte, verlor ihre Kraft.

Sigrid Leussner litt an einer Sonderform der Multisystematrophie, MSA-P. Die Krankheit ist unheilbar und wenig verbreitet, unter 100.000 Menschen bekommt sie kaum eine Handvoll Patienten. Verkürzt gesagt funktionieren Teile des Kleinhirns nicht mehr. In der Folge werden Muskeln steif, die Körperhaltung verändert sich, was die Beweglichkeit stark einschränkt. Der Gang wird unsicher und die Sprache langsam und schleppend. Parkinson, sagten Neurologen zunächst.

Einige schlimme Jahre später wünschte sich Michael F., dass es doch nur dabei geblieben wäre. Er hat den allmählichen körperlichen Verfall seiner Frau auf einigen Seiten aufgeschrieben, Fotos gemacht und kurze Videos gedreht. 2016 hat er als das Jahr in Erinnerung, in dem die Hölle losbrach. Ihre Lippen wurden immer öfter taub, was zu Speichelfluss führte, trinken wurde immer schwieriger. Seine Frau konnte kaum noch aufrecht sitzen. Sigrid Leussner war bei vollem Bewusstsein, aber weil sie immer undeutlicher sprach, hatte Michael Probleme zu verstehen, was sie sagen wollte. „Man musste tausendmal hinhören, es machte endlose Mühe, doch es ging.“ Nur wirkliche Gespräche waren es nicht mehr. Sigrid war noch da, aber anders.

Ein Lied von Rio Reiser

Die MSA-P war erbarmungslos. Darm und Blase funktionierten nicht mehr richtig. Das Atmen fiel Sigrid Leussner schwerer. Ihr Kopf neigte sich nach vorn, was Essen und Trinken zu stundenlangen Prozeduren werden ließ. Stürze häuften sich. Manchmal war Michael im Nebenzimmer, dann hörte er ein Geräusch, „und es rummste wieder“. Er hat 200 Stürze auf Fotos festgehalten, ihre Blicke danach und die Flecken auf ihrem Körper. Medikamente schlugen nicht recht an, Krankheit und Niedergang waren nicht aufzuhalten. Eine der letzten Notizen stammt aus dem Juli 2018: „Deutliche Verschlechterung des Gesundheitszustandes, nur noch Aufnahme pürierter Kost möglich, Gewicht 40 kg, Augen häufig nur mit Hilfe der Finger zu öffnen, kaum wach zu bekommen, häufig komatöser Zustand, Stimme teilweise nur noch ein Hauch“.

Sigrid Leussner starb morgens um 5.15 Uhr. Sie lag im Einzelzimmer, in dem auch Michael ein Bett hatte. Er war dort, und wie jeden Tag spielte er ihr Lieder vor, die ihr gefielen. An diesem 13. Februar, ihrem Todestag, vergaß er ihr liebstes Stück, Rio Reisers „Halt dich an deiner Liebe fest“. Die dritte Strophe gefiel Sigrid besonders. In seiner Küche spricht Michael den Text: „Wenn der Novemberwind deine Hoffnung verweht/ und du bist so müde, weil du nicht mehr weißt, wie's weitergeht,/ wenn dein kaltes Bett dich nicht schlafen lässt:/Halt dich an deiner Liebe fest.“

Nach dem Tod ist Michael F. klarer geworden, was er vorher schon wusste. „Es ist alles so egal, ob man dick ist oder dünn, oder was man für Klamotten anzieht, wichtig ist allein der Mensch.“ Neu ist dieses Gefühl, betrogen worden zu sein. Er weiß nicht, wer ihn betrogen hat, aber wenn er ältere Ehepaare auf der Straße spazieren sieht, dann spürt er noch einmal, welche Lücke in seinem Leben entstanden ist. „Ich bin neidisch auf diese Paare, weil wir beide keinen gemeinsamen Lebensabend haben werden.“

Keine Zeit zum Ausruhen

Michael wirkt selbst erschöpft. Während der Pflege kam er sich oft vor wie im Gefängnis. Er ist kein Held, sondern ein Mensch, der auch einmal aus dem Haus wollte, in der Wohnung hatte er keine Zeit zum Ausruhen, immer konnte etwas passieren mit Sigrid. Er sagt, er habe seine Verzweiflung für sich behalten. „Ich dachte immer: Ich schaff' das, ich schaff' das.“ Seine Idee war, mit Angehörigen zu reden, die Erfahrung mit dieser Krankheit hatten, doch er fand niemanden. Jetzt würde er gern selbst Menschen helfen, die MSA-P-Kranke pflegen.

Was ihm in Erinnerung bleiben wird, ist die Haltung, mit der seine Frau ihr Leiden ertrug und akzeptierte. Für einen kurzen Moment hatten sie überlegt, dem Elend, das ihr noch bevorstehen würde, mit einem Giftbecher zu entrinnen. Sie bekam Angst vor dem Tod und einem qualvollen Sterben. Aber Michael hielt das für einen furchtbaren Gedanken: mit einem Menschen, den man liebt, in die Schweiz zu fahren und allein zurückzukommen.

Doch Michael kann sich über alle neun Jahre hinweg an kein Klagen und Hadern seiner Sigrid erinnern. Nur einmal habe sie ein Wort über ihren Zustand gesagt. Ein Wort, das wohl einbezog, was hinter ihr lag, was noch kommen würde und was eine Zukunft mit Michael betraf, eine Zukunft, die es nicht geben würde. Sigrid Leussner sagte: „Schade.“

Von Gunnar Menkens