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Aus der Stadt Polizei im Interview: Ist der Kampf gegen die Drogenszene zu gewinnen?
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Hannover: Polizei im Interview: Ist der Kampf gegen die Drogenszene zu gewinnen?

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06:00 25.05.2019
Dirk Hallmann, Leiter der Polizeistation Raschplatz (l.), und Philip Weinmann, Leiter des Kriminalermittlungsdienstes. Quelle: Tim Schaarschmidt
Hannover

Dirk Hallmann (59) ist Leiter der Polizeistation am Raschplatz. In seine Zuständigkeit fällt Mitte, der Stadtteil mit den meisten Drogendelikten. Philip Weinmann (35) ist Leiter des Kriminalermittlungsdienstes bei der Polizeiinspektion Ost. Die Behörde ist für den Vahrenwalder Platz und den Vahrenheider Markt zuständig, die ebenfalls ein starkes Drogenproblem haben.

Herr Hallmann und Herr Weinmann, wie dürfen wir uns Ihre alltäglichen Begegnungen mit Drogendealern vorstellen?

Hallmann: Es ist schon so, dass man sich nach einer gewissen Zeit gegenseitig erkennt. Aber gerade bei den albanischen Drogendealern muss man ganz klar sagen, dass es dort eine relativ hohe Fluktuation gibt. Sie besitzen dreimonatige Aufenthaltserlaubnisse und sind dann in der Regel auch wieder weg, sodass wir uns immer wieder an neuen Nachwuchs gewöhnen müssen.

Könnten Sie keine Einreiseverbote verhängen?

Hallmann: Man kann zwar Aufenthaltsverbote verhängen, aber in Albanien bekommt man beispielsweise schon für 50 Euro neue Ausweisdokumente – und kann damit quasi mit einer neuen Identität wiederkommen.

Ist das nicht frustrierend?

Hallmann: Erfolg haben wir schon. Allein bei der Polizeistation Raschplatz haben wir zusammen mit der Staatsanwaltschaft und den Ausländerbehörden im vergangenen Jahr mehr als 100 beschleunigte Verfahren eingeleitet und 35-mal Untersuchungshaft beantragt. Das funktioniert schon sehr gut. Es ist trotzdem eine Arbeit gegen Windmühlen, weil in Albanien ein großes Rekrutierungsangebot vorhanden ist.

Wie ist die Drogenszene überhaupt aufgeteilt?

Weinmann: Wir haben keine Erkenntnisse über Absprachen. Die Täterschaft ist sehr breit. Natürlich haben wir neben dem organisierten Bereich auch die Drogenproblematik bei ortsansässigen Personen, die in den Handel einsteigen, um sich selbst ihre eigene Sucht zu finanzieren.

Hallmann: Die Albaner sind im Kokainbereich sehr stark vertreten, machen aber auch Marihuana-Geschäfte. Häufig kann man diese Waren nicht voneinander trennen. Ein Beispiel: Im vergangenen Jahr haben wir fünf Albaner festgenommen und quasi als Zufallsfund 105 Kilogramm Marihuana sichergestellt. Wir waren aber eigentlich auf Kokain aus.

Am Vahrenwalder Platz beklagen Geschäftsleute,
dass vor ihren Läden offen Drogen verkauft werden
. Am Vahrenheider Markt ging das Dealen schon wenige Stunden
nach der Großrazzia
weiter. Und in den Blumenkübeln der Eisdiele am Steintor liegen nahezu jeden Morgen Spritzen. Da gibt es immer wieder den Vorwurf, die Polizei unternehme nichts.

Weinmann: Diese Problematik des Sicherheitsgefühls sehen wir. Tatsächlich ist es aber so, dass wir uns in diesen Schwerpunktbereichen ganz deutlich aufhalten. Wir versuchen natürlich auch, den Kontakt zu den Bürgern und den dort ansässigen Geschäftsleuten zu halten. Gleichzeitig werten wir unsere Erkenntnisse aus und entwickeln daraus Maßnahmen. Das ist schon ein breites Spektrum, beispielsweise durch starke Präsenz des Einsatz- und Streifendienstes.

Aber mehr Streifenwagen sind doch keine Lösung.

Weinmann: Wir führen auch offene Kontrollen und operative Maßnahmen durch. Gleichzeitig sind wir aber auf solche Signale aus der Bevölkerung angewiesen. Die sind absolut wichtig und werden definitiv ernst genommen. Wir müssen aber auch dafür sorgen, dass wir beweiskräftige Ermittlungen führen. Natürlich könnten wir sehr offen präsent sein. Dann hätten wir möglicherweise aber nur einen Verdrängungseffekt. Das ist nicht unser Ziel.

Hallmann: Wir schlafen ja auch nicht auf dem Baum. Wir haben Ermittlungsgruppen, die sich auf die Betäubungsmittelkriminalität spezialisiert haben. Dass diese Profis aber nicht mit einem Handwischer die Drogenproblematik in Hannover klären können, ist auch klar. Unser Ziel ist es aber, dass die Täter sich nie sicher fühlen.

Die Betroffenen haben Fotos, kennen Autokennzeichen und sogar die Läden, die als Hauptquartiere dienen. Wieso wird dieses Wissen nicht genutzt?

Hallmann: Wenn man am Hochbahnsteig Menschen stehen sieht, die irgendwie komisch aussehen, das ist das eine. Da aber eine beweiskräftige Festnahme hinzulegen, ist das andere. Dafür bedarf es einer taktischen und klugen Vorgehensweise. Die Ermittler, die da tätig sind, wissen, was sie tun. Die albanischen Dealer beispielsweise arbeiten quasi wie Handwerker auf Montage. Sie verhalten sich wirklich völlig normal und unauffällig, damit die Geschäfte vernünftig laufen. Das soll auch die Arbeit der Polizei erschweren.

Viele Anwohner sind dennoch ernüchtert. Wie wollen Sie dem entgegentreten?

Hallmann: Es ist immer so, dass man die Polizei nie sieht, wenn sie da sein sollte – und dann ist sie immer da, wenn man sie gerade nicht gebrauchen kann. Wir können leider nicht 24 Stunden lang an jedes Geschäft einen Schutzmann stellen. Selbst die Schwerpunktbereiche können wir nicht ständig unter Dampf halten. Wir versuchen aber, zu den richtigen und klugen Zeiten Kräfte dazuhaben – oft auch in zivil. Wir sind jeden Tag unterwegs, auch wenn man uns das vielleicht nicht glaubt.

2018 gab es in Hannover erstmals mehr als 5000 Drogendelikte. Das erweckt den Eindruck, die Polizei steht auf verlorenem Posten.

Weinmann: In Teilen sind diese Zahlen auch der Ausfluss unserer polizeilichen Arbeit. Dieses Feld ist abhängig davon, wie stark und intensiv unsere Kontrollen sind. Das heißt: Dieser Anstieg ist ein Erfolg unserer Ermittlungen.

Hallmann: Je mehr man reinguckt, desto mehr findet man auch. Es ist ein sogenanntes Hole-Delikt: Wir holen es uns. Wenn wir nicht kontrollieren würden, hätten wir keine Rauschgiftkriminalität in Hannover.

Stadtweit gibt es
Schwerpunktkontrollen an Partywochenenden oder vor Feiertagen
. Das spricht sich doch herum.

Hallmann: Es gibt immer Dealer, die das Risiko eingehen – weil es durchaus ertragreich ist. Es sind etwa 30 Euro pro Kokskugel. Und an einem Tag liegt die verkaufte Menge manchmal schon im mittleren zweistelligen Bereich. Das ist natürlich nur geschätzt, aber in Hannover geht es um mehrere Millionen Euro.

Interessiert es die Drogendealer überhaupt, was Sie gegen sie unternehmen?

Hallmann: Es gibt sehr viele Drogendealer, die ganz arm dran sind. Da sind Menschen, die beispielsweise aus Albanien hierher kommen und zu Hause unter Druck stehen. Die müssen liefern. Sie sind zum Teil sehr eingeschüchtert von den oberen Strukturen – weniger von uns. Manchmal hat man deshalb bei Festnahmen fast das Gefühl, die sind erleichtert, nach Hause abgeschoben zu werden.

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