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Aus der Stadt Kunstvolle Zwischennutzung: So gruselig sind die Stücke in Bunker und ehemaliger Schule
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Hannover: Theater in verlassenen Gebäuden: So gruselig sind die Theaterstücke im Bunker am Weidendamm und der Paul-Dohrmann-Schule

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09:12 27.11.2019
Die ehemalige Paul-Dohrmann-Schule in Burg wird zur Kulisse für das Stück „Dark Ride“ mit dem Orchester im Treppenhaus. Quelle: Moritz Küstner
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Nordstadt/Burg

Die Frau trägt nichts als ein einfaches Kleid, dessen Saum in den mit Stoff belegten Boden übergeht, auf dem die Zuschauer stehen. Sie spricht über die Psychologie von Selbstmördern. So anschaulich, dass es fast attraktiv erscheint, einen Ausgang aus dem Dasein immer als Option im Hinterkopf zu haben. Dabei verzehrt sie geradezu ekstatisch eine Wassermelone. Die Frucht ist das einzig Farbige der Szene. Das liegt auch daran, dass sie in einem Bunker spielt: dem am Weidendamm 44/Ecke Kopernikusstraße.

Schnitzeljagd durch den Rundbunker: Das Ensemble Theater Erlebnis zeigt sein Stück „Experiment Einsamkeit“ im Bunker am Weidendamm in der Nordstadt. Quelle: Navid Bookani

Das Ensemble Theater Erlebnis hat für den Bunker sein Stück „Experiment Einsamkeit“ geschaffen – eine wilde Collage, sehr frei nach Hermann Hesses Roman „Steppenwolf“. Die Theatermacher schicken das Publikum auf eine Art Schnitzeljagd durch den Bunker. In den fensterlosen Parzellen des mächtigen Baus warten immer neue Überraschungen: Performances von Körpern, die nach Nähe suchen, ein Raum voller Bilder, die Einsamkeit ausdrücken, eine Frau, die vergeblich versucht, sich in blinden Spiegeln zu erkennen – oder unerträgliches Geschrei Verzweifelter. Der Star des Abends aber bleibt stumm: Es ist der Bunker.

Beklemmende Atmosphäre

In monatelanger Vorbereitung hat das Ensemble das Betonmonster präpariert. In der größten Sommerhitze schleppten die Theaterleute schubkarrenweise Dreck und Müll aus seinem dunklen Inneren. Irgendwann hatte der Eigentümer ein Einsehen und legte Strom in den Bau, erzählt Inka Grund von Theater Erlebnis. Die beklemmende, kalte Atmosphäre in dem engen, verwinkelten Ungetüm aus Beton, Stahl und grauer Farbe nutzt das Ensemble mit großer Kreativität, um die Facetten von Einsamkeit zu inszenieren. Doch die Tage des Bunkers als Theaterspielort sind gezählt.

Hermann Hesses „Der Steppenwolf“ hat die Theatermacher zu dem Abend zwischen Performance, Installation und Schauspiel Quelle: Navid Bookani

Im Bunker entsteht 2021 ein Musikmuseum

Die Deutsche Rockmusik-Stiftung hat das Gelände gekauft und plant, hier eine Art Museum zur Geschichte und Zukunft der Musiktechnik zu errichten. Dafür ist der Bunker fest eingeplant. In der vergangenen Woche hat der Haushaltsausschuss des Bundestages beschlossen, insgesamt 5,6 Millionen Euro Fördermittel bereitzustellen. „Eine Million Euro mehr als ursprünglich geplant“, freut sich die SPD-Bundestagsabgeordnete Yasmin Fahimi, die das Projekt unterstützt. Holger Maack vom Musikzentrum hofft nun auf Hilfe der Stadt, um eine Finanzierungslücke von 200 000 Euro zu schließen – dann könnte voraussichtlich 2021 mit dem Bau begonnen werden. Vielleicht lässt dieser Zeitplan dem Theater Ensemble noch die Zeit für eine neue Inszenierung im kommenden Jahr.

Horrortrip in ehemaliger Paul-Dohrmann-Schule in Burg

Der Bunker Weidendamm ist nicht der einzige verlassene Ort, der in den vergangenen Wochen als Kunstprojekt bespielt wurde. Das Theater im Treppenhaus hat in der ehemaligen Paul-Dohrmann-Schule in Burg eine ideale Kulisse für sein Stück „Dark Ride“ gefunden. Hier liefern die verblichene Sterilität der ehemaligen Unterrichtsräume, die morbide 70er-Jahre-Sachlichkeit des Gebäudes und der Geruch von Linoleum eine Projektionsfläche, die die Düsternis der Inszenierung aufsaugt.

Horrotrip im Klassenzimmer: Das Theater im Treppenhaus zeigt das Quelle: Moritz Küstner

Laborkittel und Gasmaske, beleuchtet von flackerndem Neonlicht und untermalt vom dunklen Klangteppich des Orchesters: Fertig ist der Horrortrip. Ende Oktober spielte das Ensemble dort seine vorerst letzten Vorstellungen, von denen etliche ausverkauft waren.

Kunstvolle Zwischennutzung: Der Bunker am Weidendamm in Hannovers Nordstadt und die Paul-Dohrmann-Schule in Burg werden zum Spielort für Theater und Orchester.

Transition Town will Zentrum für Klimaschutzinitiativen einrichten

Demnächst will der Verein Transition Town in dem Gebäude ein Zentrum für Klimaschutzinitiativen einrichten. Bis April dieses Jahres nutzte die Stadt die ehemalige Förderschule als Unterkunft für Roma-Familien. Seither stand das Gebäude leer. Derzeit wird die Schule in ein Bildungszentrum gegen die Auswüchse der Konsumgesellschaft umgebaut – Transition-Town-Macher Thomas Köhler nennt es Ecovillage. Schon jetzt treffen sich Gruppen wie Fridays for Future, Extinction Rebellion und Ende Gelände hier. Der Nutzungsvertrag zwischen Transition Town und der Stadt gilt zunächst bis Juni 2020.

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Von Rüdiger Meise

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