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Aus der Stadt Ein politischer Sportsmann: Hannover trauert um Olympiasieger Horst Meyer
Hannover Aus der Stadt

Hannover: Trauer um Ruder-Olympiasieger Horst Meyer

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21:18 27.01.2020
Ein engagierter Sportsmann: Horst Meyer starb mit 78 Jahren. Quelle: Frank Wilde
Hannover

Er galt als einer der erfolgreichsten Ruderer der Welt. Seine sportlichen Erfolge waren legendär. Und er war als kluger Vertreter eines aufgeklärten, politisch engagierten Bürgertums eine Größe in Hannovers Stadtgesellschaft. Jetzt ist Horst Meyer überraschend im Alter von 78 Jahren gestorben. Der promovierte Betriebswirt wollte am Wochenende seinen Heimflug von den Kanaren nach Hannover antreten, als er auf dem Flughafen zusammenbrach und wenig später im Krankenhaus starb. Mit seiner Ehefrau Jutta Meyer-Siebert besaß er eine Ferienwohnung auf Lanzarote.

Meyer, geboren in Hamburg-Harburg, gehörte seit 1962 zum Achter des Ratzeburger Ruderclubs, der siebenmal in Folge deutscher Meister wurde. Die Liste von Meyers sportlichen Erfolgen ist lang: Im Achter wurde er 1962 Weltmeister, 1963 und 1964 folgten Europameistertitel. Bei einer kompletten Neubesetzung behielt Meyer seinen Posten als Schlagmann und wurde so noch zweimal Europameister und 1966 erneut Weltmeister.

Triumph beim „Mythos von Mexiko

Höhepunkt seiner Karriere war jedoch der Sieg bei den Olympischen Spielen 1968, der später als „Mythos von Mexiko“ legendär wurde. Nach einer dramatischen Aufholjagd siegten die Deutschen knapp vor Australien. Meyer und drei weitere Mannschaftskameraden waren so erschöpft, dass sie im Ziel kollabierten. Es sollte fast eine Dreiviertelstunde dauern, bis sie zur Übergabe der Medaillen wieder auf den Beinen waren.

Der Gold-Achter von 1968: Horst Meyer steht ganz links. Quelle: Wohlfahrt / HFR

Dem Olympiasieg waren Querelen zwischen Trainer Karl Adam und Meyers Mannschaft vorausgegangen. „Wir wollten keine Befehlsempfänger sein“, sagte Meyer später dazu. Er gehörte einer neuen Generation von Sportlern an, die selbstbestimmt agieren wollten. Sein Ideal war der mündige Athlet. Dass Meyer und sein Team vier Jahre darauf bei der Eröffnung der Olympischen Spiele in München die Fahne ins Stadion tragen durften, war auch so etwas wie die Ehrung jenes Geistes, für den Sport eben mehr war als Leibesertüchtigung.

In seiner Wahlheimat Hannover war der mit zahlreichen Preisen geehrte Weltklassesportler auch nach dem Ende seiner Karriere gern auf dem Maschsee unterwegs, seinem Lieblingsort in der Stadt. Er war Mitglied im Hannoverschen Ruder Club, und er konnte rasch ins Schwärmen geraten, wenn er von stillen, morgendlichen Momenten auf dem See sprach und vom ruhigen Gleiten über das Wasser.

Ein intellektueller Aktivist

Bei alledem war Meyer, gelernter Maschinenschlosser, studierter Diplom-Ingenieur und promovierter Betriebswirt, ein durch und durch politischer Mensch: Meyer, der in Hannover dem intellektuellen Kanapee-Kreis angehörte, engagierte sich nicht nur für die Stiftung Deutsche Sporthilfe und im Nationalen Olympischen Komitee. Als streitbarer Aktivist kritisierte er auch den Boykott der Olympischen Spiele 1980 in Moskau.

In den Neunzigern war er dann als Sonderbeauftragter der Landesregierung an der Vorbereitung der Expo beteiligt. Und um die Jahrtausendwende organisierte er die Olympiabewerbung seiner Geburtsstadt Hamburg. Unaufgeregte Überzeugungsarbeit und das beharrliche Bohren dicker Bretter zählten zu den Stärken des ebenso ruhigen wie eloquenten Mannes.

In Hannover traf sich das Olympia-Team 2014 am Maschsee – mit Meyer und Tiersch, der nun als ZDF-Meteorologe bekannt ist. Quelle: Tobias Kleinschmidt

Auch als Unternehmensberater hatte Meyer, der in der List lebte, Erfolg. So gelang es ihm Anfang der Neunzigerjahre, die Firma Krupp Industrietechnik in Brink-Hafen mit rund 200 Mitarbeitern vor dem Aus zu retten.

Eine Lebensaufgabe fand er in seinen letzten Jahren darin, die Erinnerung an die NS-Zeit aufrechtzuerhalten. Meyer engagierte sich im Netzwerk Erinnerung und Zukunft, unter anderem drängte er auf die Einrichtung eines Lernortes zur NS-Zeit in Hannover, der jetzt im Zeitzentrum Zivilcourage in der früheren Volkshochschule am Friedrichswall realisiert wird. Er initiierte auch die Gedenktafel, die im vergangenen August zur Erinnerung an die Zwangsarbeiter vor den früheren Sichel-Werken in Limmer installiert wurde.

„Er hat sich immer wieder und mit Nachdruck ehrenamtlich engagiert gegen Versuche, die dunkelsten Kapitel in der deutschen Geschichte zu verdrängen oder umzuschreiben“, so würdigte Hannovers Oberbürgermeister Belit Onay den Verstorbenen. „Die Landeshauptstadt Hannover trauert um einen großartigen Menschen, einen zielstrebigen und erfolgreichen Sportler und um einen aufrechten und gradlinigen Demokraten.“

Dass es gelte, aus der Geschichte für die Zukunft zu lernen, war Meyers Credo; daran arbeitete er ebenso liebenswürdig wie beharrlich – und mit einer sportlichen Fairness, die der Stadt fehlen wird.

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