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Aus der Stadt Trickbetrüger aus Langenhagen muss in Haft
Hannover Aus der Stadt Trickbetrüger aus Langenhagen muss in Haft
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08:00 06.03.2019
Der Angeklagte und seine Verteidiger Jürgen Meyer und Michael Gubitz (r.) Quelle: Thomas Geyer
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Kiel

Er war der verlängerte Arm der Drahtzieher, die von türkischen Callcentern aus wohlhabende Senioren in Norddeutschland mit dem Polizeitrick massiv unter Druck setzten: Wegen gewerbsmäßigen Bandenbetrugs in zwei Fällen verurteilte das Kieler Landgericht am Mittwoch einen 26-jährigen Mann aus Langenhagen zu vier Jahren und vier Monaten Freiheitsstrafe.

Nach Überzeugung der Strafkammer war der ehemalige Betreiber eine Shisha-Bar in Hannover im März 2018 wesentlich an Planung und Ausführung der Taten beteiligt, die ältere Menschen im Kieler Villenviertel Düsternbrook um Goldbarren, Schmuck und Bargeld im Wert von rund 220.000 Euro brachten. Nach teilweise tagelangem Telefonterror hatten die Geschädigten ihre Wertsachen an falsche Polizeibeamte übergeben – in dem gezielt erweckten Irrglauben, dadurch ihr Hab und Gut zu retten.

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Drahtzieher der Trickbetrüger in der Türkei

Laut Urteil hatten die von Izmir aus operierenden Anrufer in akzentfreiem Deutsch zwei Varianten der Masche angewendet, um ihre Opfer in Angst und Schrecken zu versetzen. Im ersten Fall spiegelten sie einer Millionärswitwe (84) vor, die Polizei habe in der Nähe ihrer Villa einen Zettel mit Daten ihres verstorbenen Mannes gefunden. Daraus gehe hervor, sie sei Zielperson eines geplanten Raubes durch bulgarische Einbrecher.

Die verängstigte Seniorin vertraute den Anrufern Informationen über Menge und Qualität ihres Schmucks an und händigte sieben Stunden später einem falschen Polizeibeamten Goldschmuck im Wert von 140.000 Euro aus. Im zweiten Fall glaubte ein wohlhabendes Kieler Seniorenpaar an das Szenario, der Inhalt seines Bankdepots sei in akuter Gefahr.

Angeklagter zeigt Reue

Ihnen spiegelte der Anrufer vor, in der Sparkasse treibe eine korrupte Mitarbeiterin ihr Unwesen. Die Frau sei einem Straftäter hörig, stehle Wertsachen aus Kundenschließfächern und ersetze diese durch Imitate. Der falsche Polizeibeamte erklärte, die Ermittler müssten sich davon überzeugen, ob sie bereits zu den Geschädigten gehörten. Dazu müsse man den Inhalt des Schließfachs prüfen. So wanderten Goldbarren und Krügerrand-Münzen im Wert von 82.000 Euro in die Hände der Betrüger.

Der im Kern geständige Angeklagte hatte am Mittwoch vor der Urteilsverkündung in Anwesenheit des geschädigten Kieler Paares erneut Reue gezeigt. „Ich wollt mich nochmal entschuldigen, es tut mir nochmal von Herzen leid“, sagte er. Kommentar eines Opfers: „Ich denke, er will ein mildes Urteil haben.“

Auftakt für Reihe von Verfahren

Die Anwälte des 26-Jährigen hatten auf eine milde Bewährungsstrafe wegen Beihilfe und eine Therapie für ihren angeblich drogenabhängigen Mandanten plädiert. Sie wollen jetzt Rechtsmittel prüfen. Doch die Kammer glaubte nicht an eine untergeordnete Rolle des Angeklagten im Bandengefüge und sah keine Grundlage für eine Strafmilderung wegen Suchtdrucks. Im Strafmaß blieb sie nur zwei Monate unter der Forderung des Staatsanwalts.

Nach Mitteilung eines Gerichtssprechers ist das Urteil der Auftakt einer Serie ähnlich gelagerter Verfahren um den inflationär angewendeten Polizeitrick. Derzeit müssen sich in einem Parallelprozess drei ebenfalls aus Langenhagen stammende Männer verantworten. Im Mai beginnt eine dritte Verhandlung gegen zwei mutmaßliche Komplizen des verurteilten Täters, die teilweise ebenfalls Geständnisse ablegten.

Von Thomas Geyer

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