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Aus der Stadt Mordverdächtiger wird wohl nicht ausgeliefert
Hannover Aus der Stadt Mordverdächtiger wird wohl nicht ausgeliefert
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06:00 04.02.2019
Shilan H. wurde im März 2016 auf einer jesidischen Hochzeit vor den Augen von 300 Gästen erschossen. Quelle: Uwe Dillenberg
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Dohuk/Hannover

Der mutmaßliche Mörder von Shilan H. wird vermutlich nicht nach Deutschland ausgeliefert. Das ergab eine Anfrage der HAZ beim Bundesjustizministerium in Berlin. Der Verdächtige Sefin Nahmann P. wurde im Oktober vergangenen Jahres im irakisch-türkischen Grenzgebiet gefasst, seitdem befindet er sich in einem Gefängnis in der Provinzhauptstadt Dohuk. Der 24-Jährige soll im März 2016 seine 21-jährige Cousine bei einer Hochzeitsfeier in Hannover-Vahrenheide erschossen haben und anschließend ins Ausland geflohen sein.

Der Grund für die gescheiterte Rückführung: „Es gibt kein Auslieferungsabkommen mit dem Irak“, sagt ein Sprecher des Bundesjustizministeriums. Auch die Staatsanwaltschaft Hannover wartet seit inzwischen mehr als drei Monaten auf Neuigkeiten in dem Fall. „Es gibt keinen neuen Stand“, sagt Oberstaatsanwalt Thomas Klinge. Da es sich um die Auslieferung eines Verdächtigen aus einem Nicht-EU-Land handelt, erschwert dies die Verhandlungen und der Schriftverkehr muss auf Staatsebene stattfinden. Den konkreten Fall will das Bundesjustizministerium nicht kommentieren.

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Eigenes Verfahren im Irak?

Nach HAZ-Informationen kommt aber erschwerend hinzu, dass der Irak eigene Staatsbürger ohnehin nicht ausliefert – wie auch Deutschland. Auch Shilan H. besaß neben dem deutschen einen irakischen Pass. Es besteht daher die Möglichkeit, dass die dortigen Strafverfolgungsbehörden ein eigenes Strafverfahren einleiten. Ob dies seitens des Iraks geplant ist, ist noch nicht bekannt. Ein weiteres Problem: Sefin Nahmann P. wurde im kurdischen Teil des Staates gefasst. Dort hat die Zentralregierung in Bagdad nur bedingten Einfluss.

Der Verdächtige soll Shilan H. am Abend des 13. März 2016 ermordet haben. Beide waren zu Gast auf einer jesidischen Hochzeitsfeier am Alten Flughafen, als der damals 22-jährige P. unvermittelt die tödlichen Schüsse abfeuerte. Die 21-Jährige soll sich demnach zuvor geweigert haben, mit ihm zwangsverheiratet zu werden. Nach dem Attentat soll ein Cousin P.s dem Schützen dabei geholfen haben zu fliehen – der Wagen wurde kurz nach den Schüssen auf der Vahrenwalder Straße geblitzt. Vom Komplizen fehlt auch fast drei Jahre nach dem Mord jede Spur.

Als P. im Oktober vergangenen Jahres im irakischen Elternhaus von kurdischen Peschmerga-Truppen festgenommen wurde, zeigte sich Shilans Familie „erleichtert und froh“. Ihr Vater Ghazi H. weilte zu dem Zeitpunkt in Bagdad und hatte die Festnahme begleitet. Anfangs gab es bloß lokale Medien, die über die Festnahme P.s berichteten Die Staatsanwaltschaft Hannover konnte dies erst Tage später offiziell bestätigen. Türkische Berichte, wonach sich der international Gesuchte diversen Schönheitsoperationen unterzogen hatte, um seinen Verfolgern zu entfliehen, bezeichnete Ghazi H. gegenüber der HAZ als „Quatsch“. P. hatte lediglich einen Vollbart.

Auslieferung weiter möglich

Eine Auslieferung ist aber noch nicht gänzlich vom Tisch. In den „Richtlinien für den Verkehr mit dem Ausland in strafrechtlichen Angelegenheiten“ des Bundesjustizministeriums steht zum Irak unter Rechtshilfe: „Der sonstige Rechtshilfeverkehr auf vertragsloser Grundlage erscheint nicht ausgeschlossen.“ Beide Staaten könnten sich demnach außerhalb der sonstigen Abkommen auf eine Auslieferung verständigen. „Dies muss aber auf diplomatischem Weg erfolgen“, sagt der Ministeriumssprecher. Ob nun Deutschland oder Irak, Sefin Nahmann P. scheint seinem Schicksal kämpferisch gegenüber zu stehen. „Ich bin bereit für jede straffe die ich bekomme“, heißt es noch immer in seinem bislang letzten Facebookpost vom 3. Juli 2016 (Fehler im Original, Anm. d. Red.), „wenn mich das sogar mein Leben kostet.“

Von Peer Hellerling