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Aus der Stadt Verdi erinnert an Novemberrevolution 1918
Hannover Aus der Stadt Verdi erinnert an Novemberrevolution 1918
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17:27 17.10.2018
Hubert Brieden, Kerstin Faust und Michael Dunst (v.l.) präsentieren die Ausstellung in den Verdi-Höfen. Quelle: Benne
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Hannover

Revolutionen verlaufen in Hannover vergleichsweise gemächlich. Als im November 1918 das morsche Kaiserreich zusammenbrach, Matrosen meuterten und überall im Land Arbeiter- und Soldatenräte die Macht übernahmen, fielen in Hannover nur wenige Schüsse. Durchreisende Matrosen verbündeten sich mit Soldaten der hiesigen Garnison. Schließlich zogen rund 1000 Aufrührer zu den Gefängnissen, um Häftlinge zu befreien.

Dann aber wussten die Revolutionäre nicht mehr so richtig, was sie mit ihrer Macht anfangen sollten. Bald hatten gemäßigte Sozialdemokraten in Hannovers Arbeiter- und Soldatenrat das Sagen – und diese mahnten vor allem zu Ruhe und Ordnung. „In anderen Städten wurde die Revolution blutig niedergeschlagen; in ganz Deutschland starben dabei bis zu 5000 Menschen“, sagt Hubert Brieden.

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Der Historiker ist Organisator der Ausstellung „Wir gehen schweren Tagen entgegen“, die in den Verdi-Höfen an der Goseriede jetzt mit Texttafeln und Fotos an die Novemberrevolution erinnert. Diese sei zu Unrecht in Vergessenheit geraten, sagt Michael Dunst vom Bildungswerk Verdi: „Wer die NS-Zeit verstehen will, muss sich mit ihr beschäftigen.“

Parallelen zur Gegenwart

In Städten wie Berlin metzelten rechte Freikorps die revolutionären Räte nieder; teils setzten sie Flammenwerfer und Maschinengewehre ein. Konservative Sozialdemokraten wie Gustav Noske („Einer muss der Bluthund werden, ich scheue die Verantwortung nicht“) halfen nach Kräften. Auch der erste Reichspräsident Friedrich Ebert (SPD) strickte kräftig an der „Dolchstoßlegende“ mit, nach der das deutsche Heer im Felde unbesiegt geblieben sei, während Juden und Marxisten schuld an der Niederlage im Krieg seien. Die Gewaltexzesse bereiteten den Boden für den späteren Aufstieg der NSDAP.

Michael Dunst sieht durchaus politische Parallelen zur Gegenwart: das Erstarken von Nationalismus, wachsende soziale Ungleichheit, die Zersplitterung der Parteienlandschaft. „Doch 1918 kann auch Mut machen“, sagt er: „Damals nahmen Menschen das Heft des Handelns in die Hand.“ Am Ende blieben von der Revolution demokratische Errungenschaften wie betriebliche Mitbestimmung und das Frauenwahlrecht.

Wie zwiespältig die Erinnerung an die Novemberrevolution dennoch ist, illustriert der Fall des Matrosen Oskar Lünsmann. Der besonders eifrige Revoluzzer hatte am 12. November 1918 auf eigene Faust drei Plünderer erschießen lassen, im „Kampf zur Befreiung des Volkes“. Wegen dreifachen Mordes wurde er selbst nur vier Tage später hingerichtet. Er starb mit den Worten „Hoch die soziale Revolution!“ – und wurde später zur Ikone der Kommunisten.

Am 16. November gibt es nun eine nicht unproblematische Gedenkveranstaltung mit dem DGB-Chor an der Waterloosäule. Dabei wird um 16 Uhr ein Kranz für Lünsmann niedergelegt. Und ein anderer für seine Opfer. Die Aktion sei auch als Provokation gedacht, sagt Hubert Brieden. Sie solle darauf hinweisen, dass die Novemberrevolution bislang kaum aufgearbeitet sei: „Ein Heldengedenken wollen wir nicht.“

Gedenken an 1918

Die Ausstellung „Wir gehen schweren Tagen entgegen“ ist beim Bildungswerk Verdi, Goseriede 10, bis zum 20. Dezember zu sehen. Eröffnet wird sie am Donnerstag, 18. Oktober, um 19 Uhr; Hubert Brieden liest zeitgenössische literarische Texte. Infos zu Führungen: (0511) 12400414. Am 6. November, 19 Uhr, spricht Klaus Giesinger im Rahmenprogramm dort zum Thema „November 1918 – Der verpasste Frühling des 20. Jahrhunderts“. Rolf Hoffrogge hält bei der IG Metall, Postkamp 12, am 13. November um 19 Uhr den Vortrag „Von der Revolution zum Betriebsrat“.

Zum Gedenken an den 100. Jahrestag des Kriegsendes sprechen am 9. November, 15 Uhr, Anna Berlit-Schwigon und Werner Heine im Ratssaal des Neuen Rathauses. Um Anmeldung unter erinnerungskultur@hannover-stadt.de wird gebeten.

Im Kulturcafé Anna Blume auf dem Stadtfriedhof Stöcken erinnert Prof. Bernd Faulenbach am 13. November, 11 Uhr, an Hannovers ersten demokratischen Oberbürgermeister Robert Leinert, der vor 100 Jahren ins Amt kam. Um Anmeldung unter erinnerungskultur@hannover-stadt.de wird gebeten.

Von Simon Benne