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Aus der Stadt Website klärt über die Hitlerjugend in Hannover auf
Hannover Aus der Stadt

Hannover: Website erklärt Schülern die Hitlerjugend in Hannover

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19:43 03.01.2020
Martialische Inszenierung: Aufmarsch der Hitlerjugend auf dem Ballhofplatz im Jahr 1939. Quelle: HMH Hauschild
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Hannover

Das Bild wirkt beklemmend. Doch zugleich fängt es auch etwas von jenem verlockenden Gemeinschaftsgefühl ein, von jener Kameradschaft und Stärke, die junge Menschen oft fasziniert. In Uniformen marschieren Hunderte Jugendliche über den Platz. Ein martialischer Aufzug, der umso verstörender wirkt, als es die Kulisse des NS-Spektakels bis heute fast unverändert gibt.

Fotodokumente zur HJ in Hannover

„Die Gebäude am Ballhofplatz galten damals als ,schönstes Hitlerjugend-Heim Deutschlands‘“, sagt Dietmar Geyer. Der 73-Jährige sitzt in seinem Büro am Rechner und deutet auf das Foto auf dem Bildschirm. Für die Hitlerjungen wurde in den Dreißigerjahren jener Fachwerkanbau geschaffen, der links im Zentrum des Bildes steht. Auf der anderen Seite des Platzes hatten die Mädchen vom „Bund Deutscher Mädel“ (BDM) ihr Domizil. „Das historische Ballhaus dazwischen diente als gemeinsamer Film- und Vortragsraum - und der Platz als Exerzierplatz“, sagt Dietmar Geyer.

Internetprojekt für Schüler

Der frühere Marketingberater hat eine Lebensaufgabe darin gefunden, Jugendlichen die Geschichte der NS-Zeit zu vermitteln, um sie so gegen Antisemitismus und Rassenhass zu immunisieren. „Mit Kranzniederlegungen an Gedenktagen allein kann die Erinnerung an die Verbrechen der Nazizeit rasch zum leeren Ritual werden“, sagt er. Darum hat er die Internetseite www.NS-Zeit-Hannover.de geschaffen. „Für Schüler von heute ist diese Epoche so weit weg wie der Dreißigjährige Krieg“, sagt er. „Plastisch wird die Geschichte für sie erst, wenn sie erfahren, was vor der eigenen Haustür passiert ist.“

"Ich denke dabei besonders an meine fünf Enkel": Dietmar Geyer in seinem Büro. Quelle: Benne

Auf seiner Website informiert Geyer darum über die sieben Konzentrationslager, die es in Hannover gab, und über die Erschießungen auf dem Seelhorster Friedhof 1945. Der Isernhagener hat seine Seite, für die er Monatelang in Archiven und Bibliotheken geforscht hat, schon an mehreren Schulen vorgestellt. „Lehrer setzen sie wegen ihrer lokalen Bezüge gern im Unterricht ein“, sagt er. „Ich bin kein Historiker“, betont Geyer. „Ich denke dabei besonders an meine fünf Enkel.“

Vorbereitung für den Krieg: Kinder bei militärischen Übungen im September 1937. Quelle: HMH

Für ein eigenes Kapitel auf der Seite hat er jetzt ein Thema erforscht, das professionelle Historiker bislang eher stiefmütterlich behandelt haben, obwohl es die Biografien Zehntausender Hannoveraner geprägt hat: die Hitlerjugend (HJ) in Hannover. Reichsweit gehörten der Nachwuchsorganisation der Nazis bis zu 8,7 Millionen Mitglieder an. „Alles lief auf Erziehung zum Krieg hinaus“, sagt Geyer. Jungen wurden vom zehnten bis 14. Lebensjahr als „Pimpfe“ aufgenommen, paramilitärisch gedrillt und ideologisch indoktriniert, ehe sie dann bis zum 18. Lebensjahr als Hitlerjungen dienten.

58 000 HJ-Mitglieder in Hannover

Mädchen wurden zunächst „Jungmädel“, ehe sie mit 14 Jahren zu BDM-Mädchen aufstiegen. „Sie wurden dort auf ihre Rolle als Hausfrau und Mutter vorbereitet“, sagt Geyer. Wie die Jungen trafen sich die Mädchen mindestens zweimal wöchentlich zu Heimabenden, es gab monatliche Ausflüge und Großfahrten im Sommer. Ein Drittel der Zeit, so hatte es Reichsjugendführer Baldur von Schirach verfügt, sollten die Mädchen mit weltanschaulicher Schulung verbringen, zwei Drittel mit „rhythmischer Gymnastik“.

Demonstration auf der Straße: In den Dreißigerjahren demonstrierten Kinder in Waldheim (Roßkampstraße Ecke Dittmerstraße) für die Einrichtung von mehr Heimen für das Deutsche Jungvolk. Quelle: Hist. Museum

Die Hitlerjugend bot Zeltlager und Geländespiele, teils konnten auch Schüler aus ärmeren Familien hier Reiten oder Segelfliegen lernen. Lauter verlockende Angebote: Schon 1934 waren 43 Prozent der Schüler des Ratsgymnasiums Mitglied der Hitlerjugend, an der Herschelschule waren es sogar 89 Prozent. Zwei Jahre darauf wurde die gesamte deutsche Jugend per Gesetz in die Hitlerjugend überführt, teils wurden Schüler klassenweise eingegliedert. Im Jahr 1939 gehörten in Hannover rund 58 000 Jungen und Mädchen der Organisation an.

Falsches Versprechen von Freiheit

Deutsche Heldengeschichten, Körperertüchtigung und Rassenlehre gehörten ebenso zum Dienst wie das Sammeln von Altmetall fürs Winterhilfswerk. Das Prinzip „Jugend führt Jugend“ war für viele von ihnen durchaus attraktiv: Es barg eine trügerische Verheißung von Freiheit. Schüler konnten der lästigen Bevormundung durch Schule und Eltern so scheinbar entgehen. „Eine teuflische Idee“, sagt Geyer.

Während des Krieges zeigte sich, was die Nazis tatsächlich mit den Jugendlichen vor hatten, die so schmuck und schneidig über den Ballhofplatz marschiert waren. In die 1943 aufgestellte „SS-Panzer-Division Hitlerjugend“ wurden fast ausschließlich 17-Jährige eingezogen – und zu Tausenden sinnlos verheizt.

Einsatz im Krieg: Junge Flakhelfer in der Batterie am Nordhafen, um 1943. Quelle: Hist. Museum

Im Februar 1943 bezogen 593 Schüler im Alter von 16 und 17 Jahren als Flakhelfer Stellung in und um Hannover. Sie sollten Soldaten ersetzen, die an der Front gebraucht wurden. In Langenhagen kamen in der Nacht zum 28. September 1943 bei einem Luftangriff auf eine Flakbatterie 13 Schüler von Bismarck- und Humboldtschule ums Leben. Ein sinnloser Tod von Jugendlichen, die noch ihr ganzes Leben vor sich hatten.

Opposition zur HJ: Die „Schniegels“

Nicht alle Jugendlichen waren begeistert von der Hitlerjugend. In Hannover opponierten die „Schniegels“ gegen die totale Gleichschaltung. Statt NS-Uniformen trugen sie taubenblaue Hosen und blauweiß karierte Jackets. Die Jungen hatten vergleichsweise lange Haare, teils reichten diese bis zum Kragen. Und die Mädchen schminkten sich, anders als die bezopften BDM-Mädchen. „Sie trafen sich am Strandbad am Maschsee und hörten mit dem Koffergrammophon Platten von Louis Armstrong“, sagt Dietmar Geyer.

Swingmusik galt den Nazis als entarteter „Nigger-Jazz“. Eine Gruppe von 50 bis 60 männlichen und weiblichen Swing-Fans, die sich „Schlangenhaus-Innung“ nannte, traf sich gleichwohl bis 1943 am Rande der Eilenriede hinter dem Zoo, wo Bänke mit einem sich schlängelnden Gestänge überdacht waren. Opponierenden Jugendlichen drohten massive Repressalien, sie mussten damit rechnen, im berüchtigten Jugend-KZ Moringen zu landen. „Dennoch gab es an der Lutherschule bis 1945 einen „Deutschen Swing-Club“, der 200 Platten und ein eigenes Mitteilungsblatt hatte“, sagt Geyer. Briefe unterzeichneten diese Schüler gern mit „Swing-Heil“.

Von Simon Benne

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