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Aus der Stadt Wie erging es NS-Zwangsarbeitern wirklich?
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Hannover: Wie erging es Zwangsarbeitern bei Bahlsen wirklich?

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00:17 17.05.2019
Verschleppt und entrechtet: Zwangsarbeiterinnen bei Bahlsen. Quelle: PHL
Hannover

Helena E. war erst 16 Jahre alt, als sie bei einer Razzia in der Wohnung ihrer Eltern im polnischen Zgierz festgenommen wurde. Mit anderen Frauen wurde sie in einen Bahnwaggon verfrachtet. Das Ziel: die Bahlsen-Fabrik in Hannover. Mehrere hundert Frauen aus Osteuropa wurden während des Krieges als Arbeitskräfte hierher verschleppt. In einer Keks- und Brotfabrik, die Bahlsen in Kiew betrieb, wurden sie teils nach der Schicht abgefangen und in überfüllten Güterzügen nach Hannover gebracht. Hier mussten sie zwölf Stunden am Tag schuften, sechs Tage in der Woche. Sie lebten in Baracken, später berichteten einige der Frauen, sie hätten sich Kartoffelsäcke beschafft, um etwas am Leib zu haben.

Wie erging es den Zwangsarbeitern bei Bahlsen?

Aus alten Gehaltslisten geht hervor, dass die Zwangsarbeiterinnen mit 0,52 Reichsmark pro Stunde entlohnt worden. Dies entsprach auch dem Lohn der deutschen Frauen – doch ausgezahlt wurden nach Abzug von Krankenkasse, Lohnsteuer und Kosten für Verpflegung und Unterbringung meist nur ein Wochenlohn von wenigen Reichsmark.

„Die Zwangsarbeiterinnen waren auch bei Bahlsen völlig entrechtet – und ob sie ihr Geld in jedem Fall bekamen, ist ungewiss“, sagt die Historikerin Janet von Stillfried. „Sie waren ebenso wie andere Zwangsarbeiter der Willkür ausgeliefert und konnten bei Konflikten von der Gestapo verhaftet werden.“

Mehr lesen: Bahlsen-Erbin sorgt mit Äußerungen für Empörung

Der Willkür ausgeliefert

Im Jahr 1999 verklagten 60 frühere Zwangsarbeiter aus der Ukraine Bahlsen auf Lohnzahlungen und Schmerzensgeld in Höhe von rund zwei Millionen Mark. Das Landgericht Hannover wies die Entschädigungsklage ab, die Anspräche seien verjährt. Die Firma zahlte dennoch Geld in die Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft für die Entschädigung ehemaliger Zwangsarbeiter ein.

In jener Zeit schilderten frühere Bahlsen-Zwangsarbeiterinnen ihre Erinnerungen – und zeichneten ein durchaus differenziertes Bild. Die Aufseherin Emma H., die im Barackenlager an der Podbielskistraße 100 das Regiment führte, beschrieben sie als durchaus gutmütig. Zu viert seien sie in Zimmern untergebracht gewesen, mit warmem Wasser und Zentralheizung. Eine Dolmetscherin habe sie heimlich mit ins Kino oder in Gottesdienste genommen. Mittags hätten sie gemeinsam mit den Deutschen in der Kantine gegessen, teils hätten sie im Weihnachtsurlaub sogar nach Polen reisen dürfen.

Doch solche Berichte dürfen nicht über die wirkliche Lage der Ausgebeuteten hinwegtäuschen. „Zwangsarbeiterinnen lebten in der Regel in gefängnisähnlichen Zuständen“, sagt Historiker Karljosef Kreter, Leiter des Teams Erinnerungskultur der Stadt Hannover. Sie durften sich nur eingeschränkt bewegen, wurden bei Vergehen höher bestraft und geringer entlohnt. Schon bei Verstößen wie wiederholtem Zuspätkommen drohten ihnen drakonische Strafen. Verena Bahlsens Behauptung, die Zwangsarbeiter seien im Betrieb ihrer Familie gut behandelt worden, hält Kreter für eine „leichtfertige Aussage“.

Kriegswichtiger Betrieb

Die Bahlsen-Arbeiterinnen lebten in verschiedenen Lagern, unter anderem auf dem Gelände der heutigen Käthe-Kollwitz-Schule. Osteuropäerinnen, die in der Lebensmittelproduktion schufteten, waren mit Aufnähern auf der Kleidung gekennzeichnet, ein „P“ stand für Polinnen, „Ost“ für die Herkunft aus der Sowjetunion. Vorsichtig veranschlagt Kreter die Zahl der bei Bahlsen beschäftigten Zwangsarbeiter „im vierstelligen Bereich“. „Bahlsen galt als kriegswichtiger Betrieb, daher wurde er mit Arbeitskräften aus dem Osten versorgt“, sagt der Historiker.

Die Gestapo Hannover gab ein „Merkblatt“ zur Behandlung der „fremdvölkischen Arbeitskräfte“ heraus, das den Alltag der Verschleppten bis hin zum „Verbot des Geschlechtsverkehrs mit Reichsdeutschen“ regelte. Die Unterbringung habe „grundsätzlich in geschlossenen Lagern“ zu erfolgen. Ostarbeiterinnen durften sich demnach „in der Öffentlichkeit nicht ohne Bewachung frei bewegen“.

Der inzwischen verstorbene Historiker Waldemar R. Röhrbein kam zu dem Urteil, dass der damalige Bahlsen-Betriebsleiter Kurt Pentzlin dem NS-Regime distanziert gegenüberstand. Doch auch wenn ihre Versorgung der Zwangsarbeiter mit Lebensmitteln im Lebensmittelbetrieb Bahlsen besser war als anderswo, waren diese der Willkür ausgesetzt: Nach dem Krieg berichteten Frauen aus Osteuropa davon, dass sie in Unterwäsche im Schnee antreten mussten. Davon, dass die Gestapo ihnen mit Erschießungen gedroht habe. Und dass einmal fünf Mädchen bei einer Strafaktion „im Kesselhaus mit Ratten“ eingeschlossen worden seien. Vor diesem Hintergrund wirkt die Aussage, Zwangsarbeiter seien „gut behandelt“ worden, reichlich unbedarft.

Von Simon Benne

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