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Aus der Stadt Wie umgehen mit Roma-Kindern in der Schule?
Hannover Aus der Stadt Wie umgehen mit Roma-Kindern in der Schule?
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06:00 04.05.2019
Ist es tatsächlich schwieriger, Roma-Kindern im Unterricht gerecht zu werden? Lehrer berichten, dass Analphabetismus, hohe Fehlzeiten und Gewalt Probleme sein können. Quelle: DANA
Hannover

Da ist dieser Junge – ein Romakind, noch im Grundschulalter –, der der Lehrerin mit der Polizei droht, falls sie weiter versucht, Schulregeln durchzusetzen. Immerhin habe der Vater gesagt, dass Prügeleien auf dem Schulhof in Ordnung seien. Zumal, wenn es um die Familienehre gehe. Also mache er das weiter. Da ist ein anderer, der findet, dass er das Sagen habe und nicht die Lehrerin, die nur eine Frau sei. Er ruft lautstark in die Klasse, wenn sie es wagt, ihn beim Melden zu ignorieren.

Da ist dieses Roma-Mädchen, Erstklässlerin, das nach den ersten Wochen in der Grundschule plötzlich nicht mehr auftaucht. Wochenlang. Irgendwann erfährt die Schule, dass die Familie in die Heimat – nach Rumänien, Bulgarien oder Spanien –, gereist ist, weil dort etwas zu erledigen ist. Und da ist die Achtjährige, von der niemand so genau weiß, wie lange sie bereits eine Schule besuchte. Ein Kind, das nicht lesen, nicht schreiben, nicht rechnen kann und sich plötzlich in der zweiten oder dritten Klasse wiederfindet.

Probleme werden oft nur anonym geschildert

Analphabetismus, hohe Fehlzeiten, Gewalt: wer sich unter Lehrern umhört, die Roma-Kinder unterrichten, bekommt – zumeist nur anonym und vertraulich – viele Probleme geschildert. Diesen Kindern gerecht zu werden, die von der Bildungsferne der Eltern, Armut und Ausgrenzung, geprägt sind, kann offenbar sehr schwierig sein. Aber ist es tatsächlich so, wie unlängst die Schulleiterin der Grundschule Gartenheimstraße, Katja Schaefer, im Bezirksrat Bothfeld-Vahrenheide schilderte, dass in keine Grundschulklasse mehr als ein Roma-Kind passt? Weil mehr Kinder im Zweifel dann den Regeln des Clans statt den Schulregeln folgen? Neben Schaefer hatte sich auch der Leiter der Grundschule Mengendamm, Andreas Kathmann, dagegen gewehrt, zu viele Roma-Kinder aufzunehmen. Beide Schulen sind – wie berichtet –von Umquartierungen aus Notunterkünften im Burgweg und in der Alten Peiner Heerstraße betroffen. Zumindest übergangsweise wurden nach HAZ-Informationen mittlerweile rund 120 Roma in die Notunterkunft in der Podbi 115 gebracht. Langfristig sollen viele in eine neue Unterkunft in Lahe umziehen. Die Stadt will nach Protesten jetzt mit den Grundschulen rund um die beiden Unterkünfte in Kontakt treten, um über „mögliche übergreifende Zuständigkeiten“ zu sprechen. Mehr will man zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen.

Romnja in Berlin ist Mediatorin für alle Schulen im Bezirk

Valentina Asimovic, Roma-Schulmediatorin des Berliner Vereins Regionale Arbeitsstellen für Bildung, Integration und Demokratie e.V. (RAA), aber mag schon den Begriff „Clans“ für Roma-Familien nicht. Es sei in einem fremden Land ziemlich normal, wenn man sich zunächst an die eigenen Leuten halte, zumal, wenn man die Sprache nicht spreche, sagt die heute 40-Jährige. Man müsse keinen Clan dahinter vermuten. Asimovic weiß, wovon sie spricht. Sie ist selbst eine Romnja, flüchtet mit 19 Jahren vor dem Kosovokrieg aus Serbien nach Deutschland, hat sich längst integriert. Seit zehn Jahren gibt sie ihr Wissen als Roma-Schulmediatorin im Bezirk Friedrichshain/Kreuzberg weiter. Gemeinsam mit einer Kollegin ist sie für alle Schulen im Bezirk zuständig: Grundschulen, Oberschulen, Gymnasien. Die Einrichtungen melden sich bei Asimovic, wenn sie Beratung, Hilfe, brauchen.

Schulmaterial wird gemeinsam eingekauft

Besonders in zwei Schulen sei sie sehr oft, weil in deren Einzugsgebiet viele Roma lebten. In anderen sei sie nur einmal im Monat, erzählt sie. Oft schon vor der Einschulung meldeten die Schulen sich. Asimovic bringt häufig bereits die Briefe für die Schuleingangsuntersuchungen, Schulanmeldungen, persönlich vorbei: „Viele Roma können sie ja nicht lesen“. Bei Lehrstandsgesprächen, Elternabenden, ist sie dabei. Es stimme, dass Roma-Eltern oft höchstens 2, 3 Jahre eine Schule besuchten und deshalb Schwierigkeiten mit der deutschen Schulpflicht hätten, erzählt die 40-Jährige.

Wahr sei aber auch, dass in ihrer Heimat in der Schule nie jemand gefragt habe, wo die Roma-Kinder seien. Versäumnisanzeigen habe es bei anderen Kinder gegeben, bei Roma nicht. Wo sie waren, habe niemanden interessiert. Es brauche viel Zeit, Beratung, Vertrauen, um den Roma ein neues Schulverständnis zu vermitteln, sagt Asimovic. Sie macht viele Hausbesuche, um Pünktlichkeit und andere Schulregeln zu vermitteln. Klappt es irgendwann? In ihrer Anfangszeit habe es sehr viele Schulversäumnisanzeigen gegen Roma gegeben, sagt Asimovic: „Jetzt ist es besser.“ Ein weiteres Beispiel: In Berlin bekämen Roma-Eltern zum Schuljahresanfang Geld für Schulmaterial. Sie erläutere den Eltern nicht nur, dass dieses Geld nur für die Materialliste ausgegeben werden dürfe. Sie gehe beim Einkaufen mit: „Das läuft gut“.

Hausaufgaben fehlen oft wegen ärmlicher Wohnverhältnisse

Gut läuft es in „ihren“ Schulen aber auch, weil Asimovic Lehrern die Lebensumstände der Roma erläutert. Wenn ein Kind nie die Hausaufgaben habe, liege es oft an beengten Wohnverhältnissen, in denen das Kind mit Eltern und zum Teil sechs oder mehr Geschwistern lebe. „Die Kinder versuchen oft im Wohnzimmer Hausaufgaben zu machen“, sagt Asimovic, „aber da ist immer ein Geschwister, das alles kaputt macht.“ Oft helfe ein Platz in Hort oder Ganztagsschule. Dort könnten Roma-Kinder die Hausaufgaben machen: „Dann gibt es auch zu Hause keine Probleme.“

Wie wichtig ist es, dass sie Dolmetscherin ist? Die Arbeit unterscheide sich sehr, sagt Asimovic. Ein Dolmetscher übersetze wortgetreu. „Wir übersetzen so, dass beide Seiten nicht in Konflikt geraten.“ Wobei die Konflikte manchmal erheblich sind. Wenn Mädchen, die gerade erst Teenager sind, ein Baby bekommen oder verheiratet werden, geht die Romnja in die Familien der Ehemänner, um ihnen die Erlaubnis für den Schulbesuch der Schwiegertochter abzuringen. Kann sie ein weiteres Beispiel geben? Da sitzt die Mutter eines Roma-Kindes bei einem kontroversen Elterngespräch, berichtet Asimovic. Plötzlich platzt ihr der Geduldsfaden: „Jetzt stehe ich auf und schlage die Lehrerin“, sagt die Mutter aufgebracht. Asimovic lacht. „Das übersetzen wir nicht“, sagt sie dann: „Wir sagen, Frau Soundso hat es eilig, sie muss jetzt gehen.“ Es gehe bei ihrer Arbeit als Schulmediatorin auch darum, Situationen „mit Worten schöner zu machen“, so dass beide Seiten ruhiger würden. „Und irgendwann lösen wir den Konflikt.“

So unterstützen Hannover und Berlin Schulen mit Roma-Kindern

In Hannover gibt es nach Angaben der Stadtverwaltung im Fachbereich Schule eine sogenannte interkulturelle Bildungsassistentin, die die Sprache der Roma – Romanes – spricht. Sie dolmetsche bei Elternabenden, Klassenkonferenzen, Einzelgesprächen, übersetze alle Arten von Schreiben, sagt ein Sprecher. Zudem schlichte sie Konflikte, die sich aufgrund unterschiedlicher Sprachen und Sozialisationen ergäben und stärke Eltern ohne Erfahrungen mit den hiesigen Schulkonventionen den Rücken: auch im Umgang mit Lehrkräften. Darüber hinaus gebe es im Fachbereich Soziales einen Dolmetscher und Mediator aus dem Ethno-Medizinischen Zentrum, der für Roma auch in Schulen als Ansprechpartner zur Verfügung stehe – und eine rumänisch sprechende Sozialarbeiterin.

Die Senatsverwaltung für Jugend und Familie in Berlin finanziert derzeit 8,5 Stellen für Jugendsozialarbeit für neu zugewanderte Schüler ohne Deutschkenntnisse, unter anderem mit Sinti- und Roma-Hintergrund. Die Zielgruppe – ursprünglich ganz auf Kinder mit Roma- und Sinti-Hintergrund ausgerichtet – sei unter anderem deshalb erweitert worden, weil ein Sinti- oder Roma-Hintergrund häufig nicht eindeutig bestimmt werden konnte. Diese Roma-Schulmediatoren werden derzeit in den Bezirken Mitte, Friedrichshain-Kreuzberg, Spandau, Neukölln, Tempelhof-Schöneberg und Lichtenberg eingesetzt. Allein vier davon sind kommen vom Verein Regionale Arbeitsstellen für Bildung, Integration und Demokratie (RAA) e.V. Zwei weitere Roma-Schul-Mediatoren finanziert der Verein unabhängig von der Verwaltung über die Freudenberg-Stiftung. Darüber hinaus gebe es in den Schulen Kultur- und Sprachmittler für die Sprachen Romanes, Bulgarisch und Rumänisch, heißt es von seiten der Senatsverwaltung weiter. jr

Von Jutta Rinas

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