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Hannover-Zoo: NS-Märtyrer aus Hannover soll seliggesprochen werden

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11:33 23.08.2019
Christoph Hackethal (links) im Kreis seiner Familie. Quelle: Bistumsarchiv Hildesheim
Zoo

Offiziell hieß es, er sei an Lungenentzündung gestorben. Doch seine Eltern erhielten neben seiner Asche auch ein blutverschmiertes Hemd ihres Sohnes zugeschickt. Der Priester Christoph Hackethal, ein ausgewiesener Gegner der Nazis, war als Häftling Nr. 268888 im KZ Dachau zu Tode gequält worden.

„Er hat Zivilcourage und Nächstenliebe gezeigt – und dafür letztlich sein Leben gegeben“, sagt der Hildesheimer Prälat Heinrich Günther. Der 77-Jährige setzt sich in einem Initiativkreis dafür ein, dass Christoph Hackethal als NS-Märtyrer vom Papst seliggesprochen wird – gemeinsam mit dem Priester Joseph Müller aus Groß Düngen, der 1944 wegen eines politischen Witzes enthauptet wurde, und Pater Friedrich Lorenz aus Hildesheim, den die Nazis wegen „Wehrkraftzersetzung“ ermordeten.

Priester aus Hannover soll seliggesprochen werden

Hackethal, geboren 1899, wurde in der St.-Marien-Kirche in der Nordstadt getauft und machte 1918 ein Notabitur am Goethegymnasium. Er studierte Theologie, wurde Priester und wirkte als Kaplan unter anderem von 1924 bis 1929 an der St.-Elisabeth-Kirche im Zooviertel. Er gab auch Religionsunterricht am Kaiser-Wilhelm-Gymnasium und engagierte sich in der Jugendarbeit.

Einsatz für Zwangsarbeiter

Während des Krieges kümmerte er sich als Seelsorger in Bad Harzburg dann auch um Zwangsarbeiter aus Frankreich und Polen – obwohl dies verboten war. Die Nazis erlaubten keine gemeinsamen Gottesdienste von Deutschen und Ausländern. Wiederholt verhörte ihn die Gestapo. Dennoch spendete er Ostern 1941 auch polnischen Arbeitern die Kommunion. Darauf wurde er festgenommen und im Straflager Salzgitter-Hallendorf schwer misshandelt. Die Nazis warfen ihm „staatsabträgliches Verhalten und defätistische Äußerungen“ vor.

Hackethal kam ins KZ Dachau. Auch dort schrieb der sensible Geist noch gefühlvolle Gedichte. Erhaltene Briefe an seine Familie bezeugen seinen tiefen Glauben. Von den 2800 Priestern, die in Dachau inhaftiert waren, starben 1034. Er war einer davon. Nach seinem Tod am 25. August 1942 gab es ein feierliches Requiem in der St.-Marien-Kirche. Hunderte zogen zu seiner Beisetzung auf dem St.-Nikolai-Friedhof – Hackethals letzter Weg wurde so zu einer stillen Demonstration des Protestes.

2000 Unterschriften gesammelt

„Glaube braucht Vorbilder“, sagt Prälat Günther, „und diese findet man nicht nur in mittelalterlichen Heiligenlegenden, sondern auch in der jüngeren Vergangenheit.“ Er selbst hält Vorträge über Hackethal und seine Leidensgenossen, sein Initiativkreis hat rund 2000 Unterschriften für die Seligsprechung der modernen Märtyrer gesammelt. Diese ist eine Art Vorstufe zur Heiligsprechung. Das Verfahren zur Seligsprechung ist ein kirchenrechtlich kompliziertes und langwieriges Prozedere in Rom. „Doch wenn die Gläubigen eine Seligsprechung wollen“, sagt Günther, „dann kommt sie auch.“

Am 25. August 2019 gibt es im Hildesheimer Dom um 10 Uhr einen Gedenkgottesdienst mit Bischof Heiner Wilmer für die drei NS-Opfer. Infos über den Initiativkreis Seligsprechung gibt es unter (0 51 21) 2 83 07 83.

Kommentar: Der Erinnerung ein Gesicht geben

Jede Generation muss ihre eigenen Wege finden, um die Erinnerung an die NS-Zeit wachzuhalten. Die letzten Zeitzeugen treten unwiderruflich ab, und je weiter die düstere Epoche zurückliegt, umso abstrakter droht das Geschehen den Nachgeborenen zu erscheinen. Daher rückt seit einigen Jahren die Beschäftigung mit konkreten Einzelschicksalen in den Fokus. Die Stolpersteine im Gehwegpflaster beispielsweise erinnern daran, was mit ganz bestimmten Menschen aus einem ganz bestimmten Haus geschah.

Auch in der katholischen Kirche setzt sich jetzt eine Gruppe dafür ein, die Erinnerung an einen einzelnen NS-Gegner in den Blick zu rücken. Das ist gut, denn der von den Nazis ermordete Priester Christoph Hackethal, der nun seliggesprochen werden soll, ist selbst vielen aktiven Kirchgängern aus St. Marien und St. Elisabeth unbekannt, obwohl er in diesen Gemeinden wirkte. Die Kirchen waren beileibe keine Bollwerke gegen die Nazis. Doch gerade angesichts des erneuten Erstarkens rechter Kräfte schadet es nicht, daran zu erinnern, dass es aus ihren Reihen auch mutigen Widerstand gab.

In Sachen Zivilcourage ist Hackethal nicht nur ein Vorbild für Katholiken, sondern für alle Menschen.

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Von Simon Benne

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