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Aus der Stadt Und auf einmal war ein Juso Oberbürgermeister
Hannover Aus der Stadt Und auf einmal war ein Juso Oberbürgermeister
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00:20 24.11.2018
Herbert Schmalstieg in seinem Wintergarten Quelle: Tim Schaarschmidt
Hannover

Die Politik hannoverscher Jungsozialisten verfolgte ein überschaubares und doch wünschenswertes Ziel. Der Vorsitzende schrieb es im August 1967 eigenhändig ins schwer textlastige Mitteilungsblatt der Jusos. Herbert Schmalstieg erklärte am Schluss eines zwei Seiten langen Aufsatzes: „Durch die Initiative der Jungsozialisten muss Leben in die Partei kommen.“ Nichts Neues also unter der roten Sonne. Noch immer war es so, dass junge Leute mehr Einfluss fordern, als altvordere Herrenriegen zugestehen mochten.

Es dauerte dann nicht mehr lange, bis Schmalstieg selbst seinen Vorsatz in die Praxis umsetzte. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion nominierten Delegierte auf einem Parteitag den Außenseiter zum Oberbürgermeisterkandidaten der SPD. Die Parteispitze war am hellen Tag im Tiefschlaf und ließ sich überrumpeln. Die Bosse bevorzugten den IG-Metaller Albert Kallweit. Gewerkschafter statt Juso, alte Schule, so, wie es immer war. Jetzt war er aus dem Rennen.

Schmalstieg schildert die Aktion verschmitzt: „Man testet, ob man einen Antrag zur Geschäftsordnung durchbekommt. Gibt es eine Mehrheit, kann man den Kandidaten nachschieben.“ In der SPD war Leben. Im Oktober 1972 folgten die Wähler und Schmalstieg war tatsächlich Oberbürgermeister, oder, wie er es bis heute sagt: „Oerbörmeister“, einsilbig auszusprechen. Was nun drohte, schien klar: Hannovers Untergang. CDU-Kontrahent Heinz-Günther Metzger prophezeite in einem harten Wahlkampf, mit einem Juso an der Spitze würden sich die Genossen nur noch „an Luftschlössern berauschen“.

Die Bürger wählten einen 28-jährigen Sparkassen-Werbechef zum Repräsentanten der Landeshauptstadt, der zu Hochzeiten der außerparlamentarischen Opposition an diversen Protestschauplätzen aufgetaucht war. „Ich war mittendrin“, sagt Schmalstieg, er nennt Demonstrationen gegen den Vietnam-Krieg, Blockaden gegen die „Bild“, die Rote-Punkt-Aktion gegen die Üstra. Polizeilich auffällig wurde er nicht. Weder saß der Jungsozialist Schmalstieg auf Straßenbahnschienen, noch wurde er irgendwo in Arrest genommen. Das passierte damals allzu leicht und hätte einer politischen Karriere, die noch nicht einmal geplant war, möglicherweise im Weg

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gestanden.

War Herbert Schmalstiegs Wahl zu Deutschlands jüngstem Oberbürgermeister eine unmittelbare Folge der hannoverschen Protestbewegung? Erreichte der Wunsch einer neuen Generation, aus dem Mief auszubrechen, mitzureden und neue Ziele zu verfolgen, eine im Grunde konservative Partei und sogar ihre Wähler? Fand die Apo in der SPD ihren parlamentarischen Arm? So einfach standen die Dinge nicht, glaubt Schmalstieg. Jusos forderten zwar Nulltarif im Nahverkehr, Bürgerbeteiligung in der Stadtplanung und Mitbestimmung in Rathäusern. Eine Mehrheit bringen ungewöhnliche Forderungen meist indes nicht.

Schmalstieg, der Linke, erklärt seine Wahl zum Kandidaten heute mit zwei Faktoren. „Es gab Kräfte in der SPD, die eine Erneuerung wollten.“ Gleichzeitig habe der rechte Flügel keinen überzeugenden Kandidaten präsentieren können. Hannover ist dann später nicht untergegangen, und folgt man dem Oberbürgermeister a.D., dann sind einige alternative Vorzeigeprojekte Realität geworden, weil der Zeitgeist im Rathaus links stand.

Von Gunnar Menkens

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