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Aus der Stadt Die Studentenbewegung zersplittert – Bürgerinitiativen gründen sich
Hannover Aus der Stadt Die Studentenbewegung zersplittert – Bürgerinitiativen gründen sich
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00:20 24.11.2018
Ist das Unterricht? Ist das Pause? Für manchen Betrachter vermischten sich die Dinge in der alternativen Glocksee-Schule. Quelle: Christiane Reinecke, HAZ-Archiv
Hannover

Das Wachstum wurde allmählich zum Problem. Autos der neuen Wohlstandsbürger verstopften die Straßen und drängten Menschen an den Rand. Abgase vergifteten die Atemluft. Lärm war das Geräusch der Stadt. Privater Grundbesitz verhinderte vielerorts eine menschenfreundliche Stadtplanung.

Zeit für neue Idee, dachte sich Hannovers Oberstadtdirektor Martin Neuffer. Und wer glaubte, die Forderung nach einem Nulltarif für Straßenbahnen sei eine revolutionäre Forderung von Studenten, der übersah, dass der Sozialdemokrat auf einem anderen Spielfeld waghalsige Pläne entwarf. Auf 220 Buchseiten entwickelte Neuffer 1970 sein sehr langfristig angelegtes Modell für eine lebenswerte und umgekrempelte Stadt. Der Chef im Rathaus blickte 55 Jahre voraus.

Der autonome Mensch

Neuffer setzte auf einen starken Staat. Verbrennungsmotoren sollten bis 1985 verboten und durch neue Technik ersetzt werden. Ein Lärmschutzgesetz schreibt in diesem Drehbuch schallisolierte Wohnungen vor und für Motoren eine maximale Lautstärke. Kohle und Ölheizungen wären ebenso zu verbieten wie, spätestens in den 90er-Jahren, kontinentaler Flugverkehr. Kommunen hätten das Recht, Boden zu enteignen und für öffentlichen Wohnungsbau zu nutzen. Ein Schnellbahnnetz als Alternative zur Straße wäre aufzubauen. Für Städte empfahl Neuffer zwei Ebenen, auf der unteren wären nur Autos unterwegs, darüber nur Fußgänger.

Maßlose Ideen, die zum Allgemeinwohl in gewohnte Freiheiten der Menschen eingreifen? Oder Science-Fiction für Freaks? Martin Neuffer verstand seine Vorschläge keinesfalls als Utopien, sondern als notwendige Lösungen für wachsende Probleme seiner Zeit. Doch alles, was Neuffer empfahl, blieb Papier.

Unterricht in der Waldorfschule 1972.

Konkreter waren die Pläne in Hannover-Döhren. Dort beabsichtigten Eltern um den Sozialphilosophen und Universitätsprofessor Oskar Negt zu Beginn der 70er-Jahre eine Schule, die ihre Kinder konventionellen staatlichen Anstalten nicht aussetzen wollten. Statt in Einheiten zu jeweils 45 Minuten vorgegebenen Lehrstoff im Frontalunterricht in jungen Köpfen unterzubringen, wurde Bildung umfassender verstanden. „Unser Ziel war der autonome Mensch. Wir wollten die Neugier der Kinder fördern, sie sollen nicht nur kognitiv lernen, sondern auch sozial und emotional“, sagt Negt, heute 84 Jahre alt, im Rückblick. Negt hatte zu Veranstaltungen in den Hörsaal 6 in der Wunstorfer Straße eingeladen und berichtete 600 Zuhörern von einem neuen Projekt in Frankfurt-Rödelheim. Mütter und Väter fragten sich ja, ob sie ihre Kinder auf staatliche Schulen schicken sollten, wenn deren Zeit in frisch gegründeten Kinderläden zu Ende ging.

1972 startete dann im Gebäude des früheren Fuhramts ein bundesweit einzigartiger Schulversuch. Die Glocksee-Schule war geboren. Sie war Ausdruck einer neuen Pädagogik, die sich unter dem Schlagwort der antiautoritären Erziehung verbreitet hatte. Kleine Klassen. Schüler duzen Lehrer, die wiederum Kinder nicht nach Noten beurteilen, sondern Berichte schreiben. Ein Prinzip hieß Selbstregulierung: Schüler klären Probleme unter sich und lernen nach dem Lustprinzip.

Solch ein Unterricht war natürlich umstritten, doch der energische Oskar Negt nutzte die „Einzigartigkeit der politischen Situation“, um den Schulversuch durchzusetzen. Kultusminister Peter von Oertzen war ein guter Freund, während in Hannover mit Herbert Schmalstieg gerade ein weiterer Sozialdemokrat Oberbürgermeiser geworden war, der das Projekt im Rathaus unterstützte. In der Glocksee-Initiative stellte sich dennoch die Klassenfrage. Sollte man öffentliches Geld nehmen für die neue Schule? Oder würde Verzicht auf staatliche Förderung nicht geradewegs in eine Privatschule mit Schulgeld führen? Der reformpädagogisch zur Autonomie erzogene Mensch, er bliebe eine Frage des häuslichen Kontostands.

Negt war strikt dagegen. „Eine private Lösung war für mich unvertretbar.“ Er verstand den Glocksee-Versuch als öffentliches Projekt und ließ der Theorie private Praxis folgen, indem er seine eigenen Kinder nach Döhren schickte. Man begann mit Grundschulklassen und stritt später um jede Erweiterung. Als die Elterninitiative 1974 im Schulausschuss beantragte, künftig auch fünfte und sechste Klassen als Ganztagsschule unterrichten zu dürfen, erklärte ein Ratsherr der CDU, die Pädagogik an der Schule sei „unvereinbar mit unserer Arbeits- und Wirtschaftsstruktur“. Glocksee-Freunde dürften da gedacht haben, dass sie ganz richtig liegen mit ihrer alternativen Schule. Wer wollte denn Menschen ausbilden bloß für die Logik einer Arbeits- und Wirtschaftsstruktur? Negt hatte ja gesagt worum es bei Erziehung auch geht: „Leistung spielt sich auch auf der Ebene sozialen Verhaltens ab.“

Flugblätter und Gasmasken

Im Gefolge der außerparlamentarischen Opposition gründeten sich in Hannover zahlreiche weitere Initiativen. Dort machte mit, wer nach dem Ende der Studentenbewegung nicht in bedeutungslosen politischen Splittergruppen versuchte, die Weltrevolution doch noch voran zu treiben. Im Gegensatz zu vielen Protesten der Apo hatten diese Gruppen keine System sprengenden Ziele. Nun lagen die Themen auf der Straße, direkt vor der Haustür. Ein Beispiel: Im Oktober 1971 wurden Autofahrer von Menschen in der City mit Gasmasken überrascht, die Flugblätter verteilten, man warnte vor Luftverschmutzung. Es war eine frühe Aktion der frisch gegründeten Bürgerinitiative Umweltschutz. Im selben Jahr begann das Drogenberatungszentrum Hannover (Drobs), junge Leute ertrotzen sich Jugendzentren in Kornstraße und Glocksee. Frauen begannen sich zu organisieren, die Anti-Atom-Bewegung wuchs heran. Friedensbewegte knüpften an Traditionen der Ostermarschierer an.

Eine neue Linke entstand. Im Alltag geriet sie regelmäßig in Konflikt mit etablierter Politik und einer Gesellschaft, die mit neuen Form von Protestkultur und der Suche nach alternativen Lebensformen oft wenig anfangen konnte. „Das andere Hannover“, nannte der Politikwissenschaftler Heiko Geiling in seinem gleichnamigen Buch diese Initiativen. Bei aller Unterschiedlichkeit politischer Ziele, Milieus und Organisationsformen beschrieb er die gemeinsamen Werte einer neuen Bewegung am Rand der Gesellschaft: „Emanzipation gegen Bevormundung. Partizipation gegen Herrschaft. Soziales Engagement gegen soziale Ungleichheit. Integration gegen Ausgrenzung.“ Der Verfasser war als früherer Hausbesetzer nahe dran an dieser Szene. Er war einer von den vielen jungen Leuten, die es später trotzdem zu einem ordentlichen Beruf brachten.

Mehr aus unserer Serie „Hannover im Jahr 1968“

Auf unserer Themenseite finden Sie weitere Artikel und Bilder aus unserer Serie.

Von Gunnar Menkens

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