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Aus der Stadt Hannoveraner spart für die Rente mit 40
Hannover Aus der Stadt Hannoveraner spart für die Rente mit 40
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06:00 21.08.2018
Seine Welt kostet wenig: Oliver Noelting aus der List, Mitinitiator der Fire-Bewegung, verzichtet auf aufwendigen Lebensstil und investiert 70 Prozent seines Einkommens in Aktien. Quelle: Samantha Franson
Hannover

Auf großem Fuß hat Oliver Noelting noch nie gelebt. Ein materiell anspruchsloser Schüler, sparsamer Student und jetzt bescheidener Softwareentwickler mit halber Stelle. Die Bescheidenheit und der problemlose Verzicht auf viele materielle Dinge ist Grundvoraussetzung für Noeltings Lebensplanung. Der 29-Jährige aus der List will nämlich sein Geld so anlegen, dass er mit 40 nicht mehr arbeiten muss und damit unabhängig ist. Rente auf dem Skateboard schwebt ihm unter anderem vor. „Das heißt nicht, dass ich dann nichts mehr machen will“, sagt der schlaksige junge Mann mit dem kleinen Bärtchen. Nichts mehr machen zu müssen – das sei das Ziel.

Nicht ins Hamsterrad

Noelting ist Teil einer neuen Bewegung, die sich Fire nennt – eine Kurzform für „Financial Independence, Retire Early“. Das heißt übersetzt so viel wie „Finanzielle Unabhängigkeit, früher Ruhestand“. Statt im Hamsterrad 40 Jahre um eine bürgerliche Existenz zu kämpfen, wollen die Fire-Anhänger ihre verpflichtende Arbeitszeit auf bis zu 20 Jahre eindampfen – finanziert durch passives Einkommen wie Aktienrenditen.

„Ich habe mir irgendwann nach dem Studium vorgestellt, dass ich nun Jahrzehnte in einem Büro sitze, Auto, Haus und Weihnachtsgeld habe“, sagt der 29-Jährige, der in Leipzig geboren und in Braunschweig aufgewachsen ist. Das sei ihm so vorgekommen, als verpasse er sein Leben. Er sei immer glücklich mit wenig gewesen, das sollte zum Konzept werden. Per Zufall ist der Softwareentwickler auf den Blog eines kanadischen Programmierers gestoßen und fing buchstäblich Feuer. Dem zeitigen Ruhestand des Kanadiers liegt die sogenannte Vier-Prozent-Regel zugrunde. Sie geht davon aus, dass man bei kluger Anlage und auf lange Sicht 4 Prozent Rendite für investiertes Vermögen erwirtschaften kann. Dieses Geld kann man demnach entnehmen, ohne das Grundkapital anzutasten. „Wenn ich also einmal rund 40 000 Euro im Jahr zum Leben benötige, muss ich eine Million ansparen“, erläutert Noelting.

Vermutlich werde er so viel nicht zusammenbekommen, aber er arbeitet daran. Rund zwei Drittel seines Einkommens als Festangestellter sowie Freiberufler für verschiedene Projekte werden angelegt. „Ich habe mit meiner Freundin eine günstige Wohnung, kein Auto und wenig Bedarf an neuer Kleidung.“ Von seinem Einkommen von rund 2300 Euro netto wandern 1500 Euro monatlich in börsengehandelte Indexfonds, sogenannte ETF-Fonds, und Staatsanleihen. „Breit gestreut und immer langfristig angelegt.“ Jeder Euro, der in die Kasse kommt, bringt ihn näher zu seinem Ziel. Noelting probiert auch einiges aus – um neue Erfahrungen zu sammeln und zu sparen. So ist er unlängst im Winter den Weg vom Hauptbahnhof zu seinen Eltern in Ahlten zu Fuß gegangen. „Das war eine tolle Erfahrung.“ Auch Seife hat er schon selber gemacht, und beim Kochen ist der 29-Jährige ebenfalls kreativ. „Ich gehe auch gerne mal essen, mit Freunden aus oder fahre in den Urlaub“, betont Noelting. Mit purem Geiz will er nichts zu tun haben. Fundamentalen Minimalismus nennt er sein Konzept. „Ich lebe nicht asketisch, sondern eher wie ein Dauerstudent.“ Es gehe ihm nicht nur um die Rente, sondern auch darum, der Pflicht zu arbeiten zu entgehen. Außerdem will er die Konsumgesellschaft nicht bedienen, wohl wissend, dass sein Plan nur funktioniert, weil andere für ihn konsumieren. „Ich lebe davon, dass andere mehr ausgeben als ich.“ Kapitalismuskritik mit Kapitalismus.

Noelting möchte aber nicht nur Skateboard fahren, auch Familiengründung ist geplant. Und die Krankenversicherung ist vom Festjob gedeckt. „Natürlich kann sich irgendwann unser finanzieller Bedarf verändern. Aber das sehen wir dann.“ Ihm sei Freiheit wichtiger als Sicherheit. Aber auch mit höherem monatlichen Bedarf hat Noelting ausgerechnet, dass er mit 40 Jahren aus dem aktiven Berufsleben aussteigen kann – nicht unbedingt in den Ruhestand, sondern in die finanzielle Unabhängigkeit. Auf ein Erbe kann der Fire-Anhänger übrigens nicht setzen, er muss finanziell schon alleine planen. „Ich gebe mein Geld effizient aus, für mich bedeut das, reicher zu leben.“

Fire-Bewegung: Reicher leben

Die Anhänger der Fire-Bewegung oder auch Frugalisten (frugal: einfach, bescheiden, mäßig) verzichten auf übermäßigen Konsum und versuchen, einen Großteil ihrer Einkünfte zu sparen und anzulegen. So vergrößern sie ihr Vermögen während die Bedürfnisse und Ansprüche gleichzeitig schrumpfen. Um herauszubekommen, wie viel Geld nötig ist, um sich zur Ruhe zu setzen, stützen sich viele Anhänger auf die sogenannte Trinity-Studie. Forscher haben ein fiktives Vermögen rückwirkend in verschiedenen Zeiträumen zwischen 1925 und 1995 angelegt. Bei einer Entnahme von höchstens vier Prozent wäre es selbst in den ungünstigsten Fällen nach drei Jahrzehnten nicht aufgebraucht gewesen. Wer also 40.000 Euro zum Leben braucht, benötigt mindestens eine Million Euro an Kapital. Die Studie ist allerdings umstritten, weil sie Steuern außen vorlässt und sich nur auf US-Aktien in einem Zeitraum besonders hoher Renditen bezieht.

In den USA gibt es bereits in jeder größeren Stadt sogenannte „Fire-Communities“. Europa hinkt da noch ein wenig hinterher, Deutschland erst recht. Neben seinem „Fire“-Blog im Internet –einem der zehn größten Finanzblogs in Deutschland – hat Oliver Noelting daher jetzt das erste Treffen potenzieller Anhänger und Interessanten in Hannover organisiert – ganz entspannt beim Picknick im Ihmepark. Da wird es dann unter anderem darum gehen, wie die Verzicht ambitionierten jungen Leute damit umgehen, von den Zinsen ihres Ersparten zu leben, während andere bis ans Lebensende schuften müssen. „Das Ganze ist eine persönliche Entscheidung“, betont Noelting. Mehr als 1 Prozent der Menschen würden sein Lebensmodell vermutlich nicht übernehmen. „Warum auch immer.“

Von Susanna Bauch

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