Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Aus der Stadt So attraktiv ist Hannovers Innenstadt für Kunden
Hannover Aus der Stadt So attraktiv ist Hannovers Innenstadt für Kunden
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:20 21.02.2019
Die Kunden sind mit dem Angebot zufrieden – nur beim Ambiente hapert es etwas in Hannover. Quelle: Katrin Kutter
Hannover

Ein überdurchschnittlich gutes Handelsangebot, problemlose Erreichbarkeit und einen guten Gesamteindruck bescheinigen Kunden der hannoverschen Innenstadt – allerdings spürbare Mängel beim Ambiente. Das ist das Ergebnis der groß angelegten Studie „Vitale Innenstädte“, bei der das Kölner Institut für Handelsforschung (IFH) zum zweiten Mal 60 000 Passanten befragt hat, in Hannover etwa 1600. Hannover hat dabei überdurchschnittlich gut abgeschnitten: Die Besucher gaben die Schulnote 2,4, bundesweit lag der Schnitt bei 2,6. In der Gruppe der Großstädte allerdings fällt Hannover leicht ab, da lautet der Durchschnitt 2,3. Überraschendes Ergebnis: Die Zahl der hannoverschen Innenstadtbesucher, die mit dem Auto kommt, ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen, die der Bus- und Bahnfahrer, Radler und Fußgänger dagegen gesunken.

Onlinehandel wird zur Konkurrenz

Gefährlich für den Innenstadthandel: Immer mehr Menschen kaufen im Internet und gehen deshalb seltener in die Innenstadt. Der Wert lag bei der vorgehenden Befragung für Hannover noch bei rund 15 Prozent, jetzt ist er auf 21 Prozent geklettert – das entspricht dem Anteil auch in den Vergleichs-Großstädten. „Für Sie sind diese 21 Prozent aber ein gefährlicher Wert“, sagte IFH-Studienleiter Boris Hedde bei der Präsentation am Montagnachmittag: „Wir haben ja nur die Menschen befragt, die noch in die Stadt kommen. Die, die schon zuhause bleiben, sind bei dieser Zahl schon gar nicht mehr dabei.“

Kundenfrequenzen in allen Großstädten sinken

Alle Städte kämpfen derzeit mit dem Phänomen. Sowohl die Kundenfrequenzen wie auch die Umsätze in den Geschäften gehen zurück – besonders trifft es kleine Fachgeschäfte. Studienleiter Hedde sagt, dass noch stärkere Anstrengungen nötig seien, um die Innenstädte attraktiv zu halten. Streckenweise seien die Beteiligten zu träge: „Ich verstehe nicht, wieso der Onlinehandel es problemlos hinbekommt, den Menschen ihre Einkäufe nach Hause zu bringen, während das im stationären Handel nicht einmal im Weihnachtsgeschäft funktioniert.“

Andere Städte wie Köln oder Nürnberg begännen damit, die Kundschaft mit „lokalen Loyalitätsaktionen“ an sich zu binden. Nachgedacht werde etwa darüber, bei Einkäufen Umsatzanteile gutzuschreiben, die zum Beispiel von Parkgebühren abgezogen würden oder sozialen Zwecken zugute kämen. Hannovers Wirtschaftsdezernentin Sabine Tegtmeyer-Dette versprach, Anregungen aus der Studie mitzunehmen. „Wir sind in intensiven Gesprächen mit allen Beteiligten darüber, wie wir die Innenstadt noch attraktiver machen können.“ Die städtische Wirtschaftsförderung und der Handelsverband haben die Sonderauswertung der Studie für Hannover finanziert.

Bei Ambiente und Flair hat Hannover Nachholbedarf

Insgesamt sei Hannover „eine tolle Stadt“, sagte IFH-Forscher Hedde. Er besucht mit seinen Daten derzeit alle 116 teilnehmenden Städte. „Nicht bei allen sind die Ergebnisse so, dass ich da gerne vortrage.“ Allerdings zeigte er auch, wo die Stadt spürbar Probleme hat. Während die Passanten mit Hannovers Einkaufsangebot sehr zufrieden sind, gab es im Kapitel Ambiente und Flair deutliche Abstriche. In allen acht abgefragten Kriterien von der Schönheit der Fassaden über Sehenswürdigkeiten bis hin zu Sicherheit und Sauberkeit schneidet Hannover schlechter ab als der Durchschnitt der Vergleichsstädte.

Am Ambiente zu arbeiten sei ein langfristiges Vorhaben, sagte Hedde. „Natürlich sind Städte wie Köln oder Hannover, die im Krieg stark zerstört wurden, da stark im Nachteil.“ Es gelte aber auch, etwa Ausschilderungen zu verbessern oder Plätze besser in Schuss zu halten. City-Manager Martin Prenzler sagte, dass Hannover derzeit auf einem guten Weg sei. Mit der kürzlich gestarteten Sicherheitsoffensive und dem neuen Programm Hannover sauber würden viele Kritikpunkte ausgeräumt: „Man muss auch einmal einen Straßenkehrer in der Fußgängerzone sehen.“ Die Befragung war im September, bevor die Aktionen angelaufen sind.

Mehrzahl kommt zum Shoppen in die City

Mehr als die Hälfte der Hannover-Besucher kommt zum Einkaufen in die Stadt, immerhin noch ein Drittel nutzt die gastronomischen Angebote. Monika Dürrer vom Handelsverband lobt: „Hannover hat ein attraktives Einzelhandelsangebot und bietet zudem eine große Vielfalt im Bereich Gastronomie, Kultur und Freizeit.“ Allerdings müssten „Kundenorientierung und Erreichbarkeit mit allen Verkehrsmitteln im Fokus stehen, um den Aufenthalt für alle Kunden, Gäste und Besucher abwechslungsreich und angenehm zu machen“.

Parkgebühren sind einer der großen Kritikpunkte

Tatsächlich gehören die Parkgebühren in der Innenstadt erneut zu den großen Kritikpunkten der Befragung – und das sogar, bevor sie zum Jahreswechsel erhöht worden sind. IFH-Mann Hebbe allerdings schränkt ein: „Parkgebühren sind immer ein sehr emotionales Thema.“ Sogar in Vororten, in denen nur wenige Cent pro Viertelstunde gezahlt werden müssten, sei die Höhe der Gebühren ein Negativpunkt bei den Befragungen gewesen. Deshalb lasse sich zum Beispiel mit einer Senkung von Parkgebühren die Zufriedenheit mit der Innenstadt nicht langfristig steigern. Wichtig sei, dass die Erreichbarkeit der Innenstadt insgesamt gut geregelt sei – und da könne Hannover mit seinem attraktiven Nahverkehrsangebot offenbar punkten.

Das sagen die Kunden

Hat sich Ihr Einkaufsverhalten geändert?

Die Zahl derer, die verstärkt auch im Internet kaufen und daher seltener in die Innenstadt gehen, ist in Hannover drastisch gestiegen: Von 15 Prozent vor zwei Jahren auf jetzt 21 Prozent, ein Alarmsignal für Händler. Interessant ist aber: 21 Prozent ist konstant der Wert, der für Hannovers Vergleichsstädte auch schon vor zwei Jahren ermittelt wurde und auch heute noch gilt. In Hannover nutzt etwa die Hälfte der Besucher die Innenstadt exakt weiter so häufig wie seit Jahren – der Onlinehandel hat ihre Gewohnheiten nicht geändert. Gesunken ist dagegen der Anteil derer, die überhaupt nicht online kaufen, von 34,6 auf aktuell 29,3 Prozent.

Warum kommen Sie in die Innenstadt?

Die meisten Passanten kommen zum Einkaufen in die Stadt: Mit 53,1 Prozent sind es sogar 2,2 Prozentpunkte mehr als in vergleichbaren Großstädten. Auch die Nutzung des gastronomischen Angebots ist in Hannover etwas stärker als in den Vergleichsstädten. Beim Freizeitangebot und Sightseeing hat Hannover noch Luft nach oben – und beim Wohnen in der Innenstadt sogar stark. Hier klafft die Spanne zum Durchschnitt der Vergleichsstädte mit 2,3 Prozentpunkten am stärksten.

Wie kommen Sie in die Innenstadt?

Der überwiegende Teil der Besucher kommt mit Bussen und Bahnen – fast drei Prozentpunkte mehr als in den Vergleichsstädten. Allerdings hat sich der Trend geändert: Noch bei der 2017 veröffentlichten Studie waren es 61,3 Prozent, die mit öffentlichem Nahverkehr kamen, dagegen nur 20 Prozent mit dem Auto (aktuell: 27,7 Prozent). Auch der Anteil an Radfahrern und Fußgängern ist leicht gesunken. Auffällig: Vor allem bei den Fußgängern sind es in den Vergleichsstädten fast doppelt so viele.

Woher kommen Sie in die Innenstadt?

Fast zwei Drittel der Innenstadtbesucher kommen aus Hannover, 39 Prozent dagegen von auswärts. Das spiegelt fast exakt auch den Schnitt der Vergleichsstädte in der Studie. Allerdings hat Hannover bei den auswärtigen Besuchern in den vergangenen Jahren etwas zugelegt. In der 2017 veröffentlichen Studie hatten noch 63,7 Prozent angegeben, aus Hannover zu kommen. Entsprechend waren es 36,3 Prozent von auswärts.

Kunden wünschen mehr Wohnaccessoires

Das große Esprit-Geschäft am Schillerdenkmal hat geschlossen, auch der Benetton-Megastore in der Georgstraße will aufhören, das New-Yorker-Haus in der Bahnhofstraße ist seit fast einem Jahr geschlossen – die Innenstadt ist derzeit spürbar im Wandel. Die befragten Kunden haben in der IFH-Studie Noten verteilt, wo sie das Angebot gut finden und wo sie Nachholbedarf sehen. Demnach erzielt Hannover bei Bekleidung Top-Werte: In Schulnoten ausgedrückt wurde ungefähr eine 1,9 vergeben – das entspricht allerdings dem Durchschnitt aller Vergleichs-Großstädte.

Auch bei Schuhen und Lederwaren sowie Kosmetik und Drogeriewaren fühlen sind die Kunden in Hannovers Innenstadt ausreichend versorgt. Bei Wohnaccessoires und Einrichtungshäusern allerdings gibt es Nachholbedarf. Die hannoverschen Kunden gaben dem Angebot nur die Schulnote 3, der schlechteste Wert in den elf abgefragten Sortimenten. „Befriedigend reicht nicht“, sagt Studienleiter Boris Hedde: „Ihr Ziel muss sein, dass auch da ein Gut steht.“ Auch in der Vorgängerbefragung, die 2017 publiziert worden war, hatten Kunden dieses Defizit benannt. Im Spätherbst, nach der aktuellen Befragung, haben rund um den Kröpcke sowohl Manufactum wie auch der niederländische Einrichter Hema eröffnet – möglicherweise würde sich bei einer neuen Umfrage der Zufriedenheitswert erhöhen.

Ebenfalls schlecht bewertet wurden Büro- und Schreibwaren – in diesem Bereich hat im Oktober mit Osswald der letzte Fachhändler in der Innenstadt geschlossen. Auch bei Elekronik- und Fotoartikeln, Optikern, Schmuckhändlern und Buchhandlungen sehen die Kunden Nachholbedarf. Besser als der Durchschnitt der Vergleichs-Großstädte ist die Note einzig im Bereich Sport/Spiel/Hobby. Von Studienleiter Hedde gab es dafür ein Lob: „Diese Sortimente werden inzwischen vielfach im Internet gekauft, da ist es gut, wenn Hannovers Kunden mit dem Angebot in der Innenstadt zufrieden sind.“

Auch bei Ladenöffnungszeiten sowie der Erreichbarkeit mit Auto und Rad sind die Zufriedenheitswerte besser als in den Vergleichs-Großstädten – wenn auch die Erreichbarkeit mit dem Auto in allen befragten Städten als insgesamt schlecht eingestuft wurde. Bei Freizeit- und Gastronomieangeboten hat Hannover der Umfrage zufolge noch Nachholbedarf, die Schulnote liegen leicht unter den Durchschnitten anderer Städte.

Kommentar: Noch viel zu tun

Glücklich kann Hannover sein, als Einkaufsstadt so eine hohe Anziehungskraft auszustrahlen. Vor allem die Vielfalt des Handels lockt Kunden in großer Zahl an. Das ist eine Auszeichnung – aber zugleich eine große Bürde. Denn ausgerechnet die Vielfalt der Angebote ist es auch, die die Kundschaft vermehrt zu Shoppingportalen ins Internet abwandern lässt. Wenn der Internethandel zunimmt – und davon gehen derzeit alle Forscher aus – verliert Hannovers Innenstadt ihr wichtigstes Pfund.

Auf allen Ebenen muss daher nachgesteuert werden. Es ist seltsam, dass der Anteil der Kunden, die mit Bus und Bahn kommt, auf einmal abnimmt – der Ausbau der Stadtbahnlinie 10/17 hat ja vor allem die Autofahrer gequält. Es ist aber auch bedenklich, dass autofahrende Kunden weiterhin große Mängel beim Parkplatzangebot benennen – obwohl es aus dem Rathaus stets heißt, die Ausstattung der City mit Stellplätzen sei ausreichend. Die Innenstadt muss attraktiv für alle Kundengruppen sein, egal mit welchem Verkehrsmittel sie kommen.

Lesen Sie auch diese Texte:

Der HAZ-Bericht zur Studie Vitale Städte aus dem Jahr 2017 findet sich hier.

Ein Bericht zur Schließung von Esprit und Benetton (Februar 2019)

„Der Innenstadthandel hat Fehler gemacht“: Interview mit Handelsexperte Dirk Wichner von JJL

Ein Kommentar: Die Innenstadt von Hannover muss sich für den Wandel wappnen (Dezember 2018)

Von Conrad von Meding

Kommentare 0 Nutzungsbedingungen
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Die Polizei Hannover hat einen Verdächtigen ausfindig gemacht, der Anfang Februar versucht haben soll, einer Mutter in Linden-Nord das Kind zu entreißen. Es handelt sich offenbar um einen geistig verwirrten Mann. Im Internet verbreitete sich vergangene Woche eine privat verfasste Warnung rasend schnell.

18.02.2019

Beamte der Bundespolizei haben am Freitag am Flughafen Hannover einen 19-jährigen Algerier festgenommen. Gegen den jungen Mann lagen zwei Haftbefehle wegen Diebstahls vor.

18.02.2019

Die Fassade des Alten Rathauses muss saniert werden. Erstes Anzeichen: Einige der Türmchen sind bereits mit roten Schutznetzen ausgestattet, weil abplatzendes Material herunterfallen könnte. Wie teuer die Reparaturen werden, steht noch nicht fest.

21.02.2019