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Aus der Stadt Fairkauf verpasst sich eine Auffrischung
Hannover Aus der Stadt Fairkauf verpasst sich eine Auffrischung
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06:00 07.03.2019
Ein ehemaliges Möbelhaus ist das Domizil des Sozialkaufhauses Fairkauf in der Innenstadt. Quelle: Katrin Kutter
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Hannover

 Als die Handwerker in der vierten Etage des Sozialkaufhauses Fairkauf in der Limburgstraße den alten Nadelfilzboden aufnahmen, erlebten sie eine Überraschung. Darunter befand sich feines Eichenholzparkett. „Wir wissen inzwischen, dass hier früher mal ein Tanzstudio war“, sagt Fairkauf-Vorstandsmitglied Klaus Hibbe. Vom ursprünlichen Plan, die Fläche mit Linoleum zu belegen, nahm man Abstand und ließ stattdessen das Parkett aufarbeiten.

Fairkauf-Vorstand Klaus Hibbe zeigt die Möbelabteilung. Quelle: Katrin Kutter

Der Boden passt zur Frischekur, die sich das Kaufhaus verpasst hat. „Wir reagieren auf Kundenwünsche, die sich verändert haben“, erklärt Hibbe. Maler und andere Handwerker sind in den vergangenen zwei Monaten durch das Haus gezogen. Auch am Sortiment hat der Vorstand gearbeitet und den Textilbereich vergrößert. Die Möbelabteilung in der vierten Etage ist zwar geblieben, aber größere Stücke stehen dort nicht mehr, sondern im Lager in Vahrenwald. „Der Transport im Haus war zu aufwändig, weil die Möbel ständig auf- und wieder abgebaut werden mussten. In Vahrenwald haben wir den nötigen Platz“, sagt Hibbe.

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Das denkmalgeschützte Haus in der Innenstadt war vor elf Jahren die Keimzelle von Fairkauf, das mittlerweile auch in Linden, Mühlenberg, Langenhagen, Laatzen und eben in Vahrenwald vertreten ist. Am Anspruch hat sich nichts geändert. Fairkauf setzt mit seinem aus Spenden stammenden Second-Hand-Angebot auf Nachhaltigkeit. Vor allem Kunden mit kleinem Geldbeutel sollen hier zu ihrem Recht kommen, wobei sowohl an die Ware als auch an die Beratung Qualitätsmaßstäbe angelegt werden. „Wir sind keine Abgabestelle für Sperrmüll“, betont Hibbe.

Umsatz liegt bei 3,5 Millionen Euro

Man kann Fairkauf als eine Mischung aus Antiquariat, Boutique, Möbel-, Spiel- und Haushaltswarenhandel unter einem Dach bezeichnen. Auch das Wort Flohmarkt ist nicht ganz falsch. Man findet hier Sachen, die es in anderen Kaufhäusern nicht mehr gibt – Diaprojektoren oder Tonbandgeräte im Elektrosortiment zum Beispiel.

Rund 3,5 Millionen Euro Umsatz hat Fairkauf mit seinen sechs Filialen im vergangenen Jahr erzielt, die Tendenz geht leicht nach oben. „Davon sind nur 6000 Euro als Überschuss geblieben“, bilanziert Hibbe. Das liegt daran, dass der genossenschaftlich organisierte Betrieb nicht auf Gewinnmaximierung aus ist, sondern sein Geld ins Personal steckt. Das wird derzeit mal wieder aufgestockt. Aktuell sind es 103 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte, von denen 50 zur Stammbelegschaft zählen. Darüber hinaus bildet Fairkauf aus und gibt in Zusammenarbeit mit dem Jobcenter durch Qualifizierungen und Praktika Menschen eine Perspektive, die den Anschluss an den Arbeitsmarkt verloren haben. Und nicht zuletzt unterstützen 60 ehrenamtliche Helfer den Betrieb.

Rund 1000 Kunden kaufen täglich ein

Auf jeder Etage arbeiten Teams aus erfahrenen Mitarbeitern und solchen, die noch lernen müssen. Anja Bodsch etwa, gelernte Einzelhandelskauffrau mit 27 Jahren Berufserfahrung, hat ihren früheren Job wegen Geschäftsaufgabe verloren. Jetzt ist sie seit zwei Jahren in der Modeabteilung bei Fairkauf in der City für die Kunden da. „Sie hat Erfahrung in Warenpräsentation und Preisgestaltung, kennt die Marken und hat ein Auge für die Bedürfnisse der Kunden“, lobt Hibbe.

Durchschnittlich 1000 Kunden am Tag kaufen in der Limburgstraße ein, weitere kommen zum Bummeln und Stöbern. Geht es nach Hibbe, könnten es mehr sein. „Es gibt sicherlich Schwellenängste“, vermutet er und bekräftigt, dass man die bei Fairkauf so wenig haben müsse wie bei anderen Kaufhäusern. Das Angebot wende sich nicht nur an Bedürftige.

Aufrunden wird belohnt

Seit Februar läuft in den sechs Fairkaufhäusern eine Aktion zur Kundenbindung; „Ich bin fairliebt“ lautet das Motto. Teilnehmer runden an der Kasse den ausgeschilderten Preis für einen Einkauf um einen selbst gewählten Betrag auf und erhalten dafür einen Stempel in einem Heftchen. Wer zehn Stempel gesammelt hat, kann als Dankeschön zwischen zwei Geschenken wählen. Das Geld wird für die Qualifizierungsprogramme in den Häusern verwendet.

Bernhard Raetzer hat keine Schwellenangst. Er stöbert in der seit eh und je im Erdgeschoss untergebrachten Buchabteilung und hat auch dieses Mal wieder ein Werk über Kunst gefunden, das er gerne mitnimmt. So etwa alle 14 Tage guckt er bei Fairkauf herein. Warum? „Hier findet man Sachen, die es anderswo nicht mehr gibt“, sagt er. Einen Diaprojektor braucht er allerdings nicht.

Fairkauf ist eines der bundesweit größten gemeinnützigen Warenhäuser für gebrauchte Gegenstände des Alltags.

Von Bernd Haase

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